California Joe machte ein finsteres Gesicht. »Solche Meinungen behältst du besser für dich, Mister.« Er ging davon.
Ein wilder, grimmiger Zorn, den er nicht unterdrücken konnte, braute sich in Charles zusammen. Er umfaßte jeden weißen Mann in dem Pappelwald, sich selbst eingeschlossen. Während er an einem Zwieback nagte, seiner einzigen Nahrung heute, stieg plötzlich der Drang in ihm hoch, seinen Armeecolt zu nehmen und Custer zu erschießen. Der närrische Impuls ging vorbei, aber nicht der Zorn. Er verabscheute das, was hier geschehen war.
Wie Ameisen bewegte sich eine Reihe von Männern mit allem, was sie nur an verwertbaren Gegenständen auftreiben konnten, auf das Feuer zu. Während die Flammen immer höher loderten, ertönte plötzlich in der Verteidigungslinie Geschrei: »Bell kommt! Hier kommt Bell!« Charles und andere rannten an den Waldrand zur Flußseite hin. Da kamen ihre sieben Wagen angeschwankt, nachdem sie eine Furt weiter oben durchquert haben mußten. Auf beiden Seiten des Wagenzuges galoppierten Cheyenne und Arapahoe und bepflasterten sie mit Pfeilen und Kugeln.
Die Kutscher erwiderten das Feuer. Ein Krieger stürzte aus dem Sattel. Oben auf den Klippen versammelten sich weitere Kriegertrupps, um den Wagen den Weg abzuschneiden. Sie waren nicht schnell genug. Mit Lieutenant Jim Bell an der Spitze donnerten die Wagen in das Wäldchen. Funken schlugen aus den überhitzten Radnaben. Bells Wagen versuchte einem Baum auszuweichen, geriet aber ins Schleudern und stürzte um; die Ladung Munitionskisten knallte zu Boden. Die Kavalleristen rannten darauf zu und rissen die Kisten auf.
Bell taumelte mit rußigem Gesicht und einem rauchenden Revolver in der Hand auf Custer zu. »Konnte keine weiteren Befehle abwarten, General. Ein Indianerhaufen überraschte uns, und wir mußten uns zu der Furt flußaufwärts flüchten.«
»Das haben Sie gut gemacht«, sagte Custer. »Jetzt haben wir die Munition, die wir brauchen.«
Die Ankunft der Wagen schien den Soldaten neuen Mut eingeflößt zu haben. Sie kletterten auf die Wagen und warfen weitere Munitionskisten auf den Boden. Das Feuer prasselte, die Maultiere und Kutscher machten eine Menge Lärm, die Cheyenne-Frauen klagten, die Kinder weinten, und die wütenden Indianer gaben im Vorbeireiten Schüsse ab - allmählich begann Charles zu glauben, daß er sich in irgendeinem Teil der Hölle befand, der für die Verdammten der US-Kavallerie reserviert war.
Noch mehr Unruhe. Der Suchtrupp ritt von Osten her ein. Bleiche, verängstigte Kavalleristen saßen ab und begannen sich aufgeregt zu unterhalten. Custer rannte auf sie zu, brüllte nach Ruhe. Charles' Blicke suchten den Trupp ab. Kein Griffenstein.
»Wie weit seid ihr vorgedrungen?« fragte Custer.
»Zwei oder drei Meilen«, sagte Joe Corbin. »Wir gerieten unter schweren Beschuß und kehrten um. Einen Mann haben wir verloren. Von Elliott keine Spur.«
»In Ordnung. Ich bin sicher, Sie haben Ihr Bestes gegeben«, sagte Custer. Sofort trat Captain Fred Benteen vor und baute sich vor ihm auf.
»General, dabei können wir es nicht bewenden lassen. Vielleicht sitzt Elliott irgendwo fest. Ich werde mit einem anderen Trupp ...«
»Nein!« Custer musterte die Klippen über dem Fluß, wo Indianerhorden auf und ab ritten, unruhig und rastlos, weil es ihnen nicht gelungen war, die Soldaten ins Freie zu locken. Cus-ter merkte, daß Benteen erneut protestieren wollte, und fuhr ihm scharf über den Mund: »Nein, Sie werden gar nichts. Nicht jetzt. Wir stecken in der Klemme, aus der wir uns erst befreien müssen.«
Auch Charles steckte in der Klemme. Er hatte einiges in Ordnung bringen wollen, und jetzt war es zu spät dafür. Griffenstein würde nicht mehr zurückkommen. Ihm fiel auf, daß er sich zwar oft genug mit Dutch Henry unterhalten, sich aber nie nach dessen Familie erkundigt hatte. Griffenstein hatte auch nichts davon gesagt. Er war recht verschlossen gewesen; ein fähiger Westmann, der seine ganze Welt in sich trug. Sollte er irgendwo Verwandte haben, so konnte Charles sie nicht informieren.
