General Sully, U.S.M.A. '41, war etwas älter, als Orry jetzt gewesen wäre. Der General hatte einen berühmten Vater, Thomas Sully aus Philadelphia, Maler von Porträts und historischen Szenen; selbst ein Kunstbanause wie Charles kannte Sullys historische Darstellung von General Washingtons Passage über den Delaware.
Der Sohn des Künstlers war ein kultivierter Mann, mit dem üblichen brustlangen Bart. Obwohl es ihm vor kurzem nicht gelungen war, irgendwelche Indianer südlich vom Arkansas aufzuspüren und zu vernichten, besaß er eine erstklassige Reputation, die auf den Mexikanischen Krieg zurückging. Man hielt ihn für einen erfahrenen Indianerkämpfer, da er die Sioux anläßlich der Minnesota-Rebellion von 1863 in die Black Hills zurückgetrieben hatte. Charles behielt Custer scharf im Auge; der Boy General konnte seine Abneigung gegen Sully nicht ganz verbergen. Für beide war auf dieser Expedition kein Platz, entschied Charles.
Anhand von Karten erläuterte Sully, daß drei Angriffskolonnen gleichzeitig in das Indianerterritorium vorstoßen würden. Ein gemischtes Kommando aus Infanterie- und Kavallerie marschierte von Fort Bascom, Territorium von New Mexico, nach Osten. Eine zweite Kolonne, die Kavallerietruppe der Fünften unter Brigadier Eugene Carr, würde von Fort Lyon, Colorado, aus nach Südosten losschlagen, auf die Antelope Hills zu, ein markanter Punkt gerade jenseits des North Canadian.
Die zentrale Kolonne war die von Sully oder Custer, je nachdem, auf wessen Seite man stand. Das war die Hauptstreitmacht. Sie bestand aus elf Truppen des Siebten Regiments und fünf Infanteriekompanien des Dritten, Fünften und Achtunddreißigsten Regiments. Die Kolonne würde direkt nach Süden vorstoßen, eine Versorgungsbasis aufbauen, sie unter dem Schutz der Infanteristen zurücklassen und dann weiter gegen jedes Lager der Cheyenne oder Arapahoe losschlagen, das sie auf dem Territorium finden konnten. Die anderen beiden Kolonnen fungierten als eine Art Treiber, die die Indianer in einer Zangenbewegung vor die Hauptstreitmacht jagen, sagte Sully. Charles entdeckte, daß all dies durch einige alte Freunde von ihm ermöglicht worden war.
»Deine Jungs von der Zehnten«, sagte Dutch Henry nach der Versammlung, »sind jetzt entlang des Smoky Hill postiert. Wenn sie nicht wären, würde Custer immer noch dort oben patrouillieren, anstatt hier unten dem Ruhm nachzujagen. Diese Schwarzen haben einen verdammt guten Ruf. Da ist jeder Mann ein besserer Soldat als all die weißen Schnapsdrosseln in der Armee. Niemand gibt es gerne zu, aber es stimmt.«
Das brachte die Erinnerung an Magic Magee und Sternengucker Williams, an Old Man Barnes und Colonel Grierson zurück. Es brachte auch ein schmales, befriedigendes Lächeln auf Charles' Gesicht. Zum erstenmal seit langer Zeit.
Eines Abends, als Charles gerade am Feuer der Scouts ein spätes Essen zu sich nahm, blickte er auf und sah einen dürren, gelblichen Hund vor sich, der ihn beobachtete. Charles kaute weiter an seinem Stück Trockenfleisch. Der gelbe Hund, ein Streuner, den er zuvor schon bemerkt hatte, wedelte mit dem Schwanz und jaulte kläglich.
»Was zum Teufel willst du?«
Joe Corbin auf der anderen Seite des Feuers lachte. »Das ist Old Bob. Er treibt sich überall auf der Suche nach einem Versorgungsoffizier herum. Er denkt, jetzt hat er einen gefunden.«
»Nicht mich«, sagte Charles. Er kaute weiter. Old Bob sprang um ihn herum, wedelte mit dem Schwanz und gab Geräusche von sich, die besser zu einem Kätzchen als zu einem Hund gepaßt hätten. Die kummervollen gelblichbraunen Augen blieben stets auf Charles gerichtet. Schließlich sagte Charles: »Ach, zur Hölle mit dir«, nahm das Stück Trockenfleisch aus dem Mund und warf es dem Bastard zu.
Von da an gehörte Old Bob ihm.
Charles wollte mit der anhaltenden Spaltung in der Siebten Kavallerie nichts zu tun haben. Unglücklicherweise ließ sich das nicht vermeiden. Custer hatte viele Feinde, und die meisten sprachen ganz offen über ihre Gefühle, ob man sie nun danach fragte oder nicht. Besonders erbittert äußerte sich ein fähiger Brevet Colonel namens Fred Benteen, der die H-Kompanie unter seinem tatsächlichen Rang eines Captain kommandierte.
