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General Custers gesunde Gesichtsfarbe war verschwunden. Er sah so bleich wie der Schnee auf den Bäumen oben auf den Klippen aus. Charles glaubte zwischen diesen Bäumen eine Bewegung entdeckt zu haben.

»Wie viele in den Camps?« fragte Custer.

Romero sprach in Cheyenne zu der Frau. Charles bekam genug von ihrer Antwort mit, um ein erneutes Frösteln zu spüren. »Anzahl von fünf- bis sechstausend.«

Das Schweigen hätte einem Grab gut angestanden. Irgendwo jaulte ein Hund. Die lauschenden Soldaten, eben noch so lärmend und ungestüm, tasteten nervös nach ihren Waffen.

Charles zeigte sich von den unerfreulichen Neuigkeiten nicht überrascht. Custers hitziges Naturell zog den Ärger praktisch an. Er hatte die Verfolgung und den Angriff unter der unbegründeten Annahme durchgeführt, daß sie einen Kriegertrupp in ein isoliertes Dorf im Washita-Tal verfolgten. Der nächtliche Gewaltmarsch hatte wenig Zeit für weitere Überlegungen gelassen: Gab es nur ein Dorf? War der Kriegertrupp tatsächlich in dieses oder vielleicht in ein anderes Dorf zurückgekehrt? Selbst jetzt hatten sie noch keine Antwort auf die zweite Frage. Charles dachte, daß er Custer nicht zu hart beurteilen durfte. Ihm waren die Fragen ebenfalls nicht in den Sinn gekommen, obwohl sie nach Romeros Enthüllungen erschreckend offensichtlich waren.

Man mußte es Custer zugute halten, daß er sich keinerlei Bestürzung anmerken ließ. »Wir haben einen entscheidenden Sieg über den Feind errungen ...« Charles zog eine Grimasse. Zum erstenmal fiel ihm Keim auf. Der Reporter kritzelte in sein Notizbuch. »Wir werden mit der Zerstörung dieses Dorfes fortfahren. Wir müssen unsere Pflichten erfüllen ohne das leiseste Anzeichen, daß wir von den anderen Dörfern wissen oder uns darum kümmern. Sollte es weitere Indianer in der Nähe geben, so kennen sie unsere Stärke nicht.«

Irgend jemand murmelte: »Sie wissen bei Gott, daß wir keine fünftausend sind.«

»Der Feigling, der diese Bemerkung gemacht hat, soll vortreten.«

Niemand rührte sich. Das Gesicht des Generals rötete sich erneut. Custer öffnete den Mund, wahrscheinlich um seine Forderung nach einem Geständnis zu wiederholen, als einer der Osa-ge-Indianer seine Aufmerksamkeit mit einer plötzlichen Geste auf den Abhang jenseits des Flusses auf sich lenkte. Drei Krieger, mit Schild und Lanze bewaffnet, kamen dort oben aus dem Wald geritten. Am Rande der Klippe hielten sie ihre Ponys an. Ganz in ihrer Nähe glitten weitere Indianer ins Blickfeld.

Bald schon drängten sie sich oben an den Klippen, und immer noch kamen weitere hinzu. Custer sagte, diese Expedition sei gesegnet, dachte Charles. Sie ist verflucht.

51

Der leichte Sieg stellte sich als gar nicht so leicht heraus. Gegen elf Uhr waren auf den Klippen jenseits des Washita Hunderte von bewaffneten Arapahoe und Cheyenne zu sehen. Custer schäumte vor Wut, während die Männer weiter die Beute zusammentrugen. Er hatte seine Fahne über einem improvisierten Hospital in der Dorfmitte aufgezogen. Von hier aus erteilte er Befehle, daß die Männer zu einem Verteidigungsring innerhalb des Pappelwaldes ausschwärmen sollten, falls die Indianer angriffen.

Was sie auch taten. Eine Bande von zwanzig Cheyenne galoppierte von der zwei Meilen nordöstlich gelegenen Flußbiegung heran. Sie kamen über die offene Fläche zwischen den Hügeln gefegt und feuerten in den Wald. Charles, der neben Romero stand, erwiderte das Feuer. Custer schritt die Verteidigungslinie ab und trieb die Männer an.

»Zeigt euch nicht. Sie versuchen uns herauszulocken. Schießt so wenig wie möglich - wir sind knapp an Munition. Haltet durch. Sie werden nie in diese Wälder reiten.«

Das Klingeln seiner Goldsporen schien noch in der Luft zu liegen, nachdem er schon längst weitergegangen war. Romero warf Charles einen freudlosen Blick zu; Custer hatte recht, was die Munition anbelangte. Wenn sie hier länger eingeschlossen blieben, konnten die Indianer angreifen, ohne Gefahr zu laufen, beschossen zu werden.

