Das Tauwetter im Januar ließ ihre Stimmung für gewöhnlich steigen. Heute morgen fühlte sie sich immer noch elend. Sie fühlte sich so, seit Mr. Charles vor einer Woche praktisch aus dem Nichts aufgetaucht war und verkündet hatte, daß mit dem Armeeleben Schluß war. Er hatte erklärt, daß er diese Schauspielerin in St. Louis heiraten wollte, falls sie ihn nahm, und sich dann fest niederlassen werde, um den kleinen Gus aufzuziehen. Maureen hörte den Jungen mit den Klötzchen spielen, die ihm Duncan zurechtgesägt hatte.
Maureen konnte Charles nicht verbieten, daß er seinen Sohn zu sich nahm, auch wenn sie alles an dem Mann mißbilligte, angefangen von seiner ordinären Kleidung bis zu seinen Zigarren, seinem Jähzorn, seiner unberechenbaren Art und Weise. Eine Minute hier, in der nächsten Minute schon wieder weg. Drei Nächte war er geblieben, dann war er zu dieser Schauspielerin geritten.
Nein, sie konnte sich Charles nicht in den Weg stellen; er war der Vater des Kindes. Andererseits hatte Maureen stets gehofft, ja sogar fest damit gerechnet, daß die Erziehung des kleinen Gus ihr zufallen würde, da Charles dafür zu wild und rastlos war. Jetzt war er zurückgekommen und wollte das Gegenteil beweisen.
Hatte er erst den Jungen zu sich genommen, dann würde ihr Traum, der Brigadier könnte ihre Beziehung durch einen Heiratsantrag legalisieren, nie Wirklichkeit werden. Fast schon hatte sie sich zu dem Entschluß durchgerungen, Jack Ford zu heiraten, einen weißhaarigen Quartiermeister-Sergeant. Ford, ein irischer Witwer, liebte das Leben bei der Kavallerie, behauptete aber, sie fast ebenso zu lieben. Sie liebte ihn nicht, doch wenn sie ihn heiratete, würde in ihr Leben zumindest eine gewisse Sicherheit kommen.
Sie erwartete den Brigadier, der sich wieder auf einer seiner Zahltouren durch die Forts von Kansas befand, gegen Anbruch der Nacht zurück. Sie freute sich darauf. Sie liebte ihn, obwohl er nie ein diesbezügliches Wort sagte; wahrscheinlich kam ihm das in Verbindung mit ihr gar nicht in den Sinn. Sie schnitt die Biskuits fertig und legte sie in Reihen auf das Eisenblech, um sie dann nach Sonnenuntergang in den Ofen zu schieben; die Wärme des Ofens würde die Kälte aus den schäbigen Zimmern vertreiben.
Sie glaubte, ganz in der Nähe einen Wagen zu hören. Sie sah zum Fenster hinaus, konnte aber nichts entdecken. Auf dem Fenstersims lag ein unhandlicher Allen-Revolver mit sechs Läufen, den Duncan ihr kurz nach ihrer Ankunft in Kansas gekauft hatte. Der Allen stammte aus den vierziger Jahren, genügte aber für seinen Zweck. Bei einem Indianerangriff und drohender Vergewaltigung erwartete man von einer Frau, daß sie sich selbst eine Kugel gab. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Cheyenne oder die Sioux einen so zivilisierten Posten wie Lea-venworth überfallen würden, war geradezu lächerlich gering, doch der Brauch hielt sich hartnäckig; die meisten Armeefrauen hatten irgendwo eine geladene Waffe liegen.
Sie hörte ein Geräusch hinter sich. Gus war da. Sein Anblick, der ihr bald verwehrt bleiben würde, machte sie nur noch trauriger.
Charles' Sohn war jetzt vier. Bis auf die warmen, braunen Augen besaß der kräftige Junge keinerlei Ähnlichkeit mit seinem Vater. Es waren eindeutig die Augen von Charles Main, doch sein Gesicht war eckiger. Das mußte Gus von seiner Mutter, der Nichte des Brigadiers, mitbekommen haben, zusammen mit dem dunkelblonden Haar, das eine Haube dichter Locken bildete.
Gus war ein fröhliches Kind; allerdings hatte er Angst vor seinem Vater, was Maureens Abneigung gegen Charles' Rückkehr noch vergrößerte. Er besaß eine schnelle Auffassung. Maureen las ihm jeden Abend vor. Die meisten Buchstaben kannte er bereits.