Dämlicher Ochse. Die Erinnerung an diese Worte löste ein Gefühl in ihm aus, wie er es im letzten Kriegsjahr empfunden hatte. Er kam sich gemein und dreckig vor, bereit, jemanden zu verletzen.
Drei Uhr.
Custer sah verhärmt aus, als er die Offiziere und Scouts zusammenrief: »Wir müssen uns darauf vorbereiten, hier herauszukommen. Es gibt einige Probleme. Wenn wir uns bloß zurückziehen, werden die Wilden uns verfolgen, und ich will keinen sich hinziehenden Kampf in der Dunkelheit. Die Männer sind erschöpft. Also werden wir es mit einer Finte versuchen. In ungefähr einer Stunde treiben wir unsere Gefangenen zusammen und marschieren in dieser Richtung ab.« Die behandschuhte Hand deutete nach Nordosten. »In Schlachtordnung. So, als planten wir ein Dorf nach dem anderen einzunehmen. Wir werden ihnen Musik und eine Menge Selbstvertrauen vorspielen. Sie haben gesehen, was wir mit diesem Feindesnest hier angestellt haben. Ich denke, sie werden losrennen, um ihre eigenen Zelte zu schützen. Wenn ich mich nicht täusche, können wir dann bei voller Dunkelheit umkehren und nach Norden entwischen.«
Niemand erhob Einwände gegen diesen Plan oder lieferte auch nur einen Kommentar dazu; sie waren zu ausgelaugt, um Fragen zu stellen, und was Custer gesagt hatte, klang ganz vernünftig.
Der General hatte Asche im Haar und im Schnurrbart. Einer seiner Backenknochen hatte einen Blutschmierer abbekommen. Seine glänzenden Augen musterten das immer noch brennende Feuer. Er fügte hinzu: »Bevor wir gehen, müssen wir dieses Dorf vernichten. Vollständig vernichten. Venable!«
»Sir?«
»Nehmen Sie sich ein paar Männer, und holen Sie so viele Ponys aus der Herde, wie wir zum Transport der Gefangenen benötigen. Die anderen Gentlemen, Offiziere und Scouts, können sich dann ein Pferd ihrer Wahl aus der Herde holen. Dann möchte ich, daß Godfrey - wo steckt Godfrey? - ah, Godfrey, dann übernehmen Sie das Kommando.«
»Jawohl, Sir!« Lieutenant Godfrey wischte sich die Mundwinkel. In Charles' Ohren begann es zu rauschen, als sich seine schreckliche Vorahnung als richtig erwies.
»Töten Sie die restlichen Pferde.«
»General - Sir - das sind mindestens achthundert Tiere.«
»Genau, Godfrey. Wir werden diesen verdammten roten Mördern keine Ersatzpferde zurücklassen. Alle werden getötet.«
Der graue Tag war in einen von Feuern erhellten Alptraum versunken. Charles lehnte an einer Pappel und fütterte den klickenden Zylinder seines Armeecolts mit Patronen.
Romero eilte vorbei. »Eh, Senor Charlie, hilf mal bei der Re-muda. Je schneller wir sie töten, desto schneller kommen wir hier raus.«
»Laß ihn in Ruhe, Romero!« rief California Joe. Er war damit beschäftigt, Dreck von einem Skalp zu klopfen, der ihm vom Gürtel gefallen war. »Charlie ist momentan nicht ganz bei sich.«
Das Rauschen in seinen Ohren hielt an. Schwankend ging er auf das gewaltige Feuer zu. Die Hitze trieb den Schweiß auf sein verdrecktes Gesicht. Er schloß die Augen, erinnerte sich an Sports letzten Galopp in Virginia. Der frische Schnee war vom Herzblut des tapferen Grauen rot gesprenkelt gewesen, als er Charles in die Sicherheit der eigenen Linien zurückgetragen hatte.
Achthundert Pferde. Achthundert. Er konnte nicht glauben, daß jemand dazu fähig war. Nicht nach all der Zerstörung, die sie jetzt schon gesehen hatten.
Er taumelte am Feuer vorbei; seine rechte Wange wurde von der Hitze angesengt. Dann blieb er stehen und sah zu, wie Ve-nable fünfundfünfzig Pferde für die gefangenen Frauen und Kinder heraussuchte. Er und sein Trupp trieben die Tiere in eine hastig errichtete Umzäunung unter den Bäumen. Anschließend schlossen sie sich Godfrey und seinen Männern an, die sich verteilt und die nervösen Ponys umzingelt hatten.
Lassos flogen durch die Luft. Ein Soldat warf die Schlinge über einen herrlichen Rotbraunen. Er schrie, daß jemand mit einem Messer kommen und dem Pony die Kehle durchschneiden solle. Das Pony stieg hoch und traf mit einem Huf den Soldaten an der Stirn. Blut strömte ihm in die Augen. Er fiel auf den Rücken und wäre zertrampelt worden, hätten ihn die anderen nicht schnell in Sicherheit gebracht.