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Schwarzer Kessel war irgendwie leichter. Charles zerrte ihn aus dem eisigen Flachwasser und trug ihn taumelnd auf seinen Armen ans Ufer - direkt in den Schatten eines Reiters hinein.

Charles blickte auf. Captain Harry Venable zielte mit ausgestrecktem Arm auf Charles. Die Waffe war ein 1860er-Armee-colt mit einer Elfenbeineinlage am Kolben.

»Lassen Sie die Leichen liegen, wo sie gefallen sind, oder nehmen Sie ihnen die Skalpe.«

»Ich werde weder das eine noch das andere tun. Diese armen alten Menschen waren einst meine Freunde.«

»Sie kennen sie?«

»Das sehen Sie verdammt richtig. Das ist Schwarzer Kessel, der Friedenshäuptling. Er versuchte das Dorf in Sicherheit von Fort Cobb zu führen, und dieser verfluchte Narr Hazen wies ihn ab. Das ist nun seine Belohnung.« Jetzt lag der alte Indianer schwer in seinen Armen. »Schwarzer Kessel war mein Freund. Ich habe die Absicht, ihn zu beerdigen.«

Venable begann zu lächeln. Jetzt hatte er Charles wegen Befehlsverweigerung dran. Er brachte den Colt in Anschlag. Das Wasser tropfte aus der Kleidung und den grauen Haaren von Schwarzer Kessel, sonst war kaum ein Laut zu hören.

Urplötzlich hallte die Morgenluft vom Sammelsignal wider. Venable wandte sich um und schaute zum Dorf. Berittene Kavalleristen und Soldaten zu Fuß folgten eilig dem Signal. Charles starrte in die Mündung des Colts. Das ist nun das Ende, dachte er. Gleichzeitig war ihm klar, daß er Schwarzer Kessel fallen lassen, nach seinem Revolver greifen und die Welt von Harry Venable befreien konnte. Er rührte sich nicht.

Die Trompete verzögerte Venables Schuß um ungefähr fünfzehn Sekunden. Während dieser Zeitspanne galoppierte ein Reiter vorbei. Es war Griffenstein.

Er riß sein Pferd herum und trieb es zwischen Charles und Harry Venable. »Bist du besoffen?« brüllte er Venable an und schlug ihm den Colt aus der Hand. »Wir bringen Rothäute um, keine Weißen.«

Ein anderer Offizier galoppierte auf die Bäume zu und schrie Venable an, er solle gefälligst seinen Arsch bewegen. Dutch Henry verstand zwar den Hintergrund der Konfrontation nicht, erkannte aber den Ernst der Lage. Er behielt den kleinen Mann aus Kentucky scharf im Auge, als er abstieg, den Colt aufhob und ihn vorsichtig zurückgab. Charles legte Schwarzer Kessel langsam neben seine Frau in den zerwühlten schlammigen Schnee.

Venable rammte seinen Revolver in das Halfter zurück, warf Charles einen Blick zu, der besagte, daß die Sache zwischen ihnen noch nicht ausgestanden war, und versetzte seinem Pferd einen Schlag mit den Zügeln. Zwischen den Leichen hindurch galoppierte er auf das Dorf zu.

»Was sollte dieser Scheiß?« wollte Griffenstein wissen. Er schien nun wieder er selbst zu sein; sein Gesicht war nicht mehr so gerötet wie vorhin, als Charles ihn mit dem Skalpmesser gesehen hatte. Der Skalp war mit seinem blutigen Haar an den Ledergürtel des Scouts geknotet.

»Venable hat noch eine alte Rechnung mit mir offen.« Mehr sagte Charles nicht.

»Er hält sich wohl besser ein bißchen zurück. Hier ist nicht der richtige Ort, um seinen Rachegefühlen nachzugeben.«

Für Charles hatten die Worte eine Bedeutung, die der Scout nicht erkennen konnte.

»Ich stehe in deiner Schuld, Henry«, sagte er.

»Ach was«, sagte Dutch Henry und wedelte abwehrend mit der Hand. »Kann doch nicht zusehen, wie ein Freund von so einem rotzigen Offizier eins verpaßt kriegt.« Mittlerweile saß Charles wieder im Sattel; widerstrebend ließ er den Häuptling und dessen Frau liegen. Dutch Henry war in bester Laune, als sie ihre Pferde dem Sammelpunkt zutrieben. »War das nicht ein toller Kampf?«

Charles starrte ihn an. Der Zorn drängte die Dankbarkeit zurück.

