Er nickte, zupfte erst an seiner Krawatte und dann an seinem Schnurrbart. »Ja. Der Kaplan - nun, er mag Rebellen nicht besonders. Ich habe ihm erzählt, daß Mr. Main im Marineministerium der Konföderation gewesen war, und das reichte schon.«
Madeline lehnte sich stirnrunzelnd zurück. »Ihr habt mich in eine sehr unangenehme Lage gebracht. Eine derartige Herausforderung Coopers - und Judiths - kann ich nicht unterstützen.«
»Wir bitten Sie nicht, uns zu unterstützen«, fing Theo an.
»Gib uns nur einen Tag oder zwei«, bat Marie-Louise. »Sag Papa nichts, bis wir wieder zurück sind. Theo wird dann mit ihm reden.«
»Damit hätte ich mich trotzdem mit euch verbündet, um ihn zu täuschen.«
»Sagen Sie, Sie hätten von nichts gewußt«, entgegnete Theo.
»Marie-Louise verschwindet, und ich weiß von nichts?« Er erkannte, wie albern sein Vorschlag war, und errötete. »Nein. Ich muß darauf vorbereitet sein, einen Teil der Schuld auf mich zu nehmen.« Sie schwieg einen Moment. »Ich glaube nicht, daß mir das gefällt.«
Den Tränen nahe, eilte Marie-Louise auf sie zu. »Wenn Theo zuerst mit Papa spricht, dann weißt du genau, daß er nein sagen wird. Er wird nein sagen, bis die Hölle zufriert.«
»Marie-Louise«, sagte Theo entsetzt. Wohlerzogene Mädchen sagten solche Dinge nicht.
»Nun, es stimmt jedenfalls. Wenn du uns nicht gehen läßt, Tante Madeline, dann werden wir nie heiraten können. Niemals.«
Madeline musterte das Liebespaar. Konnte, durfte sie bei ihrem Nein bleiben? Marie-Louise hatte recht; Cooper würde nicht Vernunftgemäß reagieren. Aber wer war sie denn, daß sie beurteilen durfte, ob ihre Liebe aufrichtig und des dauernden Bandes einer Ehe wert war? War ihre erste Liebesaufwallung für Orry reif gewesen? Nein, bei weitem nicht.
»Nun, wahrscheinlich werde ich es bereuen. Aber ich bin nun mal unheilbar sentimental. Ich gebe euch achtundvierzig Stunden.« Prudence klatschte in die Hände. »Außerdem könnt ihr meinen eleganten Wagen als Brautkutsche benützen«, fügte sie mit schiefem Lächeln hinzu.
Es ist vollbracht. Wie sie vor Erwartung glühten, als sie fortfuhren! Ich hoffe, ihre Liebe wird Theo stärken, wenn er seinem Schwiegervater gegenübersteht. Irgendwie werde ich den unvermeidlichen Sturm schon überstehen. Ganz gleich, unter welchen Umständen, in Coopers Augen könnte ich ohnehin nicht tiefer sinken ...
Nächster Tag. Gegen Mittag haben zwei unserer Schwarzen den ersten Wagen mit Bauholz entladen. Von meinem Platz aus kann ich die Holzstöße sehen. Vielleicht können wir nächste Weihnachten in dem neuen Haus feiern.
Oh, die Welt kommt wieder in Ordnung.L.
»Ein Yankee-Soldat als Schwiegersohn kommt nicht in Frage!« brüllte Cooper seine Frau an, nachdem der junge Mann sein vorbereitetes Sprüchlein aufgesagt und nach Coopers Beschimpfung enttäuscht und erkennbar blaß das Haus wieder verlassen hatte. »Ich hetze ihm die Behörden auf den Hals. Es muß irgendeine legale Möglichkeit geben, die Sache rückgängig zu machen.«
»Eine praktische Möglichkeit nicht«, sagte Judith. »Deine Tochter hat zwei Nächte mit ihm in Savannah verbracht.«
»Madeline trifft die Schuld.«
»Niemand hat schuld. Junge Leute verlieben sich.«
»Nicht mein einziges Kind, nicht mit einem räuberischen Aasgeier.« Mit den Worten, daß er die Nacht in seinem Büro verbringen würde, stürmte er hinaus.
Gegen ein Uhr morgens wurde Judith durch ein Klopfen geweckt. Sie fand Cooper auf der Veranda vor. Zwei Bekannte hatten ihn von der Mills-House-Saloon-Bar heimgeschleppt, wo er den ganzen Abend über Bourbon getrunken hatte. Dann hatte er einem Armeemajor gegenüber einige beleidigende Bemerkungen gemacht; wahrscheinlich hätte er ihn auch noch angegriffen, wenn ihm nicht plötzlich der ganze Whisky hochgekommen wäre.
