Er nickte, leckte sich über die Lippen. »Sie waren miserabel, das wissen Sie ja. Ich fürchte, es war Ihre letzte Hauptrolle. Wenn ich mit Ihnen fertig bin, können Sie nur noch alte Vetteln spielen.«
Sie roch seinen Brandy-Atem. Ihr erster Impuls war Flucht, doch Woods Masse und Größe schüchterten sie ein. Bewegte sie sich, so würde er sich sofort auf sie stürzen. Sie suchte den Korridor mit ihren Blicken ab.
»Nur zu«, sagte Wood amüsiert. Er hob den gelben Handschuh, über dem er, wie es aussah, einen Ring aus gebogenen Nägeln trug, die bläulichen Köpfe nach außen. »Renn doch, schrei. Bevor irgendein Gast aufwacht und uns erreicht, hängt dir das Gesicht in Fetzen herunter. Und genau so soll es auch bleiben.« Seine Hand griff nach ihrer Kehle. »Die hübsche Mrs. Parker. Jetzt ist sie gleich nicht mehr so hübsch.«
Willa warf sich gegen die Tür. Sie ging auf, und Willa stürzte rücklings in das dunkle Zimmer, das nach verstaubten Möbeln roch.
Wood schwang seine geballte rechte Hand mit den scharfen Nagelköpfen gegen ihr Gesicht. Irgendein Eindringling, ein Fremder, der sich in dem Alkoven mit dem dunklen Fenster verborgen hatte, stürzte über ihr vorbei. Sie sah ein blitzendes Auge, sah einen vielfarbigen wirbelnden Umhang. Konnte es sein? Als sie den schalen Geruch von kaltem Zigarrenrauch wahrnahm, wußte sie, daß es so war.
»Ich hörte Ihr überhebliches Gerede draußen«, sagte er. »Was wollen Sie von der jungen Dame?«
»Ein Gentleman wartet auf Sie«, hatte der Portier ihr zu sagen versucht. Ein Gentleman wartet. Er mußte den Portier überredet oder bestochen haben, damit er ihn mit dem Hauptschlüssel hineinließ. »Wir sind alte Freunde. Sie hat nichts dagegen.«
»Halten Sie sich raus«, tobte Wood, obwohl der Mann mit dem langen Bart in dem Flickenumhang ihn durch den Korridor bis an die Wand zurückgetrieben hatte.
»Charles«, rief sie aus dem Zimmer, »das ist Claudius Wood.«
Überrascht wandte er den Kopf. »Der Mann aus New York?«
Woods feuchte Augen traten hervor. In einem kurzen Moment hatte sich die Situation schlagartig verändert. Er wollte nur noch fliehen. Sich auf die Beine kämpfend, sagte Willa: »Ja. Er muß mich irgendwie gefunden haben und - paß auf!«
Wood schlug mit seiner rechten Faust nach dem Gesicht des Fremden. Obwohl der bärtige Mann erschöpft wirkte, war er behende und stark. Er wich dem Schlag seitlich aus, packte Woods ausgestreckten Arm und knallte dessen Faust mit voller Wucht gegen den Türrahmen. Die geschärften Nagelköpfe zerschnitten das gelbe Leder, schnitten in die Finger wie ein Messer in eine Wurst. Blut spritzte. Charles zog Wood an seinem Mantel heran und verpaßte ihm dann einen einzigen Schlag. Wood rutschte an der Wand herunter und blieb total erledigt auf dem Boden sitzen.
Der Nachtportier holte zwei Streifenpolizisten. Die Polizisten brüllten die sich im Flur drängelnden Gäste an, brachten sie zum Schweigen, ignorierten ihre Fragen. Der jüngere Polizist legte Wood Handschellen an; den anderen führte Willa ins Wohnzimmer.
Der bärtige Mann gab seinen Namen mit Charles Main an. Noch keine hiesige Adresse. Er war erst heute abend von Westen her in die Stadt geritten.
»Und Sie sind Mrs. Parker. Meine Frau und ich, wir haben Ihre Darstellung der Desdemona sehr genossen. Es ist ein schönes Gefühl, daß die Kultur auch nach St. Louis gekommen ist«, sagte der ältere Polizist, ganz verwirrt durch die Gegenwart einer Berühmtheit. Willas Aussage über Woods Angriff und Motiv mit Charles als Zeugen genügte den Polizisten, um sich von Woods Schuld zu überzeugen. Im Flur murmelte Wood abwechselnd Obszönitäten und tobte dann wieder wie ein Kind, was die Polizisten noch als weiteren Beweis dafür werteten, daß die junge Frau und ihr bärtiger Freund die Wahrheit gesagt hatten.
»Sie werden eine eidesstattliche Aussage unterschreiben müssen, Mrs. Parker«, sagte der Polizist. »Sie ebenfalls, Sir. Aber ich bezweifle, daß Sie heute abend noch ausgehen werden, oder?«
»Und morgen nicht weiter als bis zum Theater«, sagte sie.
