»Hier, Sir.« Captain Louis Hamilton trat vor. Er schaute unglücklich drein. »Ich erbitte die Erlaubnis des Generals, mit der Truppe gehen zu dürfen. Ich möchte wetten, diese verdammten Indianer sind ganz nah an Ihrem Lager dran, und wir werden sie finden.«
»Ich freue mich über Ihren Enthusiasmus, Hamilton, und teile ihn.« Mittlerweile tanzte Custer fast schon im Zelt herum. Sein Blut war in Wallung, und das aller anderen auch. Charles fragte sich, warum er nach so vielen Jahren der Sehnsucht nach Rache diese Erregung nicht teilte.
Custer fuhr fort: »Wenn Sie in zwanzig Minuten einen Ersatz finden, können Sie mit uns kommen.«
»Jawohl, Sir!« rief Hamilton, wie ein Junge, der eine Handvoll Candy geschenkt bekommen hatte. Er flitzte hinaus, ohne zu salutieren. Alle lachten.
Zu Jack Corbin gewandt, sagte Custer: »Schaffen Sie es zurück zu Major Elliott?«
»Mit einem frischen Pferd schon, General.«
»Sagen Sie ihm, er soll die Verfolgung mit aller Energie fortsetzen. Unsere Wege sollten sich gegen Einbruch der Dunkelheit kreuzen. Teilen Sie ihm mit, daß er darauf achten soll.«
Corbin eilte davon. Custer entließ die anderen. Es gab ein gewaltiges Gedränge beim Verlassen des Zeltes. Dutch Henry explodierte fast vor guter Laune. »Endlich kriegen wir das, wofür wir gekommen sind, Charlie.«
In exakt zwanzig Minuten wurde zum Aufbruch geblasen. Die Truppen, elf Kompanien und Cookes Scharfschützen, kämpften sich wieder durch die hohen Schneewehen gen Süden vor. Hamilton war dabei; ein unter teilweiser Schneeblindheit leidender Offizier hatte sich bereit erklärt, das Kommando über die Wagen zu übernehmen.
Das Wetter hatte sich etwas beruhigt; der Schnee schmolz. Nach einigen Stunden galoppierten Langes Seil und ein weiterer Osage an Charles vorbei und brüllten: »Mich finden! Mich finden!« Dutch Henry musterte den Weg vor ihnen. Charles drängte Satan neben das Pferd des großen Mannes. Einige der streunenden Hunde sprangen bellend herum.
Sie hatten wirklich was gefunden. Die Spuren eines Indianertrupps, so groß, wie Corbin gesagt hatte, waren deutlich zu sehen. Keine Spur von Schleppstangen. Also Krieger. Unterwegs zur Jagd oder zu einem letzten Überfall. Die Fährte führte durch das flache, baumlose Land in südöstlicher Richtung.
Gegen Ende des Tages begann sich die Landschaft erneut zu verändern. Die Prärie senkte sich als endloser, sanfter Abhang auf einen baumbestandenen Horizont zu, der noch Meilen entfernt im Dunst lag. Custer schickte Griffenstein voraus mit dem Befehl, Elliott zu finden und dessen Vormarsch zu stoppen, bis die Hauptkolonne aufgeschlossen hatte. Als Treffpunkt sollte Elliott einen Ort wählen, wo es fließendes Wasser und genügend Holz gab.
Charles schätzte die Zeit auf fünf Uhr nachmittags, als sie den Waldrand erreichten. Sein Magen gurgelte und krampfte sich schmerzhaft zusammen. Er war überzeugt davon, daß Satan genauso hungrig war; keines der Pferde hatte seit heute früh um vier etwas zu fressen bekommen. Charles hatte lediglich ein Stück Zwieback heruntergewürgt und sich beinahe einen Zahn daran ausgebissen. Ihm wurde klar, daß die Sache zu einem von Custers unbarmherzigen Gewaltmärschen ausgeartet war.
Weiter und weiter ritten sie durch das Waldlabyrinth. Dunkelheit kam und erneute Kälte. Die aufgeweichten Schneewehen überzogen sich mit einer harten Kruste, die unter jedem Huftritt splitterte; die Nacht schien von Musketenfeuer widerzuhallen. Hunde bellten, Säbel klirrten, Männer fluchten, während sie bis sieben Uhr und noch länger marschierten.
Acht Uhr vorbei.
Gegen neun Uhr sah Charles ein organgefarbenes Glühen. Er bog um einen dunklen Baumstamm und entdeckte weitere glühende Punkte. Er trieb Satan an den Osage-Indianern vorbei auf eine Lichtung. Ein Wachposten rief ihn an, und Charles brüllte zurück: »General Custers Kolonne! Ist das Elliott?«
»Ja, wir sind hier.«
»Wir haben sie gefunden«, rief er zurück. Er hörte Jubelrufe.
