Charles stieg die Übelkeit heiß in der Kehle hoch. Er jagte Satan an dem zerfetzten Tipi vorbei. Der erschossene Junge war nicht älter als sein eigener Sohn.
Die Wege füllten sich mit Kavalleristen, die trotz ihrer bockenden Pferde erregt um sich schossen. Charles sah einen Corporal mit einem blutigen Ärmel; ansonsten schien niemand von der Armee was abbekommen zu haben. Zwischen den Bäumen hindurch spähte er zu der offenen Fläche hinüber, die sie bei ihrem Angriff vom Fluß aus überquert hatten. Auf dem höchsten Geländepunkt saß Custer auf Dandy und beobachtete den Kampf durchs Fernglas.
Charles entdeckte Dutch Henry, der zwischen zwei Tipis auf einem von Kugeln durchsiebten Cheyenne kniete; mit einer Hand zerrte er den Kopf hoch, während er ihn mit der anderen skalpierte. Das Opfer lebte noch und kreischte. Sein Gesicht war zerfurcht und alt. Sechzig Winter oder mehr. Charles wandte sich ab.
Nicht alle Cheyenne waren so schwach und wehrlos. Gelegentlich sah er Jungs von zwölf oder dreizehn Jahren, die mit Messern oder Lanzen in selbstmörderische Duelle mit den Sol-daten verstrickt waren. Einer dieser Jungen sprang hinter einem Tipi hervor und stellte sich Charles entgegen. Er war barfuß, nur mit Leggings bekleidet. Von dem schwarzen Zopf über seinem rechten Ohr baumelte ein Erinnerungsstück an einen Kampf: ein Kreuz aus mattem Messing, von einem Riemen gehalten. Der Junge hatte ein feingeschnittenes Gesicht. Spuren von roter Farbe zierten seine Brust. Er war ein Junge, der in der Gemeinschaft des Roten Schildes aufgenommen werden sollte oder der das anstrebte und sich deshalb dementsprechend bemalte. All das ging Charles in den Sekunden durch den Sinn, die der Junge brauchte, um einen Pfeil auf die Sehne zu legen.
Charles hob die rechte Hand, benutzte die Zeichensprache, um dem Jungen zu sagen, er solle flüchten. Das Gesicht des Jungen verzerrte sich vor Wut, als er den Pfeil von der Sehne schnellen ließ. Charles warf sich auf Satans linke Seite, der Pfeil segelte über ihn hinweg.
Er zog seinen linken Fuß aus dem Steigbügel und sprang mit der Spencer zu Boden. Satan trottete zwischen den Tipis davon. In dem von Rauchschwaden durchzogenen Wäldchen, das vom ständigen Schreien und Wehklagen der Frauen nur so widerhallte, gestikulierte Charles mit dem Gewehr und rief in der Sprache der Cheyenne: »Lauf weg! Lauf weg, bevor sie dich töten!« Er wußte nicht, weshalb er sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, er wußte nur, daß er sich nie an Greisen oder Kindern hatte rächen wollen.
Der Junge wollte keine Gnade. Er legte den nächsten Pfeil ein. Charles wich nach rechts aus, hoffte hinter das Tipi des Jungen zu kommen. Der Junge zog den Pfeil zurück. Charles rannte noch geduckt über die offene Fläche. Er sah, wie sich die Bogensehne spannte. Ihm blieb keine Wahl. Er feuerte.
Die Kugel traf den Jungen aus nächster Nähe in den Bauch und riß ihn vom Boden hoch. Er wirbelte herum und landete rücklings in den glühenden Kohlen eines Feuers. Sein Haar begann zu qualmen. Charles rannte auf ihn zu und zerrte ihn aus dem Feuer. Das Metallkreuz war bereits heiß und versengte ihm die Finger. Charles hatte einen bitteren Geschmack im Mund; Schweiß lief ihm in die Augen. Eine Welle von Phantasiebildern zeigte ihm Dinge, die der tote Junge nie sehen würde. Den nächsten Präriefrühling; einen weiteren Präriewinter. Die große Bisonherde, die das Land bedeckte. Die bewundernden Augen der ersten Frau, die er nahm.
Aufgewühlt riß er das Messingkreuz aus dem Zopf des Jungen und rammte es in seine Tasche. Etwas in ihm verlangte, daß er ein Erinnerungsstück aufbewahrte an das, was er getan hatte.
Zu Fuß machte er sich auf die Suche nach Satan. Die Szenerie im Inneren des Dorfes war mittlerweile vollkommen chaotisch. Die Dorfmitte wurde von der Siebten gehalten. Kleine, vereinzelte Cheyenne-Gruppen hatten hinter Bäumen und in flachen Gräben Deckung gesucht. Schnell formierten sich kleine Trupps, die ihr Feuer auf sie konzentrierten und sie töteten oder aus der Deckung trieben. Frauen versuchten im Kugelhagel zu fliehen; einige hielten Babys an sich gepreßt, andere traten ihre Kleinen buchstäblich, um sie zur Eile anzutreiben. Wo immer die Frauen in einen Kavalleristentrupp liefen, gaben sie auf. Jedenfalls die meisten. Charles beobachtete eine fette alte Squaw, die sich mit einem kleinen Messer auf drei Soldaten stürzte. Gewehrfeuer schleuderte sie zu Boden.