»Kommen Sie zum Revier, sobald es Ihnen paßt. Wir stellen den Angreifer unter Anklage und sperren ihn bis dahin ein.«
Und so löste sich die Bedrohung durch Wood in nichts auf. Die Polizisten führten ihn ab; sein eleganter Mantel war mit seinem eigenen Blut verschmiert. Charles und Willa blieben in dem verstaubten Wohnzimmer zurück. Willa war so fassungslos und so glücklich, ihn zu sehen, daß sie am liebsten geweint hätte.
»Oh, Charles«, war alles, was sie sagen konnte, ehe sie sich in seine Arme stürzte.
Sie hatte noch ein bißchen Weihnachtswhisky übrig und schenkte ihm ein Glas ein, um ihn aufzuwärmen. Sie selbst nahm auch einen Schluck; er besänftigte den Schmerz in ihrem Magen ein bißchen. Sie rollte sich auf der kleinen Couch zusammen und versuchte, ihn zum Reden zu bringen; in seinem Gesicht lag ein fremder, gehetzter Zug. »Wo bist du gewesen? Was hast du gemacht?«
»Ich habe etwas gemacht, das bewies, daß du recht hattest und ich unrecht.«
»Ich verstehe nicht. Ist dein Sohn ...?«
»Mit Gus ist alles in Ordnung. Ich muß sagen, er kennt mich kaum. Ich war drei Tage bei ihm in Leavenworth, dann bin ich hergekommen, um dich zu suchen.« Er nahm ihre Hand. »Ich war im Indianerterritorium, als Scout für Custer. Ich muß dir davon erzählen.«
Eine Stunde lang hörte sie ihm zu. Es begann zu regnen, ein peitschender Wolkenbruch, der den Nebel vertrieb. Ein seltsamer, kalter Hauch umgab Charles, dachte sie; ein Hauch der fernen Prärie und des tiefen Winters, verstärkt durch den schwachen Duft, den selbst seine stinkende Zigarre nicht überdecken konnte. Er hatte ein Bad dringend nötig, und ganz sicher mußte sein Bart geschnitten werden.
Der Whisky wärmte sie beide. Er unterbrach seine Geschichte an der Stelle, wo Custer und seine Männer die Indianer oben auf den Klippen entdeckten, nachdem sie das Dorf eingenommen hatten. Er sagte, daß er gern mit ihr schlafen würde.
Errötend sagte sie zu, doch er bemerkte ihr leichtes Zögern und runzelte die Stirn. Sie erzählte ihm, daß sie während der letzten Tage krank gewesen war und sich immer noch nicht erholt hatte. Dann müsse die Liebe eben warten, sagte er, doch seine Stimme war kalt. Sie führte ihn ins Schlafzimmer. Er zog sich aus, während sie ihr Flanellnachthemd überstreifte. Sie kletterten unter die Decke, und er legte den Arm um sie und redete weiter.
»Es war falsch von mir, hinter den Cheyenne herzujagen, einen Tod durch einen anderen auszugleichen. Schau, was es mir eingebracht hat.« Er hielt das matte Metallkreuz hoch, das an einem Lederriemen um seinen Hals hing. »Meine Rache bestand darin, einen Jungen von vierzehn oder fünfzehn Jahren zu töten. Ist das nicht eine großartige Leistung?«
Mit der Hand strich sie über seine gefurchte Stirn. »Du bist also aus der Armee ausgeschieden.«
»Für immer.«
»Und wohin willst du?«
»Ich sagte es dir schon, zu meinem Sohn. Und zu dir.«
»Und was nun?«
»Willa, ich weiß es nicht. Als ich das letzte Mal den Washita durchquerte, sagte ich mir, daß es für mich keinen Platz mehr gibt.«
»Ich werde einen finden.« Sie drückte sich an ihn, strich mit der Hand durch das Gestrüpp seines Bartes. »Ich werde einen Platz für uns beide finden, wenn du mich nur läßt. Willst du?«
»Ich liebe dich, Willa. Ich will bei dir und meinem Jungen sein. Das ist alles, was ich will. Ich bin mir nur nicht sicher ...« Sein trostloser Blick zeigte den schrecklichen Zweifel. »Ich glaube nur, daß nicht einmal du einen Platz finden kannst. Ich weiß nicht, ob es irgendeinen Platz auf dieser Welt gibt, wo ich hingehöre.«
55
Zwei Tage später bereitete Maureen in der kleinen Küche des Brigadequartiers Biskuitteig. Während der Nacht hatte der Wind gedreht, die Wolken vom Himmel gefegt und ihnen warme, südliche Luft beschert. In dem kleinen Garten unter dem Fenster spiegelte sich die Sonne in Tümpeln geschmolzenen Schnees. Maureen hatte die Tür geöffnet, um von der frischen Brise die schalen Gerüche des Winters hinausblasen zu lassen.