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Die Villa besaß ebenfalls eine Terrasse, die man von einem hübschen Arbeitszimmer aus überblicken konnte. In dem Marmorkamin brannte bereits ein Feuer. Er zog sich einen Stuhl neben eine Büste von Voltaire - Lausanne hatte zu seinen Lieblingsstädten gehört - und ging die Post durch. Mit den beiden letzten Nummern der >Nation<, eines republikanischen Wochenmagazins, das '65 von Edwin Lawrence Godkin ins Leben gerufen worden war, fing er an. Das Magazin trat für eine ehrliche Regierung und bürokratische Reformen ein. George strich einen Artikel an, den er später lesen wollte. Es ging darin um eine Rückkehr zum Goldstandard als Heilmittel gegen die inflationäre Papierwährung, die während des Krieges in Umlauf gebracht worden war. Hartes gegen weiches Geld war ein leidenschaftliches Thema in seinem Heimatland.

Dann entfaltete er den dreiseitigen Bericht von Christopher Wotherspoon. Die Profite der Hazard-Eisenwerke waren erneut gestiegen. Sein Verwalter empfahl umfangreiche politische Spenden an jene Kongreßabgeordneten und Senatoren, die für umfassende Schutztarife für die Eisen- und Stahlindustrie eintraten. Er wollte das von George absegnen lassen.

Dann war da ein ziemlich trauriger Brief von Patricia, im September geschrieben, in dem sie sich nach seinen Weihnachtswünschen erkundigte. Ihm fiel nichts ein. Seine Kinder waren im Sommer nach Europa gekommen, doch ihr Besuch den ganzen Juli über war ihm endlos erschienen und, wie er vermutete, ihnen auch, da er sich für keinerlei Aktivitäten interessierte. Eine Woche lang hatten sie sich etwas umgeschaut und dann jeden Tag stundenlang Rasentennis gespielt.

Jupiter Smith, der die wöchentliche Post zusammenpackte, hatte noch drei Exemplare von Mr. Greeleys >New York Tri-bune< mit angekreuzten Nachrichten aus der Finanzwelt hinzugegeben. Außerdem war da noch eine kunstvoll beschriftete Einladung zu einem republikanischen Fest zur Feier von Grants Inauguration im März und eine weitere Einladung zur Inauguration selbst. George warf beide ins Feuer.

Er schnitt eine seiner kubanischen Zigarren an, deren Import ihn fast sieben Dollar pro Stück kostete, obwohl er auf solche Dinge längst nicht mehr achtete. Er zündete die Zigarre an und stellte sich ans Fenster. Unterhalb der bezaubernden Stadt sah er einen weißen Dampfer, der am späten Nachmittag zurückkehrte. Von den Jorat-Höhen aus war er nichts weiter als ein kleiner Punkt, so wie er selbst auch.

Er dachte an Orrys Witwe, eine hübsche, intelligente Frau. Er hoffte, daß Madeline die politischen Stürme im Süden durchstehen konnte. Er spürte einen Drang zu schreiben oder nachzuforschen. Er dachte an seinen eigenen Sohn William und dessen Entscheidung, Jura zu studieren; es war ihm mehr oder weniger gleichgültig. Er dachte an Sam Grant, einen Bekannten aus Kadettenzeiten, und fragte sich, ob er einen guten Präsidenten abgeben würde, da er über keine praktischen Erfahrungen verfügte. Wahrscheinlich würde er versuchen die Regierung wie ein militärisches Hauptquartier zu führen. Konnte das gutgehen? Mit einem leichten Schamgefühl stellte er fest, daß ihn die Antworten im Grunde gar nicht interessierten, wenn es um Zukunftsfragen seines Landes ging.

Der Dampfer auf dem See war verschwunden. George blieb noch eine Weile am Fenster stehen, rauchte und starrte auf die glänzende Wasseroberfläche. Er hatte festgestellt, daß es sehr angenehm war, nichts zu tun, nichts zu sagen, auf nichts zu reagieren; oder zumindest von allem so wenig wie möglich zu tun, eben nur gerade das, was lebensnotwendig war. Auf diese Weise verfiel man zwar der Apathie, konnte aber auch nicht verletzt werden.

Mr. Lee aus Savannah hat die endgültigen Pläne gebracht. Jetzt ist wieder genug Geld da. Die Arbeit wird gleich im neuen Jahr beginnen. Orry, es bricht mir das Herz, daß du nicht hier bist, um zu sehen .

Theo wieder hier, in Zivil. Eine nervöse Unrast liegt über ihm.

Über Marie-Louise auch.

