Er reichte Charles das Buch. Reid war ein bekannter Unionskorrespondent, der unter dem Namen Agate Kriegsberichte geschrieben hatte. Er war einer der ersten drei Journalisten in Richmond gewesen. Charles zwinkerte ein paarmal, als die schmelzenden Schneeflocken von seinen Augenbrauen auf die Buchseite fielen; dann begann er zu lesen:
»Hier wurden vor vier Jahren die ersten Kriegsbefestigungen gebaut. Hier stürzten sich die schneidigen jungen Kavaliere, die arroganten Südstaatler, die auf den Yankee-Abschaum verächtlich herabschauten, so begeistert in den Krieg, als handelte es sich um ein Picknick. Hier brachten die Boote aus Charleston jeden Tag für die luxusgewohnten jungen Captains und Lieutenants Champagnerkisten, unzählige Pasteten, Fässer mit rotem Bordeauxwein und Tausende von Havannazigarren. Hier, zwischen Festen, Tanzbällen und Liebesabenteuern, stürzten sich die jungen Männer, die in der >Gesellschaft< von Newport und Saratoga den Ton angegeben hatten, in die Revolution, als wäre es ein Walzer .«
Keim legte ein rotes Notizbüchlein auf seine Knie. Die Seiten waren mit Kurzschriftgekritzel gefüllt. »Das ist eine sehr lebhafte Darstellung. War es wirklich so?«
Eine umfassende Trauer stieg in Charles auf. Er dachte an den armen Ambrose Pell. »Ja, aber es dauerte nicht lange. Und jetzt ist das alles längst dahin. Es wird niemals zurückkommen.«
Er klappte das Buch zu und gab es Keim zurück. Ein merkwürdiger, trostloser Ausdruck auf seinem Gesicht verbot jede weitere Frage; statt dessen wandte sich Keim an Dutch Henry. Charles streichelte Old Bob, damit er zu knurren aufhörte.
Am nächsten Tag ging der Marsch weiter; die bestraften Kutscher kämpften sich zu Fuß voran. Der Sturm ließ nach. Der Himmel wurde klar, aber das brachte ein anderes Problem mit sich. Das Gleißen der Sonne auf den Schneefeldern war für die Augen fast unerträglich.
Sie folgten dem Wolf Creek in südwestlicher Richtung, was es Charles ermöglichte, seinen Kompaß wegzustecken. Er ritt ein Stück vor einigen der Osage-Indianer, die ihm unruhige Blicke
zuwarfen, weil er mit rauher, monotoner Stimme vor sich hin
sang:
Das alte Schaf kennt die Straße,
Das alte Schaf kennt die Straße,
Das alte Schaf kennt die Straße ...
Das junge Lamm muß den Weg erst suchen.
»Wo hast du das gelernt?« fragte Dutch Henry.
»Die Neger auf den Küsteninseln singen es daheim. Ein Kirchenlied.«
»Bei dir hört es sich an, als gingen wir zu einer Beerdigung.«
»Ich habe ein komisches Gefühl bei der Sache, Henry. Ein schlechtes Gefühl.«
»Nun, du wolltest hier dabei sein.«
»Das wollte ich.« Charles zuckte die Achseln; vielleicht war er nichts weiter als ein verdammter Narr. Doch das Unbehagen blieb.
Ihre Marschroute sollte sie so weit flußaufwärts führen, daß sie dann nach Süden auf die Antelope Hills nahe dem North Canadian zuhalten konnten. Der Wolf Creek verlief bald schon in mehr westlicher Richtung. Erschöpft von den vielen Schneewehen und halb blind von einer Sonne, die nicht warm genug war, um den Schnee zum Schmelzen zu bringen, taumelten sie in ein weiteres Lager auf einer Klippe über dem Fluß. Charles hörte, daß einer der Kutscher einen Revolver auf Curly gerichtet hatte, der ihn in die Hoden getreten, eigenhändig entwaffnet und dann befohlen hatte, ihn mit verknoteten Seilen auszupeitschen. Griffenstein erzählte, Custer hätte den Reporter kommen lassen und ihm befohlen, kein Wort über die Bestrafung zu schreiben, falls er die Expedition noch weiter begleiten wollte.
»Bißchen dämlich, einen Reporter so vor den Kopf zu stoßen, meinst du nicht, Charlie?«
»Nicht, wenn du auf der Hut bist. Nicht, wenn du eines Tages Präsident werden möchtest.«
Am nächsten Morgen wichen sie von ihrem Westkurs ab und gingen direkt in südlicher Richtung. Gelegentlich tauchten kleine Baumgruppen als dunkle Flecken am Horizont auf, wie Holzkohlenschmierer auf einem sauberen Zeichenblatt. Trotz dem tiefen Schnee ließ sich die Landschaftsform ungefähr erkennen. Vom Wolf Creek aus stieg die Prärie bis zu einer Kammlinie an. Am Nachmittag hatten sie den Kamm überquert; es ging wieder abwärts. An diesem Abend schlugen sie ihr Lager ungefähr eine Meile nördlich vom Canadian auf.
