Sie nahm ihren Platz in der Reihe ein und verbeugte sich; mit einem Blick überflog sie das höchstens zu einem Drittel gefüllte Haus. Sehr armselig, selbst für den Januar. Der Vorhang fiel. Sam wartete hoffnungsvoll auf einen zweiten Vorhang, doch der Applaus war bereits verebbt. Die Schauspieler verließen die Bühne, ohne groß miteinander zu reden. Alle wußten, daß es keine gute Vorstellung gewesen war. Willa schüttelte einfach nur den Kopf in Richtung Sam, gestand damit ihre Schuld ein und schloß sich dem allgemeinen Exodus an.
Sie war schon beim Betreten des Theaters schlecht gelaunt gewesen.
Wenn sie einmal krank war, was selten genug vorkam, dann war schlechte Laune die unvermeidliche Folge davon. Seit drei Tagen litt sie an Magenbeschwerden. Am Abend fror sie und verspürte einen dumpfen Schmerz in ihrer Mitte; das raubte ihrer Darstellung jegliche Energie und Überzeugung. Sam wischte sich mit seinem bestickten Ärmel über das Gesicht und jagte hinter ihr her. »Willa, Liebste, wir müssen einfach mehr Leben hineinbringen.«
»Morgen«, unterbrach sie niedergedrückt. »Ich versprech's, Sam. Ich weiß, daß ich heute abend schlecht war. Tut mir leid. Ich möchte gleich ins Hotel. Ich fühle mich immer noch schrecklich. Gute Nacht.«
Der bullige Mann mit der grobporigen Knollennase verließ die Loge und schlug den Seehundskragen seines Mantels hoch, um sein Gesicht zu verbergen. Nicht daß er einen der lauten groben Provinzler, aus denen sich das Publikum zusammensetzte, gekannt hätte - oder jemand von der Schauspielertruppe, mit Ausnahme der Person, wegen der er hergekommen war.
Ohne Eile ging er die Treppe hinunter und blieb vor der Schautafel in der Vorhalle stehen. Fotos der Künstler waren dort angeheftet. Er studierte das Foto, das Mrs. Parker zeigte. Der Name war ihm gerüchtweise in New York zu Ohren gekommen, dann hatte er ihn auf einem zerknitterten Handzettel von Trumps Theater gesehen, den ihm auf seine Bitte hin ein Bekannter mitgebracht hatte. Er hatte die lange Eisenbahnfahrt auf sich genommen, um Nachforschungen anzustellen. Seine Bemühungen waren belohnt worden.
Er verließ die erleuchtete Vorhalle, bog um die Ecke und überquerte die Straße. Der durchtrennte Muskel ließ ihn auf Dauer hinken, was sich auch jetzt an seinem ungeschickten, schwankenden Gang zeigte.
Im Schlagschatten gegenüber vom Bühneneingang wartete er. Nebel stieg vom Fluß auf und machte das Licht der Straßenlaternen diffus. Ein Nebelhorn dröhnte. Ihm wurde kalt, und er zog ein Paar gelbgefärbte Handschuhe an. Dann holte er einen flachen Silberflakon aus seiner Innentasche und genehmigte sich einen Schluck Brandy. Die Flasche blitzte im Schein einer Straßenlaterne auf. Das Licht enthüllte große, in das Metall eingravierte Initialen: C.W. Claudius Wood.
Willa band ihr Cape zusammen, als sie aus der Tür auf die Olive Street hinauseilte. Sie fühlte sich schmutzig und elend; baden und dann schlafen, mehr wollte sie nicht. Sie schob ihre Hände in den Pelzmuff und bog mit klappernden Absätzen nach rechts. Für gewöhnlich wartete sie auf einen der Schauspieler, der sie begleitete. Heute abend war sie zu ungeduldig. Es war eine wirklich miserable Vorstellung und eine miserable Weihnachtszeit gewesen. Natürlich hatte sie mitgesungen und Geschenke gemacht und sich am Fest des Ensembles auf der Bühne beteiligt. Doch wann immer sie lächelte oder vergnügt plauderte, schauspielerte sie; jede Minute spielte sie eine Rolle.
Präsident Johnsons Weihnachtsgabe für die Nation war eine bedingungslose Amnestie für alle Konföderierten gewesen, die bis jetzt noch nicht begnadigt worden waren. Es war ein ganz besonderes Ereignis und kam vielleicht gleich nach der Kapitulation, doch für sie hatte es wenig Bedeutung. Ihr stand niemand mehr nahe, der von der Amnestie betroffen worden wäre. Es erinnerte sie lediglich an Charles, und ein Gefühl bitterer Trauer stieg in ihr auf.
