Fünfzehn Minuten lang versuchten es Godfreys Männer mit Lassos und Messern, doch die Pferde verabscheuten den Geruch der Soldaten und traten und bissen und bäumten sich auf. »Holt den General!« brüllte Godfrey. Charles stand immer noch neben dem Feuer und schaute zu.
General Custer kam auf Dandy zwischen den Bäumen angetrabt. »Wir kommen nicht nah genug an sie heran, um ihnen die Kehle durchzuschneiden, General. Was sollen wir tun?«
Ärgerlich sagte Custer: »Wir haben jetzt genügend Munition. Benützt sie.« Er zog einen seiner Revolver und schoß zwei Ponys in den Kopf. Mit einem schrecklichen, bellenden Laut stürzten sie zu Boden. »Muß ich euch immer alles zeigen?« schrie Custer und hätte beinahe Godfrey über den Haufen geritten.
»Gewehre!« kommandierte Godfrey. Die Männer liefen los, um welche zu holen. Harry Venable knöpfte seinen verdreckten Mantel auf, um mehr Bewegungsfreiheit zu haben, und holte seinen Revolver hervor.
»Die Männer mit Revolvern fangen an«, sagte Godfrey. »Sonst verbringen wir hier noch die ganze Nacht.«
Venable ging auf einen gutgebauten Braunen zu, in dessen schimmernden Augen sich das Feuer widerspiegelte. Er preßte die Lippen zusammen wie ein Mann, der vor einer schwierigen Rechenaufgabe steht. Dann hielt er seinen Revolver dem Braunen vors Auge und drückte ab. Hinter dem herrlichen Kopf spritzte Blut und Gewebe heraus.
Der Schuß hallte, lauter als der lauteste Präriedonner. Etwas wie eine Pulverladung explodierte in Charles' Gehirn. Ein rauhes, leises Geräusch begann in seiner Kehle hochzusteigen, gewann an Lautstärke, wurde zu einem langen, wilden Schrei. Er merkte nicht, daß er sich in Bewegung setzte.
52
Die Pferde fielen mit einer seltsam quallosen Grazie. Sie fielen seitlich aufeinander. Sie fielen unter den krachenden Salven jungenhafter Soldaten, die lachten oder brüllten: »Gut getroffen!« Die Soldaten knieten nieder und feuerten Kugel um Kugel in Schultern und Rippen, Brustkörbe und Bäuche. Das Blut floß in Strömen, die gestürzten Pferde bildeten ein schönes, ordentliches Muster. Dann verlor das Muster an Schönheit und Ordnung, weil achtzig Pferde gefallen waren, dann hundert, dann war kein Platz mehr zum Sterben, und so mußten einige kniend sterben. Und nirgendwohin konnten sie fliehen. Tiere, die am entfernten Rand der Herde ausbrachen, stießen auf weitere Jungs mit Gewehren, einige mit der schmutzigweißen Blässe der Erschöpfung in den Gesichtern, andere schwach scherzend oder stoisch, während wiederum anderen ganz übel von ihrem Tun war; auch von dieser Seite aus begann das große Töten, und bald umgab die sterbenden Tiere ein Kreis aus Feuer und Rauch wie ein gewaltiges Band. Statt des anfänglichen Musters wuchs ein Berg glänzenden, stinkenden, sterbenden Pferdefleisches in die Höhe; eine Erhebung, so unverkennbar wie einer der Antelope Hills; eine Erhebung, nicht von der Natur, sondern von Menschen erschaffen, da unten am Washita.
Charles rannte auf den Kreis der jungen Soldaten zu, die mit Revolver oder Gewehr im Anschlag knieten. Er packte einen an der Schulter. »Leg das weg. Hör auf. Töte keine hilflosen Tiere.« In seinen Ohren klang das vollkommen vernünftig; er hatte keine Ahnung, daß seine Worte ein kreischender Aufschrei waren oder daß eine ungewöhnliche Kraft ihn vorantrieb, die es ihm ermöglichte, einen der Schützen mit einem einfachen Griff beiseitezuschleudern.
Ein Soldat, dessen Augen so feucht und glänzend waren wie die der sterbenden Pferde, zuckte vor Charles zurück und rief den anderen eine Warnung zu: »Paßt auf, Cheyenne Charlie ist verrückt geworden!«
Charles wunderte sich, warum der Soldat das gesagt hatte. Er wollte nichts weiter, als diesem Tiermord Einhalt gebieten, ein absolut vernünftiger Wunsch.
