Die Scouts wollten los. Sie hatten ihr eigenes Lager, das sie mit einer anderen Gruppe teilten, für die Charles nichts übrig hatte - elf Osage-Fährtensucher, angeführt von ihren Häuptlingen Langes Seil und Kleiner Biber. Charles gefielen ihre Augen nicht, hinter denen sich Gott weiß was für verräterische Gedanken und Pläne verbergen mochten, genausowenig wie ihre häßlichen Gesichter mit den platten Nasen und die Art und Weise, wie sie ständig ein großes Getue um ihre gewaltigen Bogen aus Apfelholz machten oder die weißen Scouts um Zucker für ihren Kaffee anbettelten. Indianer waren verrückt nach süßem Kaffee. Sie gaben soviel Zucker in eine Tasse, daß sie schließlich einen bräunlichen Haufen hatten, den sie mehr aßen als tranken.
»Halt sie mir bloß vom Leib«, sagte Charles zu California Joe Milner, dessen richtiger Name Moses und nicht Joe war, wie er entdeckt hatte. Langes Seil war an Charles herangetreten - »Ich brauche Zucker« war das Beste, was er an Englisch aufzubieten hatte -, und Charles hatte gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Daraufhin hatte California Joe ihn zu sich gerufen.
»Du mußt mit ihnen zusammen reiten, Main.«
»Ich reite mit ihnen. Deswegen muß ich keinen gesellschaftlichen Umgang mit ihnen pflegen.«
California Joe hatte schon wieder einen sitzen und war deshalb nachgiebig gestimmt. »Nun, wenn's so ist, dann ist es eben so, schätze ich«, sagte er.
Charles kümmerte sich um seine Ausrüstung, striegelte Satan und gab ihm eine Extraration, schnorrte Abfälle für Old Bob und wartete. Gegen Ende der ersten Novemberwoche wurde der Himmel klar. Jedermann wertete das als Zeichen, daß sie bald aufbrechen würden.
Charles war bereit. Er fühlte sich fit, vermißte seinen Sohn, dachte öfter an Willa, als gut für ihn war - die Erinnerung an sie war schmerzhaft und voller Melancholie -, und hielt es für weise und nicht feige, daß er Harry Venable aus dem Weg ging.
Es war unvermeidlich, daß er Venable im Lager häufig aus der Ferne sah, wenn er für Milner irgendwelche Botengänge erledigte. Bei jeder dieser Gelegenheiten gelang es ihm, sich schnell zu entfernen oder davonzureiten. Natürlich wußte er, daß irgendwann in naher Zukunft eine Konfrontation unumgänglich war.
Am 11. November befand sich das ganze Lager in heller Aufregung wegen der neuen Befehle. Am nächsten Tag marschierten sie los.
Der gewaltige, lärmende Aufbruch begann im Morgengrauen. Es war ein Spektakel, wie Charles es seit dem Krieg nicht mehr gesehen hatte. Der Versorgungszug, der Winterkleidung, Nahrungsmittel und Futter mit sich führte, war auf vierhundertfünfzig weiße Planwagen angewachsen, vor denen eine riesige, in vier Kolonnen aufgeteilte Kavalkade ritt. Zwei Kompanien des Siebten Regiments bildeten die Vorhut, zwei die Nachhut, der Rest teilte sich auf und schützte die Flanken des Versorgungszugs. Die Infanterie sollte neben den Wagen marschieren, aber jeder rechnete damit, daß die faulen Infanteristen bald aufsitzen würden, was dann auch tatsächlich der Fall war.
Sully und einige andere Offiziere bauten sich am Südufer des Arkansas auf, während die ersten Wagen ins Wasser fuhren. Die vielen Wagen mit ihren fluchenden Kutschern und den knallenden Peitschen erzeugten ein gewaltiges Getöse, noch verstärkt durch Trompetensignale, das Knirschen des Zaumzeugs und das Blöken des Viehs, das zwischen den Wagen vorangetrieben wurde.
Custer, geschniegelt und ausgelassen, ritt mit seinem Trupp ganz vorne. Charles sah Custer auf seinem tänzelnden Pferd am Nordufer, neben der Standarte des Siebten Regiments mit ihrem wilden Adler, der sich in scharfe, goldene Pfeile krallte. Die berittene Kapelle des Siebten Regiments spielte >The Girl I Left Behind Me< als Begleitmusik für die Furtdurchquerung.
Charles, Dutch Henry und zwei der Osage-Indianer galoppierten voraus und suchten einen Lagerplatz am Mulberry Creek, knappe fünf Meilen von ihrem Ausgangspunkt entfernt. Sully und Custer hatten gemeinsam beschlossen, daß sie am ersten Tag nicht weiter vorstoßen würden, weil es mit den Wagen soviel Probleme gab.