An der ersten Ecke stoppte sie, spürte irgendwie die - die Gegenwart einer Person ganz in ihrer Nähe. Sie drehte sich um und musterte die Schatten auf der anderen Straßenseite. Nichts.
Sie vernahm männliche und weibliche Stimmen, als die Truppe das Theater einen Block hinter ihr verließ. Wenn sie trödelte, holte Sam sie vielleicht ein und hielt ihr wieder einen Vortrag. Also eilte sie weiter; es ging ihr so elend, daß sie kein anderes menschliches Wesen sehen oder sprechen wollte.
Wood verfolgte sie lautlos in sicherem Abstand. Als sie den Hotelblock erreichte, hielt Willa an und blickte erneut über ihre Schulter zurück. Wood blieb regungslos neben dem schwarzen Rechteck eines Bäckereifensters stehen.
Kaum ging sie weiter, da setzte er sich auch wieder in Bewegung. Bei jedem Schritt hinkte er seitlich, ein Krüppel, dem die Beweglichkeit und Ausstrahlung fehlten, die ein Hauptdarsteller benötigte. Nun, die Schuldige würde bald gefaßt sein und die gerechte Strafe erleiden. Durch das dünne Handschuhleder hindurch drückten sich in seiner Tasche die gefeilten Köpfe der zu Ringen gebogenen Hufnägel tief in seine Fingerspitzen.
Wärme, Licht, der vertraute Geruch von staubigem Plüsch und Spucknäpfen. Willa war so müde, daß sie fast taumelte. Sie ging durch die Halle auf die Marmortreppe zu. Ein schläfriger Nachtportier mit einer öligen Haarlocke wie ein Fragezeichen erhob sich und hielt einen Finger hoch. »Mrs. Parker, ein Gentleman .« Ihr Rock verschwand am ersten Treppenabsatz. Ihre Schuhe knallten scharf auf dem Marmor. ». wartet auf Sie«, beendete er den Satz.
Selbstbewußt durchquerte Wood die Halle; in der Hand hielt er den Schlüssel seines eigenen Zimmers in einem anderen Hotel, so daß der am Marmorschalter lehnende Portier ihn sehen konnte. Der Portier studierte ihn, versuchte sich an ihn zu erinnern, konnte es nicht. Ein Gast, der sich eingetragen hatte, bevor er seinen Dienst angetreten hatte? So mußte es sein. Einen so stark hinkenden Mann hätte er nicht vergessen.
Der Portier drehte das Gästebuch, damit er die Seite mit den verschnörkelten Unterschriften studieren konnte. Inzwischen hatte Wood bereits die Treppe erreicht. Kaum hatte er den ersten Absatz hinter sich und konnte von der Halle aus nicht mehr gesehen werden, da begann er zwei Stufen auf einmal zu nehmen, wobei er sich am Geländer hochzog. Sein Hinken behinderte ihn nicht; es war der Motor, der ihn durch das Halbdunkel nach oben trieb.
Sie bog nach links in den von Gaslicht erhellten Korridor ein, suchte nach ihrem Schlüssel. Sie erreichte die Tür, steckte den Schlüssel ins Schloß und stellte verblüfft fest, daß er sich nicht drehen ließ. Sie berührte die Tür, riß ihre blauen Augen auf. Unversperrt?
Er streifte die Hufnagelringe über Zeige-, Mittel- und Ringfinger seiner behandschuhten Hand und richtete sie so hin, daß die zugefeilten Köpfe der Nägel nach außen ragten. Er dachte daran, daß er fetzen und reißen, nicht schlagen mußte, denn die Köpfe konnten sich genauso leicht durch das Handschuhleder bohren, wie sie ihr Gesicht zerfetzen würden.
Er erreichte den Treppenabsatz, sah sie an der Tür stehen. Schnell ging er auf sie zu und sagte: »Willa.«
Willa drehte sich um und sah den Mann auf sich zugehinkt kommen. Sie erkannte ihn sofort, obwohl er anders aussah -schwergewichtiger; und seine grobporige Nase war stärker gerötet. Er schwankte von einer Seite zur anderen wie eine Kinderpuppe, deren eines Bein beschädigt worden war.
Dann überfiel es sie schlagartig. Das >New Knickerbocker<. Der >Macbeth<-Dolch. Sie hatte nicht genügend Distanz zwischen sich und ihn gelegt, und sie hatte ihm ein starkes Motiv geliefert, hinter ihr herzujagen: dieses Hinken, das für einen Hauptdarsteller tödlich war. Was sie am meisten entsetzte, als er auf sie zugestürmt kam, waren seine Augen. Sie waren gnadenlos.
»Nun«, sagte Wood und hielt vor ihr an. »Meine liebe Mrs. Parker. Meine liebe Desdemona.«
»Waren Sie im Publikum?«