»Auf die Seite. Ich kümmere mich um ihn.« Charles erkannte die Stimme, noch bevor er Harry Venable zu Gesicht bekam; Harry Venable, klein und adrett trotz Hungers und Müdigkeit und den Mühen des Gewaltmarsches.
»Sagen Sie ihnen, sie sollen aufhören, Venable.«
»Sie dreckiger, verrückter Idiot, wir führen die Befehle des Generals aus.«
Charles ballte die Hände zu Fäusten, schlug durch die Luft und kreischte jetzt wirklich los, weil das die einzige Möglichkeit schien, Venables einstudierte Rede zu durchbrechen. »Laßt sie laufen. Laßt sie laufen. Stoppt das Morden!«
Venable hob eine Hand. Sein makelloser, leicht eingeölter Colt mit dem Elfenbeingriff glänzte einen Fuß von Charles' Brust entfernt. Die Gewehre und Revolver feuerten ihre Salven ab; es klang, als würden Steine auf ein Wellblechdach geworfen. Der Gestank wurde stärker. Mehr als ein Soldat wandte sich ab und übergab sich.
Erbrochenes flog auf Venables rechten Stiefel, der bereits schlammverschmiert war. Der Spritzer brachte ihn auf. Er schlug Charles den Revolver ins Gesicht und riß ihn nach unten; das Korn schnitt in Charles' Wange wie ein stumpfes Messer.
»Und jetzt verschwinden Sie, Main.«
Charles starrte ihn an, dann die sterbenden Pferde, dann wieder ihn. Er sprang ihn an - ein Fehler, denn Venable war darauf vorbereitet. »Haltet ihn«, schrie Venable den Soldaten zu, während sein Knie Charles zwischen den Beinen traf; ein ungeschickter Stoß, aber wirkungsvoll. Benommen vor Schmerz versuchte Charles nach Venable zu schlagen, aber er war zu langsam. Zwei Kavalleristen packten ihn an den Armen und rissen ihn zurück.
Venables blaue Augen funkelten. In seiner besten, sanftesten Kentucky-Stimme beglückwünschte er die Soldaten: »Sehr gut, Sirs. Und jetzt haltet ihn fest.«
Er steckte seine Waffe weg und trat nahe an Charles heran. Dann schlug er ihm mit voller Wucht in den Magen. Für einen so kleinen Mann war er sehr stark. Langsam kam Charles' Kopf hoch. Mit wilden Augen spuckte er Venable an, der sich den Speichel abwischte und Charles erneut zwischen die Beine schlug. Dann hämmerte er eine Rechte an Charles' Kopf. Blut spritzte aus Charles' Nase. Er ging zu Boden, ohne etwas dagegen tun zu können.
Ein umfassendes Gefühl der Niederlage hüllte ihn ein. Er mußte aufstehen. Zurückschlagen. Er konnte es nicht; es war wie bei Jefferson Barracks.
Venable stand neben Charles, den Revolver auf ihn gerichtet. Trotz des Lärms der Waffen und der Pferde hörte Charles, wie der Revolver gespannt wurde. Venable zielte auf sein Ohr.
»Sir«, sagte ein Soldat, »Sir, er ist erledigt. Griffenstein hat mir mal erzählt, daß er es nicht ertragen kann, wenn Pferde verletzt werden. Das Töten ...« Charles konnte nicht sehen, welcher junge Soldat da gesprochen hatte, doch er sah Venables funkelndes Starren und hörte, wie der energische Tonfall des Jungen dahinschwand, als er mit einem Würgen hinzufügte: »Sir.«
Charles wußte, daß er im nächsten Moment getötet werden würde. Er beobachtete, wie Venable sich nach Zeugen umblickte, von denen Charles nichts weiter als die blutbespritzten Stiefel sehen konnte. Venable zögerte. Damit würde er nicht durchkommen.
»Schnappt euch den Hundesohn«, sagte er und rammte seinen Colt in das Halfter. »Du - und du. Stellt ihn auf die Beine, den verdammten Verräter. Darum soll sich der General kümmern.«
53
Die beiden Soldaten schleppten ihn auf die Pappeln zu, wo ein neues Feuer nahe der Generalsstandarte entzündet worden war, um die allmählich hereinbrechende Dunkelheit aufzuhellen und Wärme zu spenden. Der Zorn, der in Charles getobt hatte, löste sich fast so schnell wieder auf, wie er gekommen war, und ließ ihn mit schmerzendem Körper und dem vagen Bewußtsein zurück, daß er versucht hatte, die Schlächterei zu stoppen. Eine traurige Endgültigkeit senkte sich über ihn; er wußte endlich, was er tun wollte. Nein, stärker noch, was er um jeden Preis tun mußte.