»Reeny!« Das war sein Name für sie, abgeleitet von seinen ersten Versuchen, Maureen zu sagen. »Ich will raus und spielen.«
»Bist du auch warm genug angezogen?« Er nickte. »Also gut. Aber bleib im Garten, wo ich dich sehen kann. Paß auf die Indianer auf.«
»Gibt keine Indianer, bis auf die alten, fetten Indianer, die rumsitzen.«
»Man kann nie wissen, Gus. Halt vorsichtshalber die Augen offen.«
Er seufzte nachsichtig und holte hinter der Tür sein Besenstielpferd hervor, das Duncan ihm vor einem Jahr zu Weihnachten gebastelt hatte. Das Pferd war goldfarben mit weißer Mähne. Die aufgemalten Augen des geschnitzten Kopfes hatte Duncan erstaunlich realistisch hinbekommen.
Gus packte das Seil, das als Zügel diente, und galoppierte bald schon neben dem kleinen Garten auf und ab, wobei er dem Besen mit einer imaginären Peitsche eins überzog und dann mit der gleichen Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger wild um sich schoß. Maureen beobachtete den im Sonnenschein herumtobenden Jungen, und ihr wurde noch trauriger zumute. Er hatte sie so glücklich gemacht.
Sie ging in ihr Zimmer, um sich für fünf Minuten niederzulegen. Vielleicht fühlte sie sich so, weil bei ihr die Wechseljahre einsetzten; sie war keine junge Frau mehr. In ihrem Haar schimmerte es grau. Sie war sehr müde. Aus den fünf Minuten wurden fünfzehn.
Gus hatte ungefähr drei Dutzend wilde Indianer niedergemetzelt, als der Wagen knirschend hinter dem letzten Gebäude in einer Reihe identischer Häuser auftauchte. Der Hausierer wickelte die Zügel um den Bremshebel, schaute sich um, als suchte er Kundschaft, und kletterte dann vom Kutschbock.
Little Gus stand da und beobachtete ihn. Das plötzliche Auftauchen des Wagens hatte ihn ein bißchen erschreckt. Obwohl die Seite des Wagens nicht beschriftet war, wußte er, daß er einem Hausierer gehörte, da einige Blechtöpfe und Kessel am Fahrersitz baumelten. Jetzt war er mehr neugierig als verängstigt, denn der grinsende Hausierer mit dem Zylinderhut hatte einen eleganten Stock mit einem großen, im Sonnenschein glänzenden Goldknauf bei sich. Außerdem glitzerte noch etwas am linken Ohr des Hausierers. Es erinnerte Gus an ähnliche Verzierungen, die er an den Ohren der Offiziersfrauen gesehen hatte. Bei einem Mann hatte er so was noch nie gesehen.
Auf seinen Stock gestützt, kam der Hausierer auf den Jungen zu. Im Vorbeigehen schaute er bei jedem Haus ins rückwärtige
Fenster, als wäre er weiterhin auf der Suche nach Damen, denen er seine Blechtöpfe verkaufen könnte. Die linke Schulter des Mannes hing etwas tiefer als seine rechte.
»Guten Morgen, mein Junge. Ich bin Mr. Dayton, Lieferant von Haushaltswaren. Wie heißt du?«
»Gus Main.«
»Ist deine Mutter im Haus?«
»Hab' keine Mutter. Reeny paßt auf mich auf.« Er rannte die Stufen hoch und spähte durch die Tür. Er konnte Maureen weder sehen noch hören. »Weiß nicht, wo sie ist. Sie hat Biskuits gemacht.«
Er blieb auf der untersten Stufe stehen. Ein schaler, übler Geruch umgab den Hausierer, und etwas in seinen Augen verstörte Gus; er wußte selbst nicht, warum. Der Hausierer starrte ihn weiter an und rieb dabei den Goldknauf seines Stockes. Gus schluckte, krampfhaft überlegend, was er sagen konnte.
Plötzlich deutete er auf den Kopf des Hausierers: »Was ist das?«
Der Hausierer strich über den Ohrring. »Oh, bloß ein kleines Geschenk von jemandem, der mir was schuldete. Möchtest du mein Maultier streicheln? Ist ein braves altes Muli. Er mag's, wenn man ihm die Ohren krault.«
Gus schüttelte den Kopf; mit diesem aufdringlichen Mann wollte er nichts zu tun haben. »Ich glaube nicht.«
»Oh, komm schon, streichle ihn, er ist ganz scharf darauf.« Ohne Vorwarnung packte der Hausierer seine Hand, so fest, daß Gus sofort wußte, daß irgendwas nicht stimmte.
»Gus, wer ist da draußen bei dir?« Es war Maureen. Die Stimme des Hausierers hatte sie aus ihrem Zimmer getrieben. Sie machte die Tür auf; der Anblick, der sich ihr bot, erschreckte sie, ohne daß sie wußte, warum. Vielleicht lag es an den Augen des Fremden. Glänzend wie die des tollwütigen Hundes, den sie einmal gesehen hatte. In seinem schmierigen, alten Frack sah er alles andere als respektabel aus. Er umklammerte Gus' Handgelenk so fest, daß die Finger ganz weiß wurden.