»Laß dich durch sein cooles Benehmen nicht täuschen, Charlie«, sagte er. »Unter der Oberfläche nagt die Kriegsgerichtsverhandlung an ihm. Natürlich erzählt ihm die Königin von Saba ständig« - so wurde Libbie von Custers lästernden Feinden genannt - »wie großartig er ist, unschuldig wie ein Lamm. Allerdings glaubte er das nicht ganz. Paß auf, und du wirst merken, daß er zwölf-, fünfzehnmal am Tag losrennt und sich die Hände wäscht. Kein Mann mit einem reinen Gewissen macht so was. Das mag Sheridans Feldzug sein, aber es ist Custers Spiel. Er tut alles nur für seine Reputation.«
Natürlich traten auch viele für Custer ein. Cooke von Cookes Scharfschützen gehörte zu seinen glühendsten Anhängern; ebenso Captain Louis Hamilton, Enkel von Alexander Hamilton. Es überraschte nicht, daß an der Spitze dieser Bewegung der jüngere Bruder des Generals stand, Brevet Colonel Tom Custer, First Lieutenant in der D-Kompanie. Charles lauschte all den Lobpreisungen der Anhänger und nahm sie mit angemessenem Zynismus zur Kenntnis.
Trotz seiner blinden Loyalität fand er einen von Custers Anhängern ganz sympathisch. Der Mann hieß Joel Elliott. Er besaß eine offene, aufrichtige Art, und sein Mut wurde von niemandem in Frage gestellt. Ohne Beziehungen war er im Krieg vom einfachen Soldaten zum Captain aufgestiegen. 1864 war er mit den Seventh Indiana Volunteer Horse in Mississippi geritten und hatte einen Lungenschuß verpaßt bekommen. Auf wunderbare Weise erholte er sich davon und trat nach der Kapitulation wieder in die Armee ein, nachdem er das schwierige Offiziersexamen bestanden hatte. Er erreichte dabei eine so hohe Punktzahl, daß er im Majorsrang eingestellt wurde. Jetzt war er Custers Stellvertreter und führte seine eigene, aus drei Kompanien bestehende Truppe. Auf Anhieb hatte Charles den Eindruck, daß Elliott ein guter Soldat war.
Es gab allerdings auch keinen Zweifel daran, wo Elliott stand.
»Der General ist ein Mann von untadeligem Charakter«, sagte er. »Vor Jahren hat er mit dem Trinken und Rauchen aufgehört. Er flucht gelegentlich, aber sein Herz ist nicht dabei.«
»Er würde keine schwarzen Truppen kommandieren, aber ich habe gehört, daß er mit einer schwarzen Hure schläft.«
Elliott erstarrte. »Eine Lüge. Er ist Libbie treu.«
»Sicher. Sie baut ihn langsam als Präsidenten auf.«
»Charlie, er ist kein Politiker, er ist Soldat. Der beste Soldat, den ich je gekannt habe, weil er so aggressiv kämpft.«
»Oh ja, ich habe gehört, wie aggressiv er war«, sagte Charles mit einem Nicken. »Seine Third Michigan hatte die höchste Verlustquote aller Kavallerieeinheiten der Unionsarmee.«
»Beweist das nicht, wie tapfer er ist?«
»Oder tollkühn. Irgendwann mal könnte ihn diese Tollkühnheit das Leben kosten. Oder sein gesamtes Kommando.«
»Hoffentlich passiert das nicht bei diesem Feldzug. Ich will mir ein Brevet erkämpfen. Ein Brevet oder einen Sarg, dazwischen gibt's nichts.«
Charles lächelte traurig. Elliott nahm alles so ernst. Sie kamen miteinander aus, weil sie ohne persönliche Feindseligkeit diskutierten. Es war schwer zu glauben, daß Joel Elliott zu den drei Männern gehört hatte, die das berüchtigte Deserteursquintett gejagt und eingefangen und drei davon erschossen hatten - auf Custers Befehl hin.
Nun, er mochte Elliott trotzdem. Der junge Offizier war bescheiden, voller Begeisterung, und vor allem war er ein Profi, der sich alles selber beigebracht hatte. Man konnte sich höchst wahrscheinlich darauf verlassen, daß er Befehle ausführte, selbst schlimme Befehle. In einem heißen Kampf bedeutete das eine ganze Menge.
Das Wetter wurde schlechter, die Tage wurden dunkler; in den schwarzen, aufgetürmten Wolken im Norden lauerten Stürme. Die Drillübungen gingen weiter. Hufschmiede kümmerten sich um die Tiere und gaben jedem Mann ein Ersatzeisen für vorn und hinten sowie zusätzliche Nägel mit, die in der Seitentasche untergebracht wurden.