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General Custer, der jugendlich und trotz seiner verschmutzten Uniform irgendwie flott und verwegen wirkte, war über die Störung durch Venable verärgert. Er hatte sich mit California Joe unterhalten, der gerade sagte: »Nein, Sir, ich kann bis jetzt Sergeant Major Kennedy nicht finden.«

Custer wandte sich von dem lodernden Feuer ab; sein rechtes Knie war leicht gebeugt, seine linke Hand ruhte am Säbelgriff. Stets schien er sich seiner Pose bewußt zu sein.

»Was gibt's, Captain Venable? Schnell. In weniger als einer Stunde will ich abmarschieren.«

»Sir, dieser Mann, dieser verdammte Rebell, hat versucht, Ihre Männer an ihrer Pflichterfüllung zu hindern. Er hat versucht, unsere Arbeit bei der Ponyherde zu verhindern.«

»Ihre Schlächterei«, sagte Charles.

»Ihre zarten Empfindungen wehren sich dagegen, Mr. Main?« Custer kam auf Charles zu, sprach ihn an, als wäre sein eines Auge nicht zugeschwollen, als würde ihm kein Blut von der Wange tropfen und Rotz aus der Nase laufen. »Sie ziehen es vor, daß wir den Wilden gesunde Pferde zurücklassen, damit sie sie im Frühjahr reiten und weitere Grausamkeiten begehen können? General Sheridan hat mir die Aufgabe übertragen, die Cheyenne und Arapahoe zu bestrafen.«

»Schwarzer Kessel war ein Friedenshäuptling.«

»Das spielt keine Rolle. Meine Aufgabe ist es, diese Bedrohung des weißen Volkes auszurotten.« Warum redete er so viel, fragte sich Charles. Vor wem rechtfertigte er seine Handlungen? Vor einem schäbigen Scout mit fragwürdigem Hintergrund hatte er das nicht nötig. Trotz seiner Schmerzen spürte Charles ganz deutlich, daß sich Custer im klaren darüber war, was ihm der heutige Tag angetan hatte; ein Gespür dafür, daß er sich bereits auf der Flucht befand. »Diese meine Pflicht habe ich heute erfüllt. Nur der totale Krieg wird den Frieden in die Prärien bringen.«

»Vielleicht, aber ich will damit nichts mehr zu tun haben.«

»Was? Was sagen Sie da?« Custer war überrascht; seine blauen Augen schauten verwirrt, dann wieder ärgerlich drein.

»Ich sagte, mit Ihrer Art von Krieg will ich nichts mehr zu tun haben. Ich hätte nicht anheuern sollen.«

»Wir hätten Sie nicht nehmen dürfen«, schlug Custer zurück. California Joe sah aus, als würde er jeden Moment im Boden versinken.

Charles setzte alles auf eine Karte. »Ich verabschiede mich. Wenn Sie mich aufhalten wollen, müssen Sie mich schon erschießen. Oder jemandem den Befehl dazu geben.«

Venable sagte: »Ich wäre gern bereit zu ...«

»Seien Sie still!« schrie Custer. Sein Atem ging schnell, sein Gesicht war röter, als Charles es je zuvor gesehen hatte. »Ihr Vorschlag scheint mir etwas überhastet, Mr. Main. Ich kann Sie sehr wohl erschießen lassen. Zeugen Ihres rebellischen Betragens werden die Notwendigkeit bekunden .«

»Sie haben genügend Ärger am Hals.« Das Blut in Charles' Bart formte einen Tropfen, der in den Schnee zwischen seinen Stiefeln fiel. Er versuchte die Geräusche der regelmäßigen Schüsse und der sterbenden Pferde nicht zu hören. »Ich sah, wie Mrs. Blinn erschossen wurde. Ich sah, wie ihr Sohn erschossen wurde.«

»Ich habe es aus zuverlässiger Quelle, daß die Cheyenne die Frau ermordet haben.«

»Ihre Männer haben die Frau erschossen. Das habe nicht nur ich, das haben auch andere gesehen.«

»Wir haben keinerlei Beweise, daß es sich bei der weißen Frau um die entführte Mrs. Blinn aus ...«

»Ich hörte ihren Namen. Andere auch.« Charles stieß Custer weiter und weiter. Der Boy General geriet für einen Augenblick in Panik; Charles sah es an seinen leuchtenden blauen Augen. »Sie werden das nicht als Schlacht, sie werden es als Massaker bezeichnen. Babys mit Kugeln in den Köpfen. Frauen, von Soldaten der Vereinigten Staaten skalpiert. Eine weiße Gefangene und ein Friedenshäuptling, ein alter Mann, ermordet. Keine sonderlich hübsche Episode in einer Wahlkampfbiographie, meinen Sie nicht auch, General?«

George Custer trat einen halben Schritt zurück; das sagte alles.

