Am 13. November näherten sie sich Bluff Creek, wo Custer nach seinem Exil in Michigan wieder zu dem Regiment gestoßen war. Am folgenden Tag schafften sie es bis zum Bear Creek und Cimarron, und am Tag darauf erreichten sie das Indianerterritorium. Dort überfiel sie ein winterlicher Nordsturm und lieferte ihnen einen unangenehmen Vorgeschmack auf das Kommende.
An der Beaver-Gabelung des North Canadian stießen sie weiter nach Osten vor, fanden aber immer noch keine Spur von Indianern. Einen Tag später änderte sich das. Charles und die Corbins entdeckten eine Furt mit den Spuren vieler Ponys, aber ohne Anzeichen von Schleppstangen. Ein Kriegstrupp. Sie galoppierten zurück, um zu berichten.
»Zwischen fünfundsiebzig und hundertfünfzig Krieger, in nordöstlicher Richtung unterwegs.«
»Um Siedlungen anzugreifen, Mr. Main?« erkundigte sich General Sully. Er hatte Offiziere und Scouts in seinem großen Hauptquartierszelt versammelt. Die Laternen beleuchteten Gesichter, auf denen sich Bartstoppeln, Schmutz und Müdigkeit abzuzeichnen begannen. Venable drückte sich im Hintergrund herum. Er verschränkte die Arme, ein Zeichen, daß er allem mißtraute, was Charles sagen mochte.
»Ich wüßte keinen anderen Grund, weshalb sie im Winter das Indianerterritorium verlassen sollten, General.«
Custer trat vor, in Erwartung eines Kampfes fast zitternd. War es Zufall, daß er sich vor Sully schob und ihn teilweise verdeckte? »Wie alt sind die Spuren?« wollte er wissen.
Jack Corbin sagte lakonisch: »Zwei Tage, höchstens.«
»Wenn wir in die Richtung vorgehen, aus der sie gekommen sind, müßten wir also ihr Dorf finden, fast ohne Krieger. Wir könnten sie in einem Handstreich nehmen.«
»General Custer«, sagte Sully mit deutlicher Ironie, »das ist absurd. Glauben Sie auch nur einen Augenblick lang, daß eine so große Militärstreitmacht wie die unsere, begleitet von solch einem gewaltigen Wagenzug, so tief ins Indianerland eindringen und unentdeckt bleiben könnte? Sie wissen, daß wir hier sind.«
Anstatt darüber zu diskutieren, sagte Custer: »Was meinen Sie, Main?«
Charles gefiel die plötzliche Verschiebung der Last der Verantwortung ganz und gar nicht, aber es hatte keinen Sinn, Sully anzulügen, ganz gleich, ob er das nun persönlich nahm oder nicht. »Ich denke, es ist durchaus möglich, daß niemand etwas von unserer Anwesenheit weiß. So spät im Jahr sind die Indianer nicht mehr viel unterwegs. Der Kriegstrupp bildet eine Ausnahme. Sie setzen einfach voraus, daß wir um diese Jahreszeit auch nicht losschlagen.«
»Sehen Sie?« rief Custer Sully zu. »Geben Sie mir einen Trupp.«
»Nein.«
»Aber hören Sie ...«
»Erlaubnis verweigert«, sagte Sully.
Custer schwieg, aber niemand im Zelt konnte die plötzliche Röte seiner Wangen und seinen gehässigen Blick übersehen. Er schien auch nicht die Absicht zu haben, das zu verbergen. Charles hatte den Eindruck, daß Sully diesen Vorfall noch bedauern würde.
»Mein Partner Jackson sagte immer, daß ein weißer Mann hier draußen seine Ansichten umkehren muß«, sagte Charles zu Griffenstein nach der Versammlung. »Sully ist dazu nicht bereit. Immer der gleiche alte Armeetrott.« Er seufzte.
Charles und die Scouts schlugen einen Bogen nach Süden auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die Versorgungsbasis. Sie fanden einen Platz ungefähr eine Meile vor dem Zusammenfluß von Wolf Creek und Beaver Creek, die dann gemeinsam den North Canadian bildeten. Es gab Holz, gutes Wasser und Wild im Überfluß. Am 18. November erreichten die Voraustrupps des Siebten Regiments gegen Mittag den Ort.
Charles, Milner und die anderen Scouts ritten in die Wälder, um zu jagen, während die Infanterie Bäume für einen Palisadenzaun fällte. Andere Arbeitstrupps gruben Brunnen und Latrinengräben oder mähten das froststarre Gras, das als Pferdefutter dienen sollte.
