Es dauerte eine weitere halbe Stunde, bis Gebäude aus Stein und Lehm am Horizont auftauchten. Endlich Fort Dodge. Bis jetzt hatte er Satan im Schritt gehen lassen. Nun trieb er ihn zu schnellem Trab an.
Erst sah er einen großen Wagenpark, dann berittene Trupps beim Drill. Hinter dem Fort ertönte das Knallen vom Schießtraining. Dies war kein in Routine erstickter Militärposten; dafür gab es zu viele Aktivitäten. Sein Blut geriet in Wallung.
Der Offizier vom Dienst warf dem reichlich düsteren Fremden einen mißtrauischen Blick zu und meinte, er könnte den Mann, nach dem er sich erkundigt hatte, wahrscheinlich beim Marketender finden. Charles bog hinter den Ställen nach Süden ab und ritt auf ein Lehmhaus mit flachem Dach zu, vor dem einige angebundene Pferde standen. Er stellte Satan dazu und ging hinein.
Dutch Henry Griffenstein spielte an einem alten, runden Tisch in der Ecke Karten. Vor ihm lag der größte Haufen Papiergeld. Die anderen drei an dem Spiel beteiligten Zivilisten kannte Charles nicht. Einer, ein unscheinbarer Mann mit wirrem Haar und einer Pfeife zwischen den Zähnen, verstreute beim Mischen ständig die Karten. »Du bist zu betrunken, Joe«, sagte der Spieler zu seiner Linken und nahm ihm die Karten ab. Joe rülpste und sackte in sich zusammen.
»Charlie«, rief Griffenstein und sprang auf. »Du hast das Telegramm bekommen.«
»Bin gleich am nächsten Tag los.«
»Jungs«, sagte Dutch Henry und führte ihn an den Tisch, »das ist Cheyenne Charlie Main. Charlie, das hier ist Stud Marshall, das Willow Roberts und hier«, seine Stimme nahm einen ehrerbietigen Klang an, als er den ungekämmten Mann vorstellte, der ungefähr zehn Jahre älter als Charlie sein mochte, »unser Scout-Chef. California Joe Milner.«
California Joe, der kaum geradeaus sehen konnte, schüttelte Charles die Hand. Milner trug einen schmutzigen spanischen Sombrero und hatte einen rötlichen Backenbart, der eine ganze Weile nicht mehr gestutzt worden war; insgesamt war er einer der schlampigsten Menschen, die Charles je gesehen hatte.
»Joe ist der Mann, für den ich arbeite, Charlie«, sagte Dutch Henry. »Und du jetzt auch.«
California Joe rülpste. »Wenn der General sein Okay gibt.« Er sprach mit Akzent. Nichts Kultiviertes wie die elegante Südstaatensprechweise, sondern mehr das nasale Jaulen der Grenzberge. Tennessee vielleicht oder Kentucky.
»Er meint Custer«, sagte Dutch Henry. »Wir haben mehr als einen General. Wir haben auch General Al Sully. Little Phil hat ihm das Kommando über das Siebte Regiment übertragen, während Curly noch im Exil saß. Hat ihn südlich vom Arkansas geschickt, um Indianer zu jagen. Hat sich dabei nicht gerade ausgezeichnet. Phil bat daraufhin Sherman, Curlys Strafe auszusetzen, damit wir einen Feldkommandeur haben, der weiß, wie gekämpft wird. Custer und Sully sind beide Leutnant Colonels, aber Sullys Brevet ist nur das eines Leutnant General, deshalb behauptet Custer, er hätte den höheren Rang. Sie streiten die ganze Zeit herum.«
»Geht dich nichts an«, sagte California Joe zu Charles. »Ich berichte Custer und du ebenfalls, wenn er dich nimmt. Je als Scout im Indianerterritorium gewesen?«
»Ich war da über ein Jahr mit ein paar Händlern unterwegs. Könnte nicht sagen, daß ich alles im Gedächtnis habe.«
»Das spielt keine Rolle. Als Scout brauchst du eigentlich nur einen Taschenkompaß und ein bißchen Mumm.«
»Mein Wort wird dir wohl genügen müssen, daß ich geeignet bin.«
California Joe lachte. »Du hast gesagt, er ist in Ordnung, Henry. Er ist in Ordnung. Main, geh zu Custer. Du findest ihn unten im neuen Camp am Bluff Creek, wo er seine Truppen drillt. Wenn er sein Okay gibt - der Lohn beträgt fünfzig Dollar im Monat.«
»Ich habe mein eigenes Pferd dabei.«
Ein weiterer Rülpser. »Dann sind's fünfundsiebzig. Verdammt, ich brauche bald wieder einen kräftigen Schluck.«
Milners trunkene Possenreißerei beeindruckte Charles nicht sonderlich. Dutch Henry bemerkte es und zupfte ihn am Arm.