Charles schob sein vorletztes Magazin in die Spencer und wischte sich die Augen. Sie tränten vor Müdigkeit und Rauch. Er spürte, daß ihn jemand beobachtete. Ein paar Schritte rechts von sich sah er Dutch Henry Griffenstein. Mit einem verächtlichen Lächeln sagte Griffenstein etwas zu dem Soldaten an seiner Seite. Der Kavallerist drehte sich um und starrte Charles an; Charles war sich darüber im klaren, daß er eine Gelegenheit finden mußte, sich bei dem Scout dafür zu entschuldigen, daß er ihn einen dämlichen Ochsen genannt hatte.

Nach ihrem letzten Angriff galoppierten die Cheyenne davon. Ein Krieger kniete auf seinem Pony und drückte sich den Daumen gegen sein Hinterteil. Keiner der Männer in dem rauchgeschwängerten Wald hielt das für komisch.

Charles blieb zwei Stunden an seinem Platz. Während dieser Zeit griffen ein halbes Dutzend Trupps von den Höhen aus an, obwohl keiner sich den Bäumen näherte. Custer hatte recht; die Indianer wollten sie auf die freie Fläche locken.

Hinter der Verteidigungslinie waren andere Kavalleristen damit beschäftigt, Tipis auseinanderzureißen und die Stangen mit Äxten zu zerhacken. California Joe schlüpfte von der anderen Seite des Waldes herein und berichtete, daß er weitere drei- bis vierhundert Indianerponys entdeckt hatte. »Müssen jetzt insgesamt acht-, neunhundert sein, General«, hörte Charles ihn zu Custer sagen, der erneut den Verteidigungsring abschritt.

Einer der Corbins löste Charles ab. Er stolperte hinter einen von Kugeln zerfetzten Baum, um seine schmerzhaft volle Blase zu erleichtern. Es half nicht viel. Er war düster gestimmt, voller Erinnerung daran, wie lebhaft und freundlich ein friedliches Cheyenne-Dorf sein konnte, mit Musik und Werberitualen und den Geschichten, die nach einem sündhaft großen Mahl am Feuer erzählt wurden. Im Gegensatz dazu war das Dorf von Schwarzer Kessel ein Friedhof, ein geplünderter Friedhof. Die Soldaten, die nicht in der Verteidigungslinie standen, türmten weiterhin Güter aus den zerstörten Tipis auf; Dutzende von Büffelroben, Hunderte von bemalten Pfeilen.

»Bringen Sie das beiseite«, sagte Custer zu seiner Ordonnanz. Er deutete auf ein niedergerissenes Tipi. »Wenn die Abdeckung unbeschädigt ist, packen Sie es für mich ein. Dann legen Sie all diese verschiedenen Haufen zusammen, und stecken Sie das Ganze in Brand.« Charles hörte deprimiert zu. Was Custer da tat, lief auf das Niederbrennen der Heime eines zivilisierten Volkes hinaus. Die Bewohner der Tipis würden - falls ihnen die Flucht geglückt war - an Unterkühlung sterben, wenn sie nicht anderswo Unterschlupf fanden. Er dachte, es wäre genug gewesen, die Cheyenne vorübergehend aus ihrem Dorf zu vertreiben.

Custer sah das anders. Bald schossen auf der offenen Fläche hinter dem Pappelwald die Flammen in die Höhe und fraßen sich durch die große Menge der niedergerissenen Tipis. Die Fellplanen erzeugten einen bitteren, dunklen Rauch, der sich wie eine Trauerfahne über den Winterhimmel hinzog.

Der General stellte einen Trupp zusammen, der von Joe Corbin und Griffenstein geführt wurde. Als die Abteilung den Wald verließ, erkundigte sich Charles bei Milner: »Wohin sind sie unterwegs?«

California Joe musterte ihn mißtrauisch; Griffenstein schien sich lang und breit über Charles' Verhalten ausgelassen zu haben. »Suchen Elliott.« Mehr sagte der Chef der Scouts nicht. Seine Sprache war wieder etwas undeutlich; offensichtlich war ihm sein Alkoholvorrat immer noch nicht ausgegangen.

»Wird auch Zeit, daß der General sich Sorgen um sie macht«, sagte Charles.