»Gute Nacht, Herr Dayton«, sagte Frau Drossel und stellte sich impulsiv auf die Zehenspitzen, um seine stoppelige Wange zu küssen. Er mußte sich beherrschen, um nicht angewidert zurückzuzucken. Ihre feuchten alten Augen machten ihn ganz krank. »Das hat gutgetan, Ihre Gesellschaft all die Wochen.«
»Ich wünschte, ich könnte bleiben, Frau Drossel. Sie und Ihr Mann sind für mich wie eine Familie.« Hinter seinen Augen blitzten und explodierten die Lichter. Seine herabhängende Schulter pochte von der feuchten Kälte. »Ich werde Sie wirklich vermissen. Aber das Leben führt einen jeden von uns eine andere Straße entlang.«
»Ja, welch ein Jammer«, rief sie, während er in einer Vision den höllischen Glanz am Ende ihrer Straße vor sich sah. Beinahe hätte er gekichert, behielt aber seinen frommen Gesichtsausdruck bei, als sie ihn tätschelte. »Ich verstehe, daß Sie jene finden müssen, die Ihnen nahestehen.«
»Ja, ich bin ihnen schon recht nahe. Es kann nicht mehr lange dauern.«
»Gute Nacht, Herr Dayton«, rief Drossel, als Bent die enge, kleine Treppe hochkletterte. Als er die Tür zur Bodenkammer schloß, hörte er Drossels abschließende Bemerkung: »Sie sind ein guter Mann.«
Anstatt sich ins Bett zu legen, zog er seinen Mantel wieder an und wickelte sich ein langes, wollenes Tuch um den Hals. Er zerrte seinen Koffer unter dem Bett hervor und inspizierte den Inhalt. Das tat er jeden Abend, eine Art abergläubisches Ritual, das ihm Erfolg garantieren sollte.
Das zusammengerollte Gemälde lag unten am Boden unter einigen schmutzigen Kleidungsstücken. Dann wühlte er zwischen den Sachen herum, bis seine Finger den Tränenohrring ertasteten.
Lächelnd schloß er den Koffer wieder. Aus einem Regal in der Ecke nahm er den verschmutzten Zylinderhut, den er gestohlen hatte, um den in Lehigh Station verlorenen Zylinder zu ersetzen. Er setzte ihn auf, dann zog er Handschuhe an, bei denen die meisten Fingerspitzen fehlten. Voll angekleidet ließ er sich auf dem Bettrand nieder, während die schmerzhafte Ahle sich tiefer und tiefer in seinen Schädel bohrte und die blendend hellen, imaginären Lichter explodierten.
Unten hörte er die Uhr im Schlafzimmer des alten Paares halb eins schlagen. Es war Zeit.
Er schlich die Treppe hinab und drehte langsam den Türknauf. Er öffnete und lauschte dem regelmäßigen Atem der beiden Schläfer. Er trat ein und schloß mit einem leisen Klicken die Tür. Einen Augenblick später erfüllten unterdrückte, gedämpfte Schreie das Haus.
Der Regen hatte aufgehört, aber überall war es noch feucht. Bent zitterte, als er aus dem Hof der Farm humpelte. Er bog nach links auf die nach Westen führende Straße ab. Mit saugenden Geräuschen klatschten seine Stiefel in den Schlamm.
Er marschierte eine Viertelmeile, bevor er sich sicher genug fühlte, um anzuhalten und zurückzublicken. Seine linke Hand blieb in der Tasche; seine Finger streichelten zärtlich über das gewaltige Geldbündel, das er Herrn Drossel abgenommen hatte. Seine erregte Männlichkeit preßte sich von innen gegen das Bündel.
»Ah!« Ein seliger Seufzer. Jetzt war das Farmerhaus nicht mehr nur ein Schatten in der Nacht. Im oberen Stockwerk glühte rosiges Licht hinter rauchenden Vorhängen auf. Während er zusah, flammten die Vorhänge auf.
Bent duckte sich am Straßenrand zusammen, genoß die Vorfreude auf die köstlichen Laute, die er einen Moment später hörte. Das alte Paar. Bewußtlos geschlagen, dann mit Streifen des Lakens sicher ans Bett gefesselt. Sie erwachten. Spürten die Hitze des Feuers, das er unten im Wohnzimmer entfacht hatte. Fühlte das Sengen und Knistern unter ihrem Bett - dem Bett, dem sie nicht entrinnen konnten.
Sie hatten ihn für solch einen guten Mann gehalten. Sie hätten lernen sollen, daß es in dieser Scheißwelt gefährlich war, der äußeren Erscheinung zu trauen oder Fremden aufs Wort zu glauben.