»Ich brauche selbst einen Drink. Komm, Charlie, ich lade dich ein. Ich bin draußen, Jungs.« Sie marschierten zu der Bar aus rohen Baumstämmen. California Joe nahm sein neues Blatt auf und ließ drei Karten auf seine schmierige Hosen fallen.
»Das ist Custers berühmtes Schoßtierchen?« fragte Charles ungläubig.
Dutch Henry grinste. »Eins von den Zweibeinigen. Custer hat auch zwei seiner Hirschhunde mitgebracht, als Sherman es so einrichtete, daß er von Michigan zurück konnte. Hier geht's langsam los. Phil und Uncle Bill haben Grant endlich überzeugt, daß wir den Krieg zu den Wilden tragen sollten. Offensive, nicht Defensive. Der Plan geht dahin, sie wieder in ihr Territorium zurückzutreiben und diejenigen umzubringen, die nicht friedlich in die Reservation gehen und dort bleiben.«
Charles leerte ein Glas scharfen Fusels in drei Schlucken. »Du willst sagen, das ist der Plan, wo der Winter vor der Tür steht?«
»Ich weiß, es klingt alles andere als vernünftig, aber in Wirklichkeit ist es ganz schön clever von Little Phil. Die Wilden haben sich in ihren Dörfern niedergelassen, und du weißt so gut wie ich, daß ihre Pferde vom Futtermangel schwach sind.«
»Ich hab' in Leavenworth was läuten hören, daß Sherman geplant hatte, Sheridan schon letzten August loszuschicken.«
»Das stimmt, aber das verdammte Innenministerium hat ihm wieder eins ausgewischt. Die Friedenstauben haben die Armee zum Stillhalten gezwungen, bis ein sicheres Lager für die Wilden errichtet worden war, die niemanden bedrohen.«
Charles riß mit dem Daumennagel ein Streichholz an. Hinter der Flamme kniff er die Augen zusammen und paffte dicke Rauchwolken aus der Stumpenzigarre. »Wo ist das Camp?«
»Fort Cobb. Satanta hat seine Kiowa bereits reingebracht. Zehn Bären seine Comanchen. Einige Cheyenne wollten ebenfalls hinein, aber General Hazen hat sie weggeschickt, weil wir mit den Cheyenne nicht in Frieden leben. Die Cheyenne sind es, hinter denen wir her sind. Einige von ihnen haben schon wieder eine arme weiße Frau entführt, Mrs. Blinn, und ihren kleinen Jungen, drüben bei Fort Lynn, am 1. Oktober.«
»Wer waren die Cheyennehäuptlinge, die nach Fort Cobb gingen?«
»Es war nur einer. Schwarzer Kessel.«
Charles nahm die Zigarre aus dem Mund. Er rollte sie zwischen den Fingern hin und her. »Und sie haben ihn nicht reingelassen? Von der ganzen Bande ist Schwarzer Kessel am harmlosesten.«
»Ein Cheyenne ist ein Cheyenne, so hat es jedenfalls Hazen gesehen.« Dutch Henry verstand nicht, weshalb Charles besorgt dreinschaute. Abgesehen davon war es ihm egal. Er schlug seinem Freund auf die Schulter. »Herrgott noch mal, Charlie, bei Beecher's Island hast du was verpaßt. Die Rächer Salomons haben sich ganz ordentlich verkauft.«
»So nennt ihr euch, Rächer Salomons?«
»Jawohl, Sir. Wir haben einen ganzen Haufen Indianer umgebracht. Aber es warten noch eine Menge andere. Cheyenne und Arapahoe ...«
»Die Armee sollte Schwarzer Kessel in Ruhe lassen.«
»He, ich dachte, du haßt die ganze Bande.«
»Ihn nicht«, sagte Charlie unbehaglich. Ganz deutlich sah er Willas blaue Augen vor sich. Dutch Henry runzelte die Stirn.
»Charlie, ich sagte dir doch, niemand kümmert sich darum, welche Cheyenne in Ordnung sind und welche nicht. In erster Linie geht's darum, sie zu töten. Wenn du was dagegen hast, vergißt du die ganze Sache besser.«
Er dachte an Boy und Holzfuß, an den armen, geschlachteten Hund.
»Ich habe nichts dagegen.«
Er bestellte noch einen Drink. Der Rauch seiner Zigarre trieb an seinen Augen vorbei, die so kalt geworden waren wie der herbstliche Himmel.
Er verstand nicht, daß ein Schnapsfaß wie California Joe Mil-ner die Gunst von George Custer hatte gewinnen können, doch offensichtlich war das der Fall. Also schüttelte Charles dem Chef der Scouts die Hand, bevor er das Lehmgebäude verließ. Große Schneeflocken wirbelten um ihn herum. Der Himmel war fast schwarz. Ein Soldat tauchte vor ihm auf und drückte ihm etwas in die Hand.