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»Guten Abend, Sir«, sagte Custer, hob die Zeltbahn und folgte Charles nach draußen. Ein Mann erregte Charles' Aufmerksamkeit, der gerade durch den Lampenschein vor dem Hauptquartier ging. Der leichte Schneefall ließ zwar keine gute Sicht zu, doch der rostbraune Bart und die steife Haltung waren unverkennbar.

Der Mann duckte sich in ein Zelt. Custer sagte: »Kennen Sie den Mann?«

»Unglücklicherweise ja.«

»Wenn Sie etwas gegen ihn haben, dann behalten Sie das für sich. General Sherman hat vor, sich uns anzuschließen. Eine Anzahl seiner Adjutanten vom Stab des Departements sind bereits hier. Captain Venable ist einer von ihnen.« Gezielt fügte er hinzu: »Ein erstklassiger Offizier. Fähig und loyal.« Loyal. Das Wort bestätigte, was Charles zuvor schon gehört hatte: Man war entweder Custers Anhänger oder sein Feind. Ein Mittelding gab es nicht.

»Jawohl, Sir«, sagte er.

»Entschuldigen Sie mich.« Aus der Art und Weise, wie der General ihm den Rücken zuwandte, konnte Charles schließen, daß er zum Schluß nicht gerade den besten Eindruck auf Custer gemacht hatte.

Custer eilte in die Dunkelheit hinein. Schnee sammelte sich auf Charles' Schultern und seiner Hutkrempe. Venable. Guter Gott. Er erinnert sich, daß der Wachtposten bei seiner Ankunft eine Bemerkung über sein Glück gemacht hatte. Jetzt schien es sich wieder von ihm abgewandt zu haben.

47

Er wartete oben auf dem Kutschsitz; der Wagen stand dicht an der Wand des Kornspeichers. Über ihm an der Wand ragte das Bild eines gewaltigen Kopfes auf, der heroische Kopf eines Soldaten in Uniform, begrenzt von roten und blauen Farben, mit weißen Sternen geschmückt, gib uns den frieden, stand in großen Lettern über dem Kopf. Ähnlich groß stand darunter:

GRANT.

Ein kalter Regen fiel aus dem Nachthimmel. Bent saß da und starrte das Kandidatenporträt an. Von Zeit zu Zeit schauderte er zusammen; die Novemberluft war so kalt wie Januar. Alle Angehörigen der kleinen Farmergemeinschaft von Grinnell saßen sicher und warm hinter verschlossenen Türen.

Drossel kam aus dem Kornspeicher, ein Bündel Geld in seinen fetten Fingern. Drossel war ein Farmer, für den Bent gearbeitet hatte, seit er im Spätsommer auf diesen kleinen Weiler in Iowa gestoßen war. Drossel war kleiner als Bent, ein älterer, aber robuster Mann. Er trat dicht an den Wagen heran, zählte einige Geldscheine ab und reichte sie hoch. »Ihr Lohn«, sagte er mit seinem starken Akzent.

»Ich danke Ihnen, Herr Drossel.« Herr und Frau Drossel sprachen sich ebenfalls so an, mit der Formalität der Alten Welt, und er hatte die Gewohnheit übernommen.

Die Drossels waren kurz nach den politischen Unruhen im Europa des Jahres 1848 nach Amerika emigriert. Sie hatten im Poweshiek County, Iowa, fruchtbares Land und eine vielversprechende Zukunft gefunden. Sie waren Republikaner, Lutheraner; sanfte, fleißige Menschen, die fraglos Bents Erklärung akzeptiert hatten, er sei ein Veteran der Union auf der Reise nach Westen, der in Colorado nach Verwandten suchen wollte. Er wollte wieder mit seiner Familie vereint sein, sagte er. Die Dros-sels verstanden dieses Verlangen und seine Einsamkeit. Gott hatte ihnen alles, nur keine Kinder geschenkt, hatte Bent von Frau Drossel an seinem dritten Tag auf der Farm beim Abendessen erfahren. Dabei hatte sie mit abgewandtem Gesicht geweint.

»Der letzte Rest der Ernte ist gut verkauft worden. Unsere Krippen sind für den Winter gefüllt. Folgen Sie mir ins Haus, Herr Dayton. Ich habe für diesen festlichen Abend einen besonderen Schnaps bereitgestellt.«

»Kein sehr festliches Wetter«, sagte Bent, die Geldrolle im Auge behaltend, die Drossel unter seinen schäbigen Wollmantel steckte. Drossel war recht gewichtig, trug eine Halbbrille und hatte einen ordentlichen weißen Bart von einem Ohr bis zum anderen. Seine Stiefel klatschten durch den Schlamm, als er auf einen vor Bent stehenden Wagen zuging. Bents Gedanken rasten, planten; er deutete auf ein anderes Poster an der Wand des Kornspeichers. Grants Plakat war darübergeklebt worden, und darunter waren nur noch die Buchstaben mour sichtbar.