Eines der oberen Fenster barst, dann ein anderes. Flammen schossen hinaus. Das Fauchen wurde von Schreien übertönt.
Bent wandte dem strahlenden Glanz den Rücken zu und beugte sich über seinen Koffer. Er holte den Tränenohrring mit seiner filigranen Goldfassung hervor. Ein paarmal strich er mit den Fingerspitzen über die Perle, was ihn jedesmal in heftigere sexuelle Erregung versetzte. Die Erinnerung an Constances zerfetzte Kehle war noch sehr lebhaft.
Von seinen Lippen sprühten kleine Schaumflocken, als er sich den Ohrring in sein linkes Ohrläppchen bohrte. Es erfreute und amüsierte ihn, das Mahnzeichen der Bestrafung George Hazards zu tragen.
Er stülpte sich den Zylinder auf den Kopf und humpelte westwärts. Die hüpfende Perle fing das Licht des brennenden Farmhauses ein; es war, als hinge ein schillernder Tropfen geronnenen Blutes an seinem linken Ohr.
Bald schon verschwand der Schein des Feuers hinter dem Horizont, und er humpelte in die Dunkelheit hinein. Das große Geldbündel und der Gedanke an sein nächstes Opfer hielten ihn warm. Bald. Bald.
LEKTION XI
Jungen beim Spiel
Kannst du einen Drachen steigen lassen? Sieh, wie der Junge seinen Drachen steigen läßt. Er hält die Schnur fest, und der Wind trägt ihn hoch ...
Jungen rennen und spielen gern.
Aber sie dürfen nicht grob sein. Brave Jungen spielen nicht in grober Weise, sondern passen auf, daß sie einander nicht weh tun.
Wenn Jungen spielen, müssen sie freundlich sein und dürfen nicht schlecht gelaunt sein. Wenn du schlecht gelaunt bist, möchten brave Jungs nicht mit dir spielen.
Wenn du hinfällst, darfst du nicht weinen, sondern mußt aufstehen und weiterrennen. Wenn du weinst, halten dich die anderen Jungs für ein Baby ...
McGuffeys Ausgewähltes Lesebuch für die erste Klasse 1836-1844
MADELINES JOURNAL
Oktober 1868. Die Zivilbehörden finden keinen Täter für den Mord an May und Ridley. Wie konnte ich nur etwas anderes annehmen? Gerechtigkeit könnte sich durchsetzen, wenn das Militär Nachforschungen anstellen würde, aber das dürfen sie nicht. S.C. befindet sich im >Wiederaufbau< ...
Theo hat eine alte Schiffsglocke in C'ston gekauft. Ich habe sie poliert und neben der Haustür angenagelt, damit man damit - falls nötig - Alarm schlagen kann. Wir haben jetzt unsere eigene Miliz im Ashley-Bezirk - ausschließlich Neger, die meisten von M.R. -, die Zwischenfälle bei den Wahlen verhindern soll. Der Klan läßt sich häufig im Bezirk blicken. Die Situation bleibt sehr angespannt. Deshalb bewacht ein Mann jede Nacht dieses Haus. In einem zivilisierten Land, in einem Land, das in Frieden lebt, scheint das unvorstellbar. Und doch höre ich den Wachmann patrouillieren, höre seine nackten Füße über den Boden rascheln und weiß, das Unheil ist ganz real....
M.-L. wird teilnahmslos und gleichgültig in der Beengtheit, der sie hier unterworfen ist. Ihre Ausbildung wird vernachlässigt. Eine unbefriedigende Situation. Muß etwas unternehmen ...
... November 1868. In der Stadt gewesen, am vorletzten Tag vor der Wahl. Habe eine Soldatenparade gesehen - marschierende Einheiten, die sich Jungs in Blau für Grant< nannten.
Seymour, Grants Gegner, genießt hier kaum Ansehen, doch Blair, der als sein Vizepräsident kandidiert, ist der Liebling der weißen Bürger. Blair bezeichnet die Wiederaufbauregierungen als >Promena-denmischungen<, verspricht lautstark, die >Geburtsrechte< des Südens wiederherzustellen, und erklärt öffentlich, die weiße Rasse sei >die einzige Rasse, die sich fähig gezeigt hat, eine freie Regierung zu unterhaltene Kein Wunder, daß die Yankees sagen: »Kratz an einem
Demokraten, und ein Rebell kommt darunter zum Vorschein.« Judith sagt, sie fürchtet sich, an Cooper zu kratzen, weil sie Angst vor der Wahrheit hat. Hinter diesem mühsamen Scherz versteckt sich große Besorgnis; C. ist ein fanatischer Anhänger von Blair...