Old Bob schnarchte gelegentlich, doch Charles konnte nicht schlafen. Ungeduldig wartete er bereits eingehüllt in seinen Zigeunermantel, als die Trompeter um vier Uhr zum Wecken bliesen.
Er vergewisserte sich, ob sein Kompaß auch sicher in der Tasche steckte - nicht mal die Osages wußten Genaueres über das Land südlich vom Versorgungslager -, und trat hinaus, während Dutch Henry sich noch wachzugähnen versuchte. Der Wind heulte. Schnee peitschte seine nackte Haut. Vor dem Zelt war über zehn Zentimeter Schnee angetrieben worden. Kein verheißungsvoller Start.
General Custer, gleichermaßen zeitig wach, ließ sich Dandy satteln und ritt allein über das Campgelände, nur gefolgt von den beiden Hirschhunden Maida und Blucher. Dunkelheit und Schweigen hüllten ihn ein. Alles schlief.
Unbeeindruckt ließ er sich bei General Sheridan melden. Kurz darauf tauchte Little Phil aus seinem Zelt auf, zwei De-cken über seine lange Unterwäsche gewickelt. Eine Ordonnanz entzündete eine Laterne, während Custer sein unruhiges Pferd tätschelte. Der Schnee kam fast horizontal angefegt. Die Augen noch schmal vom Schlaf, ähnelte Sheridan einem Chinesen.
»Was halten Sie von diesem Sturm, General?« fragte Sheridan.
»Sir, ich glaube, nichts könnte uns gelegener kommen. Wir brechen auf, die Indianer werden sich ruhig verhalten. Wenn der Schnee eine Woche hält, dann bringe ich Ihnen einige Skalpe.«
»Ich warte«, sagte Little Phil und erwiderte den Salut seines eifrigen Kommandeurs.
Die Trompeten bliesen zum Aufbruch. Wie üblich bildeten die Scouts die Spitze; ihre Pferde kämpften sich durch den wachsenden Treibschnee. Der Wind fauchte. Man konnte kaum etwas hören, und die Ohrenklappen von Charles' Biberfellmütze machten die Sache nur noch schlimmer. Er hatte mit Verblüffung zur Kenntnis genommen, daß Mr. DeBenneville Keim, ein zusammen mit Sheridan angereister Journalist, auf einen der in der Finsternis verschwundenen Versorgungswagen geklettert war. Vielleicht hatte Custer den Reporter davon überzeugt, daß es bei seiner Expedition schon einige berichtenswerte Taten zu sehen geben würde.
Er glaubte seinen Namen gehört zu haben. Er hob seine linke Ohrenklappe. »Was gibt's?«
»Ich sagte«, brüllte Dutch Henry, »daß wir einen Beobachter von Sheridans Stab dabei haben. Er reitet irgendwo da hinten zusammen mit Old Curly. Rat mal, wer es ist.«
In der schneegepeitschten Dunkelheit sah Charles ganz deutlich Venables Augen vor sich; trotz der Kälte spürte er ein heißes Prickeln auf seinem Rücken.
49
Als der Tag heraufdämmerte, war die Welt weiß. Charles band sich ein Halstuch um die untere Gesichtshälfte, doch die Schneekristalle stachen immer noch schmerzhaft in die nackte Haut. Das unaufhörliche Geheule und Gejaule des Sturms zerrte an seinen Nerven.
Schneekrusten bildeten sich an seinen Augenbrauen. Charles drehte sich um, konnte aber nichts erkennen, obwohl er Männer hinter sich hörte. Einer von ihnen brüllte, daß die Gespannfahrer, die mit ihren Wagen bereits eine Meile zurückgefallen waren, weiterhin an Boden verloren.
Griffenstein trieb sein Pferd neben ihn. Sie versuchten, Bemerkungen über den Sturm auszutauschen, aber es lohnte die Anstrengung nicht. Jeder Mann hielt einen Handschuh vor sein Gesicht; steifgefrorene Finger krümmten sich schützend um die einzigen verläßlichen Führer in diesem Sturm - die Taschenkompasse. Die Nadeln wiesen ihnen den Weg nach Süden.
Gegen zwei Uhr nachmittags befahl Custer den Tageshalt. Die Kolonne hatte sich im Tal des Wolf Creek auseinandergezogen, das nach Charles' Schätzung nicht weiter als fünfzehn Meilen von ihrem Ausgangspunkt entfernt lag. Pferde und Männer waren so erschöpft, als hätten sie die doppelte Entfernung zurückgelegt. Niemand wußte, ob sie die Wagen je wiedersehen würden.