Venable spuckte fast vor Frustration. »General Custer, niemand wird einem Mann glauben, der zweimal gelogen hat, um in die Armee zu kommen.«

Charles nickte. »Das ist richtig. Ich bin auch nicht daran interessiert, mit Zeitungsleuten zu reden, mit Mr. Keim oder sonst jemandem. Ich bin nicht daran interessiert, mich an jemandem zu rächen. Zu lange schon bin ich dieser Fährte gefolgt, und wohin hat es mich gebracht?« Niemand verstand, was er damit meinte.

Der Blick seiner brennenden Augen bewegte sich über das zerstörte Dorf, über die Asche des großen Feuers, über den schrecklich bebenden Haufen toter und sterbender Pferde. »Heute morgen mußte ich einen Jungen töten. Keinen Mann, einen Jungen. Ich werde ihn bis zu meinem Tod in meinen Alpträumen sehen. Genau wie diesen obszönen Ort hier. Ich habe diese Armee satt. Ich habe Soldaten wie Sie satt, die in Ihrem Ehrgeiz über Leichen gehen. Und jetzt erschießen Sie mich, oder lassen Sie mich gehen, Sie elendes Zerrbild eines menschlichen Wesens.«

Venable trat dazwischen, holte aus, um Charles die Faust auf den Kopf zu schlagen. »Lassen Sie ihn in Ruhe«, sagte Custer. Venable riß es bei dem scharfen Befehl förmlich herum. Custer wischte sich über den Mund. »Lassen Sie ihn gehen. Wir haben schon genug zu erklären.«

»General. Sie können doch nicht zulassen ...«

»Zum Teufel mit Ihnen, Captain Venable, halten Sie den Mund. Mr. Main!« Custer wedelte mit einem Finger vor Charles' Nase herum; seine Zähne knirschten, als hätte er die Kontrolle über sie verloren. »Ich gebe Ihnen fünf Minuten, um über den Washita zu kommen. Wenn Sie in fünf Minuten nicht nördlich des Flusses sind, dann lasse ich Sie von einem Trupp verfolgen und erschießen. Sie sind eine Schande für die Armee und eine Schande für alle Männer. Abtreten, Sir.«

»Jawohl, Sir!« Charles gab den Worten Gewicht, zog sie in die Länge. »General - Custer.«

Einen gefährlichen Augenblick lang starrten sie sich an. Dann, wie zwei Bären, die sich bis zur Erschöpfung bekämpft hatten, wandten sie sich beide gleichzeitig ab und gaben den Kampf auf.

Little Harry Venable gab nicht auf. Er folgte Charles zwischen den Bäumen hindurch, was Charles mit einer gewissen Befriedigung zur Kenntnis nahm. Custers Entscheidung hatte den Mann aus Kentucky zu so etwas wie einem kleinen Jungen gemacht, der es nicht mehr wagte, seine Fäuste zu gebrauchen, sondern nur noch Schmähungen ausstoßen konnte. »Es ist ein langer Weg bis Fort Dodge. Hoffentlich erwischen dich die Wilden.« Das werden sie wahrscheinlich, dachte Charles. »Ich hoffe, sie schneiden dir das Herz bei lebendigem Leibe heraus.«

Charles stoppte. Venable atmete tief durch. Charles starrte ihn mit einem verzerrten Grinsen an. »Du hoffnungsloser kleiner Haufen Scheiße. Mein Krieg ist vorbei.«

»Was?«

Er drehte sich um und ging weiter. Er wußte, daß Venable niemals seine Waffe ziehen würde.

Er fand Satan, band ihn los, tätschelte ihn und schwang sich in den Sattel. Es mochte so gegen vier Uhr sein, doch der Novembernachmittag war stark bewölkt und ungewöhnlich finster. Im Trab ritt er aus dem Cheyenne-Dorf hinaus; jede Bewegung des Schecken tat ihm weh. Das Fleisch um sein linkes Auge war aufgequollen, sein Blickfeld bis auf einen schmalen Schlitz eingeengt. Bei dem Riß in seinem Gesicht konnte er nur warten, bis das Blut gerann. An dem Fluß, wo das Siebte Regiment auf Elliott gestoßen war, konnte er die Wunde auswaschen - falls er je soweit kam.

Über die offene Fläche kam ein Indianer auf ihn zu. Charles zog die Zügel, griff nach der Spencer. Dann erkannte er einen der Osage-Fährtensucher. Die Leggings des Indianers waren durchnäßt. Stolz zeigte er, was er in der Hand hielt.

»Skalp von Schwarzer Kessel. In tiefes Wasser gestoßen. Er bald schlechtes Fleisch.«