Charles stöberte einen Schwarm wilder Truthähne auf und erlegte drei mit seiner Spencer. California Joe, vorübergehend nüchtern, tötete eine Büffelkuh; ein Dutzend weitere, die er mit seinem ersten Schuß in wilde Panik versetzt hatte, entgingen ihm allerdings. Die meisten Scouts brachten irgendeine Beute mit. Heute abend würde die Expedition besser essen als an den Tagen zuvor.
Das Versorgungscamp wuchs schnell; auf der einen Seite zog sich ein Palisadenzaun über hundertsechsundzwanzig Fuß hin, mit Wällen an beiden Ecken, und Blockhäusern mit Schießscharten an den anderen Ecken. Palisadenstämme schützten die West- und Südseite. Barackenähnliche Lagergebäude dienten als Nord- und Ostwälle. Die Männer schlugen ihre Zelte außerhalb auf, die entladenen Wagen blieben drinnen. Die Expedition hatte ihre Versorgungsbasis um hundert Meilen vorverlegt, von Fort Dodge aus gerechnet.
Charles hörte, daß Custer und Sully fast ständig miteinander stritten. Custer war immer noch wütend auf seinen Rivalen.
Eine Vorhut, bestehend aus weißen Scouts und Kaw-Fährten-lesern, tauchte im Norden auf und verkündete die Ankunft von General Sheridan und seiner dreihundert Mann starken Eskorte der Nineteenth Kansas Volunteer Cavalry. Custer sattelte und galoppierte los, um den Departement-Kommandeur zu begrüßen. Bei Anbruch der Nacht stampfte Little Phil im Lager herum, schüttelte die Hände und fluchte abscheulich über den grimmigen Hagelsturm, der seinen schnellen Vormarsch von Fort Hays gestört hatte. Sheridan besaß einen gedrungenen Körper, mit schwarzen Augen und einem spitzen Mongolenschnurrbart. Charles hatte zwar noch nie einen Barkeeper aus der New Yorker Bowery gesehen, aber Little Phil entsprach seiner Vorstellung davon.
Später am Abend, als Charles zusammen mit den anderen Scouts am Lagerfeuer saß, Old Bob schlafend an seinen Bauch gedrückt, hörte er Musik. Er erkannte >Marching Through Georgia<.
»Was zum Teufel geht da vor, Henry?«
»Na ja, ich habe gehört, Old Curly hätte seine Kapelle losgeschickt, um General Sheridan den Abend mit einer Serenade zu verschönern. Erkennst du nicht die Melodie?« Er grinste. »Das Stück sollte eigentlich >Farewell, General Sully< heißen.«
Es war der sechste Tag nach dem Aufbruch vom Camp am Arkansas. General Sheridan übernahm persönlich das Kommando; ganz überraschend brachen auf einmal Sully und sein Stab zu ihrem Hauptquartier in Fort Harker auf. Es ließ sich unschwer sagen, welchem Kommentar Little Phil beim Streit um den höheren Rang den Rücken gestärkt hatte.
Die Quartiermeister begannen, an die Männer des Siebten Regiments mit Büffelfell besetzte Mäntel, hohe Leinenleggings, Pelzhandschuhe und Pelzmützen auszugeben. Sheridan befahl Custer, er solle mit seinen elf Kompanien am 23. November bei Tagesanbruch marschbereit sein.
Die ganze Nacht hindurch wurden Rationen und Munition ausgegeben. Pferde wurden inspiziert, untaugliche Pferde wurden ersetzt. Custer nahm sich ein neues Pferd, Dandy. Die besten Gespanne wurden vor die stabilsten Wagen gespannt, die mit Proviant für dreißig Tage beladen wurden.
Nach Einbruch der Dunkelheit senkte sich eine merkwürdige Stille über das Versorgungslager. Charles hatte ein ähnliches Schweigen vor Sharpsburg und mehrmals in Virginia erlebt. In diesen letzten Stunden vor dem ernsthaften Beginn eines Feldzuges war ein Mann gern allein mit sich oder seiner Bibel oder mit einem Stift, mit dem er, nur für den Fall der Fälle, einen Abschiedsbrief schrieb. Charles schrieb eine solche Nachricht für Duncan, der sie dann dem kleinen Gus vorlesen sollte. Er versiegelte den Brief gerade, als Dutch Henry in ihr gemeinsames Zelt gestampft kam.
»Rat mal, was wir draußen haben.«
»Das übliche. Wind.«
»Mehr als das.« Er hielt die Zeltklappe hoch. Charles sah die weißen, treibenden Flocken. »Die Schneedecke wächst schnell. Es hieß, das würde ein Winterkrieg. Ich will verdammt sein, wenn das ein Witz war.«