Vor jeder Beobachtung sicher, umarmte sich das Liebespaar in der kalten Abendluft im dichten Gebüsch, das dort wucherte, wo früher der richtige Garten gewesen war. Marie-Louise wäre beinahe in Ohnmacht gefallen, als Theos Zunge in ihren Mund glitt. Sie war erschrocken, zuckte aber nicht zurück. Sie schlang ihre Hände hinter seinen Nacken und lehnte sich zurück, so daß sein Gewicht sich auf eine köstlich sündige Weise gegen sie preßte. Theos Lippen streiften über ihre Wange, ihre Kehle. Seine Hände glitten an der Seite ihres Kleides auf und ab.

»Marie-Louise, ich kann nicht länger warten. Ich liebe dich.«

»Ich liebe dich auch, Theo. Ich bin genauso ungeduldig wie du.«

»Ich habe die Lösung gefunden. Sagen wir es ihr.«

»Heute abend?«

»Warum nicht? Sie wird uns helfen.«

»Ich weiß nicht. Es ist solch ein gewaltiger Schritt.«

Sehr ernst und liebevoll nahm er ihre rechte Hand zwischen die seinen. »Ich habe alles auf South Carolina gesetzt. Und auf dich. Wenn du dir genauso sicher bist, gibt es keinen Grund zu warten.«

»Ich bin mir sicher. Aber ich habe auch Angst.«

»Ich werde für uns beide sprechen. Du brauchst dich nur an meiner Hand festzuhalten.«

Marie-Louise hatte das Gefühl, als würde sie durch einen gewaltigen, dunklen Raum stürzen auf - ja, auf was zu? Auf etwas, das sie sich nur in ihrer Phantasie vorstellen konnte. Es würde Glückseligkeit oder eine Katastrophe sein. Sie schwankte, und Theo stützte sie mit einer Hand, erheitert von ihrer mädchen-haften Romantik, jedoch auch gleichzeitig verliebt in die Art und Weise, wie sie sich gab. Sie flüsterte: »Also gut, sagen wir's ihr.«

Er jubelte auf und wirbelte sie an der Taille herum. Einen Augenblick später eilten sie über den dunklen Rasen auf das erleuchtete, weißgetünchte Haus zu.

»Sie wollen Ihr Offizierspatent aufgeben?« fragte Madeline erstaunt.

»Ja. Ich habe meine Vorgesetzten gestern von meiner Absicht in Kenntnis gesetzt.«

Während Theo sprach, stand Marie-Louise halb versteckt hinter ihm und klammerte sich an seine Hand, als wäre sie eine Rettungsleine. Das junge Paar war ins Haus geplatzt, gerade als Madeline die Baupläne auf dem Boden ausgebreitet hatte, um Prudence Einzelheiten des neuen, großen Hauses zu zeigen. In der Ecke lagen einige frischgeschnittene, als Weihnachtsdekoration gedachte Pinienzweige.

»Ich bin zu meiner Entscheidung auf der Basis von zwei Umständen gelangt«, sagte Theo mit einer Formalität, die sie zum Lächeln gebracht hätte, wäre sein Plan nicht so umstürzlerisch gewesen. »Erstens sagten Sie, Sie hätten hier vorübergehend Arbeit für mich.«

»Ja. Ich glaube, Sie würden einen ausgezeichneten Manager für die Mühlen- und Schürfarbeiten auf Mont Royal abgeben. Aber es war niemals meine Absicht, dadurch etwas heraufzubeschwören.«

»Das haben Sie auch nicht«, unterbrach er sie. »In erster Linie scheide ich aus dem zweiten Grund aus der Armee aus.« Er trat einen Schritt vor, platzte heraus: »Letzte Woche ...«

»Theo!« Sie zeigte auf den Boden. »Verzeihen Sie mir, aber Sie stehen auf dem neuen Mont Royal.«

»Oh nein! Es tut mir so leid!« Er sprang zurück, ließ MarieLouises Hand los und kniete nieder, um die Knitter glattzustreichen, die sein Stiefel auf der Zeichnung hinterlassen hatte. Prudence lächelte. Madeline schalt sich selbst wegen ihrer Kleinlichkeit; ein weiteres Alterszeichen.

»So. Ist es wieder in Ordnung?«

»Ja. Es ist ja nichts passiert. Sie erwähnten einen zweiten Umstand, der Ihre Entscheidung beeinflußt hätte.«

Er schluckte und wagte dann den Sprung ins kalte Wasser.

»Ich habe einen Armeekaplan in Savannah aufgetrieben, der bereit ist, uns zu trauen.«

Marie-Louise hörte auf zu atmen. Sie griff wieder nach Theos Hand und hielt sie fest. Die vier Lampen im Zimmer warfen ein schonungsloses Licht auf Madelines hübsches, aber zerfurchtes Gesicht. »Obwohl Marie-Louise das legale Alter noch nicht erreicht hat?«