Baumgruppen standen am Ufer des zugefrorenen Flüßchens; um die Stämme herum waren die Schneewehen fünf bis sechs Fuß hoch. Unter den kahlen Bäumen entdeckte Charles große, dunkle, bewegungslose Formen, wie Statuen, die irgendein verrückter Bildhauer in die Wildnis gestellt hatte. Die Statuen erwiesen sich als Büffel, die mit gesenktem Kopf dem Sturm trotzten. Erst der Lärm der Äxte erweckte sie wieder zum Leben und ließ sie davontaumeln. Schützen erlegten drei von ihnen.
Wie Ameisen auf einem weißen Strand bewegten sich Charles und die anderen Scouts durch das verschneite Wäldchen. Sie gruben abgebrochene Äste aus, die aus Schneewehen herausragten, oder fällten kleinere Bäume; zumindest würden sie Feuer machen können, um sich zu wärmen, wenn sie schon wegen der verschwundenen Wagen nichts zu essen bekamen.
Charles und Dutch Henry türmten ihr Holz auf und gingen ihre Pferde füttern. Satan reagierte ausgehungert; er schlang seine kleine Haferration so gierig herunter, daß Charles dachte, der Schecke würde auch gleich noch seine Finger verschlingen.
Dann schaufelten sie, hauptsächlich mit den Händen, Schnee weg, um sich einen Lagerplatz zu schaffen. Als der Schnee nur noch ein paar Zentimeter hoch lag, stampften sie ihn fest; einen besseren Boden würden sie nicht bekommen. Als sie ihr Zelt aufschlugen und davor ein Feuer in Gang brachten, schmolz natürlich der Schnee und durchweichte ihre Decken.
Als die Nacht anbrach, vernahm Charles lautes Knirschen und Klatschen - die Wagen und die Peitschen der Fahrer. General Custer ritt vorbei, gefolgt von Maida und Blucher.
Custers Wangen waren so rot wie verbrannte Haut.
»... will jeden einzelnen dieser verdammten Drückeberger von Kutschern in zwanzig Minuten in meinem ...«
Der General verschwand hinter einem aufgeworfenen Schneeberg. Charles hatte ihn noch nie so schlecht gelaunt erlebt.
Old Bob, der sich den ganzen Tag über recht gut gehalten hatte, schien zu wissen, daß ihnen eine elende Nacht bevorstand. Er wich Charles nicht von der Seite und jaulte leise.
Sie packten ihre Pfannen aus, klappten die Griffe auf, schmolzen Schnee, kochten Pökelfleisch und brutzelten im Schweinefett aufgeweichte Zwiebackstücke. Zusammen mit Kaffee ergab das eine ganz passable Mahlzeit, obwohl Charles immer noch durchfroren und von vielen Kleidungsschichten wundgescheuert war. Er erinnerte sich wieder und wieder daran, weshalb er hier war, stellte sich die Angehörigen der Jackson Trading Company so vor, wie er sie zuletzt gesehen hatte.
Captain Fred Benteen stampfte vorbei und murrte: »Gottverdammter Idiot.«
»Wer?« fragte Charles.
»Der General. Wißt ihr, was er gerade getan hat?«
»Was?« erkundigte sich Griffenstein in einem Tonfall, der besagte, daß eine Massenexekution ihn nicht im geringsten überraschen werde.
»Er hat alle Kutscher unter Arrest gestellt, weil sie so langsam waren. Morgen dürfen sie ihre Wagen nicht fahren. Sie müssen laufen. Danach werden wir überhaupt keine Wagen mehr haben.«
Er verschwand im Schneegestöber. Old Bob jaulte, Charles rieb seine Schnauze und gab ihm ein Stück gekochtes Schweinefleisch. Von diesem Moment an machte sich ein vages Unbehagen über den Ausgang der Expedition in ihm breit. Es hatte nichts mit der Gegenwart von Harry Venable zu tun.
Charles war aufgrund seiner Rebellenvergangenheit so etwas wie eine Kuriosität. Louis Hamilton, der junge Captain, der die A-Kompanie befehligte, kam nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Journalisten vorbei. Er stellte ihn als Reporter des >New York Herald< vor.
DeBenneville Keim wollte unbedingt mit Charles sprechen. Charles war alles andere als begeistert davon, schenkte ihm aber eine Tasse Kaffee ein, um sich gastfreundlich zu zeigen. Keim trank einen Schluck und zog dann ein kleines, abgeschabtes Büchlein aus seinem Mantel. Auf dem Buchrücken war der Titel mit Goldbuchstaben eingeprägt: Nach dem Krieg.
»Ich habe Whitelaw Reid gelesen, Mr. Main. Sie waren in South Carolina, als Sumter fiel. Sagen Sie mir, was Sie von dieser Passage über Sullivan's Island halten.«