Major Elliotts drei Kompanien rasteten am Steilufer eines Flusses. Auf der Südseite, die natürliche Deckung durch die Uferbank ausnutzend, brannten kleine Kochfeuer. Die Kolonne stieg ab und machte Rast. Die ausgelassene Feierstimmung erinnerte ihn an jene ersten fröhlichen Tage, die Whitelaw Reid beschrieben hatte.
Captain Harry Venable ritt die Reihe ab mit der guten Nachricht: »Eine Stunde Rast. Sattel und Zaumzeug von den Pferden.«
Die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Charles zerrte das Zaumzeug von seinem Schecken, trocknete ihn, so gut es ging, und gab ihm den Hafer, den er dabei hatte. Er fütterte auch Dutch Henrys Pferd, während sein Freund Kaffee heiß machte.
Zusammen mit einigen Stück Zwieback war das ihr üppiges Erntedankfestmahl.
Punkt zehn wurde ohne Trompetensignal aufgebrochen. In Viererreihen bewegten sich die Kavalleristen das Steilufer hinab, durchquerten den Fluß und ritten die andere Seite wieder hoch. Die Schneefelder glitzerten in diamantener Pracht; ein leuchtender Mond stand am Himmel.
Kleiner Biber und ein weiterer Osage führten die Kolonne zu Fuß an. Wegen des Lärms - des gewehrschußähnlichen Krachens der Schneekruste - hatten die Fährtensucher einen Vorsprung von vierhundert Metern vor der ersten großen Reitergruppe, zu der die anderen Osage-Indianer und die weißen Scouts gehörten, die alle in Einerreihe folgten. Custer ritt mit seiner Gruppe, umgeben von seinen kläffenden Hunden.
Charles dirigierte Satan auf einen großen, ungefähr fünf Fuß hohen Baumstumpf zu. Er zuckte zusammen, als sich der Stumpf plötzlich bewegte. Kleiner Biber hatte auf sie gewartet.
»Dorf«, sagte er.
Custer hatte das mitbekommen. »Was ist los?« rief er.
»Dorf nah.«
»Wie nah?«
»Nicht wissen. Aber Dorf ist da.«
Das indianische Spurenlesen war so tief in Mysterien verstrickt, daß Charles nie einen Versuch gemacht hatte, es zu verstehen. Graue Eule hatte dieses intuitive Wissen gehabt, und es war dumm von den Weißen, das zu mißachten. Custer tat es nicht.
»Sehr gut, Kleiner Biber. Geh wieder an deinen Platz. Und leise, leise.« In der Dunkelheit hörte er ein paar Kavalleristen lachen und scherzen. Custer ließ sein Pferd herumwirbeln, wobei er beinahe einige Hunde zertrampelt hätte. Charles sah das messerscharfe Profil seiner Nase gegen den mondhellen Himmel. »Kein Wort mehr. Von nun an schneid' ich jedem Mann die Kehle durch, der spricht.«
Charles zweifelte nicht, daß er genau das tun würde. Seine Nerven waren jetzt bis zum Zerreißen gespannt. Das unbehagliche Gefühl verstärkte sich. Die schwarze Schlange der Reiter und Pferde schob sich weiter über die mondhelle Schneedecke vor, jetzt ohne Wagen oder die Ambulanz; Custer hatte sie zusammen mit Quartiermeister Lieutenant Bell zurückgelassen.
Sie schienen sich in einer Region zu befinden, in der die Hügelkämme parallel zueinander von Osten nach Westen verliefen, mit schmalen Tälern dazwischen. Sättel knirschten. Der Schnee krachte. Weit entfernt heulte ein Wolf; ein anderer antwortete.
Wieder stießen sie auf zwei Osage-Indianer, die auf die Hauptkolonne warteten. »Riechen Feuer«, verkündete Kleiner Biber.
Custer zog Dandy herum, nachdem das Pferd beinahe auf Blucher getreten wäre. »Ich nicht.«
»Feuer«, beharrte der Indianer.
»Geht nachsehen. Griffenstein, Main, gehen Sie mit ihm.«
Charles pellte seine Handschuhe ab. Er zerrte das Halstuch von seinem Gesicht, damit er sich die Lippen lecken konnte, steif wie Holz und von schmerzhaften Rissen durchzogen.
Er griff über die Schulter und zog die Spencer aus dem Beutel. Die beiden weißen Männer nahmen Kleiner Biber in die Mitte und ließen ihre Pferde im Schritt über ein Schneefeld auf einige weit auseinanderstehende Bäume zugehen.