Nachdem Charles sein Abendessen aus Bohnen und Zwieback gegessen hatte, ließ ihn das Glück dann wieder im Stich.
Nach dem Tag im Sattel fühlte er sich steif; er fütterte Satan und legte ihm eine Decke gegen die Nachtkälte über. Er ging auf das Camp der Scouts zu, als er eine vertraute Gestalt einen Pfad entlang kommen sah, der den seinen kreuzen würde. Nach dem Tagesmarsch sah Captain Harry Venable sauber und gepflegt aus. Der ewige Präriewind hob seinen Umhang an, als er Charles in den Weg trat.
»Main«, sagte er knapp. Seine Augen waren noch blauer, noch eisiger als diejenigen Custers. »Oder sollte ich besser May sagen? Vielleicht August? Was bevorzugen Sie diesmal?«
»Ich nehme an, das wissen Sie.«
»Das tue ich. Ich habe Sie bereits vor einer Woche entdeckt. Ich weiß, daß Sie mich ebenfalls gesehen haben. Ich dachte, angesichts vergangener Umstände wären Sie vielleicht klug genug, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.«
»Warum? Ich bin nicht in Uniform. California Joe hat mich angeheuert.«
»Sie unterstehen immer noch der Gerichtsbarkeit der Armee.«
Old Bob, der Charles wie üblich gefolgt war, ging auf Venable zu, um ihn zu beschnüffeln. Venable trat nach ihm. Bob duckte sich und knurrte. Charles pfiff den Hund an seine Seite. Old Bob gehorchte, knurrte aber weiter.
»Hören Sie, Venable, General Custer weiß, daß ich für die Konföderation im Sattel saß. Er hat nichts dagegen.«
»Bei Gott, aber ich habe etwas dagegen.« Venables rostbrauner Bart ruckte vor; sein Gesicht war bösartig verzerrt. Old Bob knurrte lauter. Venable machte einen Schritt nach vorn. »Du rebellischer Hundesohn!«
Charles drückte seine flache Hand gegen Venables dunkelblauen Umhang. »Tragen Sie Ihre Beschwerden dem General vor.«
Venable überraschte Charles, indem er locker zurücktrat. Ein rätselhaftes Lächeln flog über sein Gesicht. »Oh nein. Ich habe kein Wort über unsere frühere Begegnung verloren und werde es auch nicht tun. Diesmal will ich Sie selber haben. Daß Sie in Jefferson Barracks eins über Ihren dämlichen Schädel gekriegt haben, hat Sie anscheinend nicht entmutigt, ebensowenig die Entlassung, nachdem Sie sich in das Zehnte Regiment hineingelogen hatten. Diesmal werde ich etwas finden, was funktioniert. Etwas Dauerhaftes.«
»Gehen Sie zum Teufel«, sagte Charles. »Komm, Bob.«
Venable rannte ihm nach, doch Old Bobs Knurren brachte ihn zum Stehen. »Es ist Ihr Job, den Trail vor uns im Auge zu behalten«, rief Venable. »Aber vergessen Sie nicht, ich behalte Ihren Rücken im Auge, jede Minute.«
Die Drohung beunruhigte Charles mehr, als er sich eingestehen wollte. Er wollte mit jemandem darüber sprechen. Er zog Dutch Henry vom Feuer weg und beschrieb ihm mit wenigen Worten den Zusammenstoß. »Wenn du mich also mit einer Kugel im Rücken findest, dann erledige diesen verdammten Yankee.«
Dutch Henry schaute verblüfft drein. »Warum ist er hinter dir her?«
»Weil John Hunt Morgan seiner Mutter und seiner Schwester etwas angetan hat. Um Himmels willen, dafür bin ich schließlich nicht verantwortlich.«
Der stämmige Scout warf ihm einen eigenartigen Blick zu; in seinen Augen spiegelten sich die Lichtflecken des Campfeuers wider. »Nein. Und die Indianer, die wir jagen, haben höchstwahrscheinlich auch nicht deine Partner niedergemetzelt. Aber du wirst sie trotzdem umbringen.«
»Henry, das ist ...«
»Was anderes? Hmm. Wenn du das sagst. Komm zurück zum Feuer. Es ist zu kalt, um hier draußen zu palavern.«
Er stampfte auf die windgepeitschten Flammen zu; Charles blieb regungslos stehen und starrte mit einem seltsamen angespannten, fast verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht hinter ihm her.