»Es war ein Massaker. Noch dazu an den falschen Leuten. Es ist eine gottverdammte Schande. Schau dir das an.« Er holte das Messingkreuz mit dem zerrissenen Lederriemen hervor. »Ich habe es einem jungen Burschen abgenommen. Das ganze Leben lag noch vor ihm. Ich mußte ihn erschießen, damit er mich nicht umbrachte.«

Griffenstein erfaßte die Tiefe von Charles' Gefühlen nicht. Er griff nach dem Kreuz. »Jedenfalls hast du ein hübsches Souvenir.«

Charles schloß seine Finger zur Faust. »Glaubst du, deswegen hab' ich's genommen, du dämlicher Ochse? Das hier ist kein Krieg. Das ist Gemetzel. Sand Creek noch mal von vorn.«

Die Überraschung des bulligen Scouts verwandelte sich in Ablehnung. »Werd erwachsen, Charlie. Die Dinge sind nun mal so, wie sie hier sind.«

»Scheiß auf die Dinge, wie sie sind.«

Erneut veränderte sich Griffensteins Gesichtsausdruck. Er betrachtete Charles mit dem gleichen Abscheu, mit dem ein Mann einen Choleraträger betrachten mochte. »Schätze, hier trennen sich unsere Wege. Eigentlich sollte ich dir wegen dem, was du zu mir gesagt hast, den Kopf abreißen. Schätze, ich werd's nicht tun, weil ich glaub', daß du verrückt geworden bist. Von jetzt an kannst du mit einem anderen reiten.«

Er galoppierte davon. Charles war es egal. Etwas in ihm war tot - war hier am Washita gestorben.

Im Dorf ging es lebhaft zu. Viele Soldaten ritten oder liefen herum und schnappten sich Souvenirs, bevor es verboten wurde. Charles sah Hemden und Hosen, von Skalps befleckt, die man den Toten heruntergerissen hatte. Ein junger Soldat zeigte seinen Freunden stolz zwei davon.

Am anderen Ende des Dorfes war die mehrere hundert Tiere zählende Ponyherde zusammengetrieben worden. Ungefähr fünfzig Frauen und Kinder waren gefangen worden; dazu kamen als Beute noch große Mengen Waren. Eine Anzahl guter Sättel, einschließlich einiger Armeesättel; Hacken und Büffelfellmäntel; Waffen, Kugelformen und Blei; Hunderte von Pfund Tabak und Mehl und ein großer Wintervorrat an Büffelfleisch. Als Charles herangetrabt kam, erteilte Custer gerade Befehl an Godfrey und seine K-Kompanie, die Beute zu sammeln und aufzulisten.

Den aufgeregten Gesprächen um ihn herum entnahm Charles, daß mehrere hundert Indianer tot waren. Er bezweifelte es. Wenn in jedem Tipi die üblichen fünf oder sechs Personen untergebracht waren, dann machte das insgesamt dreihundert Dorfbewohner. Überall lagen tote Indianer herum, aber niemals dreihundert. Viele Krieger mußten entkommen sein. Bei den Soldaten wußte man bis jetzt nur von zwei Toten: Louis Hamilton und Corporal Cuddy von der B-Kompanie. Niemand konnte sagen, was aus Elliotts Abteilung geworden war.

Erneutes Gekreisch und Gejammer. Drei Osage-Fährtensucher peitschten fröhlich einige gefangene Frauen mit Ruten. »Sie versuchen zu rennen«, erklärte ein Osage. Er und die anderen peitschten heftiger auf die Frauen ein, trieben sie zu einer größeren, bereits unter Bewachung stehenden Gruppe. Charles erinnerte sich an die Zeit, die er bei dem Volk von Schwarzer Kessel verbracht hatte, und glaubte mehr als eine Frau zu erkennen. Eine Squaw mit dicken Zöpfen und blutender Wange schien ihn ebenfalls zu erkennen, doch sie war die einzige. Sie sagte nichts, doch ihr starrer Blick reichte aus, um ihm das Gefühl zu geben, es würden Messer in seinem Bauch umgedreht.

»General.« Die scharfe Stimme gehörte Romero, dem Dolmetscher. Er stieß eine verschmutzte Frau vor sich her. Sie krampf-te ihre Hände ineinander und senkte den Kopf vor General Cu-ster, der immer noch frisch und energiegeladen wirkte. Charles fragte sich, wie das möglich war; er selbst war erschöpft und ganz benommen vor Müdigkeit und Hunger.

»Diese Frau, sie sagte, sie Mahwissa, Schwester von Schwarzer Kessel«, sagte Romero. Möglich, obwohl Charles während seines Winters hier die Frau nie gesehen noch etwas von einer Schwester gehört hatte. »Sie sagt, das ist nicht einziges Dorf am Washita.«

»Wo sind die anderen?« fragte Custer in die plötzliche Stille hinein.

Romero entdeckte eine abgebrochene Lanze. Er stellte sich neben den General und malte ein umgekehrtes U in den Schlamm. Er zog beide Ausläufer des U nach außen, dann bohrte er ein Loch unter den linken Balken. »Hier ist das Dorf von Schwarzer Kessel.« Aufwärts in Richtung der Biegung des U stach er wieder zu. »Arapahoe hier.« Am Ende des zweiten Balkens ein weiterer Stich. »Mehr Cheyenne hier.« Zwei weitere Stiche nahe der Enden. »Noch mehr - auch Kiowa. Alles Winterlager. Flußab.«