Charles und California Joe ritten ein Stück den Fluß entlang. Er war beträchtlich über seine Ufer getreten und strömte schnell dahin; im Wasser wirbelten Eisblöcke. Sie entdeckten eine Furt, die passierbar aussah. Joe Milner, der nüchterner war, als Charles ihn je zuvor gesehen hatte, trieb sein Maultier vorsichtig hinein. Plötzlich sank das Tier ein Stück ein.
»Treibsand. Nun, gibt keine andere Stelle zum Übersetzen. Muß auch so gehen.«
Nachdem er sich wieder herausgekämpft hatte, kehrten sie zurück und erstatteten Bericht. Custer schien zufrieden zu sein. Dutch Henry sagte, Major Elliott sei bereits ohne Wagen mit drei Kompanien aufgebrochen, um das Tal des Canadian nach Indianern abzusuchen. Die Gebrüder Corbin und mehrere der Osage-Indianer seien mit Elliott mitgegangen. Zum Schluß erinnerte Dutch Henry noch daran, daß morgen Donnerstag Erntedankfest wäre.
Charles war das ziemlich egal. Es war ein Feiertag des Nordens, und in dieser gefrorenen Einöde würden keine Armeeköche das traditionelle große Festmahl servieren.
Treibsand, eisiges Wasser und gefährliche Eisblöcke, die einige Radspeichen zerschmetterten, waren der Grund, daß die Cana-dian-Durchquerung am Erntedankfesttag länger als drei Stunden dauerte. Alle Soldaten, Zivilisten und Indianer waren durchweicht und erschöpft, als sie es endlich geschafft hatten, doch beim Anblick der Antelope Hills direkt vor ihnen lebten sie wieder auf. Daß sie dieses vertraute Gelände erreicht hatten, bewies doch, daß sie nicht ziellos durch die Gegend marschiert waren.
Die fünf dichtgedrängten Hügel hatten eine Höhe von hundertfünfzig bis dreihundert Fuß. Zwei waren konisch, drei zogen sich länglich hin, und von dem höchsten Hügel hatte man eine wunderbare Aussicht auf das ganze Land: im Rücken den sich windenden Canadian und vorne wellige Schneefelder, die bis weit hinter den Horizont zu reichen schienen.
Am frühen Nachmittag signalisierten Rufe die Annäherung eines Reiters aus der Richtung, die Elliotts Kolonne eingeschlagen hatte. Trompeter riefen die Offiziere und Scouts zu Custers großem Zelt, wo allgemeine Erregung ausgebrochen war. Maida und Blucher sprangen herum und japsten. Custer verpaßte jedem Hund einen leichten Schlag mit seiner Reitpeitsche, und sie gaben keinen Laut mehr von sich.
»Wiederholen Sie alles für die Neuankömmlinge, Jack«, sagte Custer.
»Major Elliott befindet sich ungefähr zwölf Meilen weiter am Nordufer. Dort ist eine Furt mit massenhaften Spuren. Ungefähr hundertfünfzig Indianer sind da durch, Richtung Süden mit leichter östlicher Abzweigung. Die Spuren sind höchstens einen Tag alt.«
Charles Finger begannen zu zucken. Aufgeregtes Gemurmel begrüßte die Neuigkeit, und Custers rotes Gesicht strahlte förmlich. Harry Venable, dessen feindselige Blicke Charles nicht länger störten, sprach das Offensichtliche aus:
»Wenn wir unsere Richtung beibehalten und sie ebenfalls, dann kreuzen sie unsere Fährte vor uns. Vielleicht heute noch.«
»Bei Gott«, sagte California Joe, leicht schwankend von einer kurz zuvor genossenen Erfrischung, »es ist Erntedankfest, und wir haben Custers Glück.«
Einige der kriecherischen Offiziere riefen: »Hört, hört!« und klatschten. Die Anti-Custer-Männer einschließlich Benteen schauten grimmig drein. Custer selbst sah frisch und gestärkt aus; er konnte keinen Moment stillstehen.
»Die Männer sollen in zwanzig Minuten bereit für einen Nachtmarsch sein. Keine Zelte, keine Decken. Hundert Schuß pro Mann, etwas Kaffee und Zwieback, das ist alles. Wir nehmen sieben Wagen und eine Ambulanz mit. Der Rest des Versorgungszuges bleibt hier mit einer Kompanie und dem diensthabenden Offizier. Wo steckt er?«