Er erwischte Satan, der laut wieherte; die merkwürdigen Gerüche und der Schlachtenlärm gefielen ihm ganz und gar nicht. Charles saß auf und galoppierte auf die Seite des Dorfes, die sie zuerst angegriffen hatten. Dort glaubte er die Darstellungen an einem großen Tipi erkannt zu haben. Er wußte, daß er sich nicht getäuscht hatte, als er zwei Indianer auf einem Pony von dem Tipi auf den sonnengesprenkelten Fluß zurasen sah. Selbst auf die Entfernung und durch den dichten Rauch hindurch erkannte er Schwarzer Kessel, der seine Frau vor sich sitzen hatte.
Ihr Pony erreichte das Ufer des Washita. Dort wurden sie von vier Kavalleristen eingeholt. Schwarzer Kessel hob um Gnade flehend die Hand. Eine Schußsalve fegte ihn und seine Frau vom Pony in den Fluß. Das erschrockene Pony trampelte auf der Frau herum, bevor es das andere Ufer erreichte.
»Jesus!« sagte Charles. Ein intensiver Ekel stieg in ihm auf. All seine Versprechungen der Vergangenheit und seine Rachsucht beschämten ihn nun. Das hätte Holzfuß Jackson nicht gewollt - Blutrache, die mit dem Leben von Kindern, Müttern und dem Leben des Friedenshäuptlings eingetrieben wurde, der ein Freund der Jackson Trading Company gewesen war und sie vor Narbengesicht geschützt hatte.
Er rammte die Spencer in die Sattelhalterung, senkte den Kopf und raste auf den Fluß zu.
Acht oder zehn Reiter galoppierten von hinten auf ihn zu, teilten sich, ritten den schlammigen Schnee aufschleudernd nach Osten. Ein grinsendes Gesicht drehte sich zu ihm um. »Da geht's dahin, Main - ein Brevet oder ein Sarg.« Jubelnd wie kleine Jungs galoppierten Major Elliott und seine Kavalleristen davon. Kurz darauf hörte Charles im Osten stoßweises Gewehrfeuer.
Wieder ließ er Satan auf den Fluß zutraben. Auf der offenen Fläche lagen gefallene Cheyenne, meist Männer, fast alle tot. Er entdeckte eine Leiche in blauer Uniform. Der Mund stand offen, die Augen blickten starr in den zertrampelten Schnee. Louis Hamilton - der gebeten hatte, nicht bei den Wagen zurückbleiben zu müssen, wenn der Ruhm auf ihn wartete.
Ganz plötzlich sprang Satan über ein Hindernis. Charles schaute nach unten. Da lag Custers Blucher mit einem Pfeil in der Kehle.
Charles erreichte den Washita; er schätzte, daß seit dem Angriff ungefähr zwanzig Minuten vergangen sein mußten. Das Gewehrfeuer ließ bereits nach. Die meisten Tipis im Dorf waren niedergerissen. Soldaten rannten hin und her, ohne noch sonderlich auf ihre Sicherheit zu achten; sie wußten, daß sie gewonnen hatten.
Er stieg ab und watete bis zur Hüfte in das strömende kalte Wasser. Auf halbem Weg befand sich eine Sandbank. Die Leichen von Schwarzer Kessel und seiner Frau waren dort angetrieben worden; ihr Körper ruhte halb auf dem seinen. Ihr Hinterkopf ragte aus dem Wasser. Der Kopf des Friedenshäuptlings war ganz untergetaucht, das Gesicht schaute nach oben; wegen der Klarheit des Wassers war jede Falte deutlich zu erkennen.
Charles verspürte einen heftigen Schmerz tief in seinem Magen. Dafür hatte er sich erst dem Zehnten und dann dem Siebten Regiment angeschlossen? Um bei der Ermordung eines Mannes behilflich zu sein, der nichts weiter als Frieden im Sinn gehabt hatte, der lediglich versucht hatte, den Weg des weißen Mannes zu gehen? An diesem klaren Wintermorgen am Washi-ta fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er fühlte sich krank vor Schuld und Scham.
Er hob den wegen der nassen Kleidung sehr schweren Körper der Frau an, trug sie ans Ufer und legte sie dort nieder. Dann stapfte er wieder ins Wasser, um Schwarzer Kessel zu holen. Jetzt konnte er die fünf Schußwunden des Häuptlings sehen, die von der Frau verborgen worden waren. Tränen traten ihm in die Augen.