»Ich nehme an, in diesem Teil von Iowa ist der demokratische Kandidat nicht sonderlich beliebt?«

»Tscha«, sagte Drossel, eine Art klickendes Geräusch. Er drückte sich seinen runden Wollhut auf den Kopf und kletterte über das Rad auf den Bock des ersten Wagens. »Was wissen wir denn von diesem Seymour? Ein New Yorker Gouverneur. Genausogut könnte er vom Mond kommen. Grant allerdings, Grant kennen wir. Grant ist ein Mann der ganzen Nation. Deswegen wurde er nominiert. Deswegen wird er gewinnen.«

»Aufgrund seiner Reputation«, sagte Bent; er spürte den ersten schmerzhaften Stich der spitzen Ahle zwischen seinen Augen. Winzige Lichtblitze begannen durch seinen Kopf zu schießen. Militärischer Erfolg hätte ihn bis ins höchste Amt der Nation tragen können, wenn seine Feinde ihm nicht seine Armeekarriere zerstört hätten.

Ruhig, dachte er. Bleib ganz ruhig. Der Gedanke an alte Wunden würde dieselben nur wieder aufreißen. Niemals würden sie heilen. Er konnte nichts anderes tun, als weiterhin den Blutpreis für sie einzutreiben. So hatte er es in Lehigh Station getan, und bald würde er es bei seinem nächsten, sorgfältig ausgewählten Opfer wieder tun.

»Herr Dayton, schlafen Sie?« Drossel scherzte, aber mit einer gewissen teutonischen Strenge. Während der zurückliegenden Wochen harter Arbeit in den Kornfeldern hatte Drossel oft genug Bent befohlen, dieses oder jenes zu tun, und Bent wäre dem alten Mann beinahe an die Kehle gesprungen. Nur wegen des größeren Ziels - er brauchte das Geld, um seinen Rachefeldzug fortführen zu können - hatte er den heftigen Drang unterdrücken können, Drossel an seinen eigenen Befehlen ersticken zu lassen.

»Es regnet sehr stark. Wir verschwenden Zeit. Frau Drossel wartet mit dem Festessen.«

In Bents Kopf verwandelte sich eine weiße Lichterexplosion in ein warmes Rosa. Heute abend wird noch mehr warten, dachte er mit einem verschlagenen Lächeln, das Drossel nicht sah. Der alte Mann ließ die Zügel über seinen Maultieren knallen und den Wagen in die Dunkelheit rollen, fort von den Lichtern der Farmergemeinschaft.

Die Drossels lebten eine halbe Stunde von Grinnell entfernt, im welligen Hügelland. Innerhalb von zwei Meilen gab es keinen Nachbarn; aufgrund der Topographie waren ihr hübsches weißes Haus und die Ställe aus der Entfernung kaum zu sehen.

Im Haus angekommen, zog sich Bent ein trockenes Hemd und trockene Socken an. Frau Drossel, die der knopfäugigen Puppe eines kleinen Mädchens ähnelte und deren Mund nie stillstand, brachte dampfende Platten mit Schnitzeln und Rotkohl auf den hübsch gedeckten Tisch. Herr Drossel bot seine verstaubte Flasche Schnaps an, als handle es sich um Champagner. Der heiße, scharfe Pfefferminzgeschmack besänftigte Bents Nerven etwas; er wärmte ihn und ließ ihn das eintönige Geräusch des Regens vergessen. Kurz darauf hörte es auf zu regnen. Bent war dankbar. Das kam seinem Plan zugute.

»Es tut uns leid, daß Sie uns verlassen, Herr Dayton«, sagte Frau Drossel nach der Mahlzeit. »Es ist sehr einsam hier draußen. Die langen Winterabende sind schwer zu füllen.«

Darüber brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen, dachte Bent. Nur mit Mühe brachte er ein Grunzen als Antwort hervor, weil sein Kopf so schmerzte. Als Drossel sich vom Tisch erhob, bemerkte Bent seine vom Bargeld ausgebeulte Hosentaschen. Der Farmer behielt das Geld bei sich, als er unten die Fensterhaken überprüfte und die Türen absperrte. Bent schützte Müdigkeit vor und sagte gute Nacht.