Mit einigen Entschuldigungen trugen die Gentlemen Judiths schlaffen und stinkenden Gatten nach oben. Sie folgte mit der Lampe. Sie brachte die Gentlemen hinaus, dann entkleidete sie Cooper und wusch ihn und setzte sich zu ihm, bis er gegen halb drei erwachte. Seine ersten Worte, die er nach einigem Gestöhn von sich gab, trafen sie wie ein Schlag:
»Soll sie doch in dem dreckigen Bett liegen, das sie sich mit diesem Yankee bereitet hat. Ich werde ihr die Türen dieses Hauses nicht mehr öffnen, nie mehr.«
Tränen des Zorns traten in ihre Augen. »Cooper, das geht zu weit. Du treibst deine dümmliche Parteilichkeit ins Lächerliche. Ich lasse es nicht zu, daß du mich von meinem eigenen Kind trennst. Ich werde sie sehen, wann immer ich will.«
»Nicht hier!« kreischte er. »Ich werde den Dienern Anweisung geben, denen du besser nicht trotzt. Ich habe keine Tochter mehr.«
Er schleuderte die Bettdecke beiseite und schlidderte über den polierten Boden, um sich ins Becken zu übergeben. Judith senkte kummervoll den Kopf.
54
Er saß ganz hinten auf dem Stuhl in der dritten Loge, Bühnenseite rechts. Er hatte den Sitz gewählt, um nicht von den Bühnenlichtern erfaßt zu werden. Er wollte, daß sie ihn erst dann sah, wenn es ihm paßte.
Sie lag auf dem Diwan auf der Bühne. Das Kissen, mit dem sie erstickt worden war, war zu Boden gefallen. Einmal entdeckte er ein unprofessionelles Zittern ihrer Augenlider. Ihr über die Schultern fallendes, silberblondes Haar leuchtete in dem lieblichen Glanz, an den er sich noch erinnerte. Er empfand keinerlei Zuneigung für sie. Seine linke Hand tastete nach seinem linken Oberschenkel, als könnte die Berührung irgendwie den durchtrennten Muskel wiederherstellen, der es ihm unmöglich machte, in Bühnenduellen richtig zu springen oder romantische Rollen überzeugend darzustellen.
»Dann mußt du sprechen von einem, dessen Liebe ...«
Trumps Mohren-Make-up verlief in der Hitze auf der Bühne. Es lief in deutlichen Streifen, so daß sein Gesicht einem Zebrafell ähnelte.
Obwohl er bis zum Exzeß schrie und tobte, war der Beobachter der Meinung, daß er insgesamt eine recht ordentliche Leistung bot. Für die Provinz war die Produktion sogar ziemlich gut. Das hieß, gut in jeder Beziehung bis auf die Darstellung der Desdemona. Sie hatte ganz offensichtlich einen schlechten Abend.
Der Mann in der Loge beschäftigte sich für sich selbst überraschend mit dem Gedanken, daß Trumps >Othello< vielleicht auf passable Weise eine dreiwöchige Lücke im Programm des >New Knickerbocker< füllen könnte. Mit einer neuen Hauptdarstellerin - Mrs. Parker würde nicht mehr in der Verfassung für einen Auftritt sein, nie wieder. Er schob eine Hand in seine linke Tasche und tastete nach den zu Fingerringen gebogenen Hufnägeln.
»Ich nahm bei der Kehle den beschnittenen Hund und streckte ihn nieder - so.«
Sam Trump durchbohrte sich mit dem Bühnendolch, taumelte in die eine, dann in die andere Richtung, die verkrampfte Hand erhoben, um tödlichen Schmerz auszudrücken.
Es war fast vorbei; noch vier Zeilen. Dann würde der wichtige Teil des abendlichen Dramas beginnen.
». kein anderer Weg als dieser!« schrie Sam und fiel mit ungewöhnlicher Wucht auf Willa. Er knallte auf ihre Rippen, daß ihr die Luft wegblieb und sie beinahe die Augen aufgerissen hätte. Sie wand sich unter seiner schwitzenden Masse und zischte mit geschlossenen Lippen:
»Sam, dein Knie!«
»Mir selbst das Leben nehmend, sterbend wegen eines Kusses.« Sein Kopf und sein Oberkörper hoben sich und knallten ein zweitesmal herab. Sam zögerte seine Bühnentode gern hinaus.
Es schien eine endlose Zeitspanne zu vergehen, bis der Vorhang fiel. Unabsichtlich bohrte Sam sein Knie in Willas Bauch, als er sich auf die Beine kämpfte; die schwarze Farbe tropfte von seinem Kinn. »Bist du krank, meine Liebe? Das war nicht gut heute abend.« Er sprang davon, ohne eine Antwort abzuwarten. »Auf die Plätze. Plätze einnehmen!«