»Wer immer Sie sind, Sie lassen jetzt besser den Jungen los«, sagte sie und kam die Stufen herunter. Mit einem gewaltigen Grunzer hob der Mann seinen Stock und schlug ihn ihr über den Kopf.
Lautlos kippte Maureen in die Küche zurück. Der Hausierer riß Gus hoch, klemmte ihn sich unter den Arm und hielt ihm mit der linken Hand den Mund zu. Der Junge war stark und trat um sich und versuchte zu schreien. Der Hausierer hatte kaum die Zeit, mit seinem Stock etwas in den Boden zu kratzen.
Durch schlammige Gartenbeete hinkte der Hausierer zurück zu seinem Wagen. Ganz plötzlich war er nicht mehr so zuversichtlich, daß sein Plan funktionieren würde, der auf zwei Grundpfeilern basierte: Überraschung und Terror.
Nachdem er über das Hauptquartier erst Charles und dann dessen Kind aufgespürt hatte - verblüfft hatte er festgestellt, daß sich der Junge im gleichen Militärposten befand, wo er mit seinen Nachforschungen begonnen hatte -, war er darangegangen, einige sorgfältige Beobachtungen anzustellen. Während der letzten beiden Tage hatte er alle Bewegungen in und um die Offiziersquartiere herum verfolgt.
Das war nicht schwer gewesen. Zivilisten konnten sich in Fort Leavenworth relativ frei bewegen. Es war ihm leichtgefallen, den Wachposten bei seiner ersten Ankunft hier davon zu überzeugen, daß er ein Hausierer war. Er sah aus wie ein Hausierer, was er auch beabsichtigt hatte, als er mit dem Geld des toten Farmerpaares aus Iowa den Wagen kaufte und ausrüstete.
Lange Zeit hatte er gegeneinander abgewogen, ob die Nacht günstiger war als der Tag. Nachts befanden sich zu viele Offiziere in ihren Quartieren, während er es am Morgen lediglich mit Frauen zu tun hatte. Natürlich kam bei Tageslicht das zusätzliche Risiko einer Entdeckung hinzu, doch Überraschung und Schock verlangsamten häufig die Reaktionen der Leute. Und so hatte er tollkühn das Tageslicht gewählt, ein Handstreich, würdig des amerikanischen Bonaparte.
Jetzt fühlte er sich nicht mehr so sicher. Der Junge versuchte ihn in die Hand zu beißen. Der Hausierer preßte fester, bis die unterdrückten Laute des Jungen Schmerz erkennen ließen. »Ich breche dir das Genick, wenn du nicht ruhig bist«, flüsterte der Hausierer.
Im vorletzten Haus der Reihe schaute das runde, gerötete Gesicht einer alten Frau zum Küchenfenster hinaus. Erstaunen zeichnete sich darin ab. Die Frau rannte zur Tür. »Was machen Sie da mit dem Jungen des Brigadiers?«
Mittlerweile kletterte der Hausierer auf seinen Wagen. Er schleuderte den Jungen nach hinten und wickelte ihm einen langen Fetzen um Kopf und Mund, gerade ausreichend, um ihn stillzuhalten, bis sie den Posten verlassen hatten.
Besonders schwierig war es, das Maultier in einem normalen, gleichmäßigen Schritt laufen zu lassen. Hinter sich hörte er die Frau etwas rufen; er verließ sich darauf, daß sie zuerst zu Dun-cans Haus laufen würde, um Maureen zu alarmieren.
Ein Trupp junger Kavalleristen trottete in entgegengesetzter Richtung vorbei; ihr Drill-Sergeant beschimpfte sie wegen ihrer Schlampigkeit. Der Hausierer hörte seinen Gefangenen hinter dem Kutschbock treten und stöhnen. Er packte seinen Stock, drehte sich um und schlug dem Jungen zweimal den Goldknauf gegen den Kopf. Beim zweitenmal sackte der Junge schlaff zusammen.
Der Hausierer vergewisserte sich, daß der Junge noch atmete, dann wischte er einen Blutfleck von dem Knauf und trieb das Maultier auf das Wachhäuschen am Tor zu.
Dreißig Sekunden später war er durch. Kurz darauf überholte der Wagen drei Ochsenkarren, die Holz nach Leavenworth City transportierten. Der Wagen des Hausierers zog flott an ihnen vorbei und verschwand vor ihnen.
Charles beobachtete die tickende Uhr. Halb elf. Willa hatte versprochen, um elf Uhr fünfzehn vom Theater zurück zu sein, also blieb ihm noch Zeit, etwas im >St. Louis Democrat< zu lesen.
In der Zeitung war ein erstaunlicher Brief abgedruckt, geschrieben von einem Captain Fred Benteen von der H-Kompa-nie. In dem Brief wurde Custer praktisch beschuldigt, Major Elliott und seine Abteilung an jenem Tag Ende November gleichgültig seinem Schicksal überlassen zu haben. Nachdem ein Suchtrupp auf feindliches Feuer gestoßen war, hatte Custer kein weiteres Ersatzkommando mehr losgeschickt, sondern sich nur noch darum gekümmert, sich vor den Indianern oben auf den Klippen in Sicherheit zu bringen. So, wie Charles ihn gehört hatte, war Custers Plan auch ausgeführt worden. Ein Marsch flußabwärts mit spielender Kapelle hatte die Indianer davon überzeugt, daß die noch verbleibenden Dörfer angegriffen werden sollten. Die Indianer verteilten sich, um ihre jeweiligen Dörfer zu verteidigen. Custer machte auf dem Absatz kehrt und entkam sicher im Schutze der Dunkelheit. Elliotts Leiche und die Leichen der sechzehn gefallenen Soldaten blieben zurück.
Über die Zahl der toten Indianer am Washita herrschte völlige Unklarheit. Custer behauptete, es handle sich um hundertvierzig, lauter männliche Erwachsene, die auf dem Schlachtfeld gezählt worden waren. Charles hatte nichts von einer derartigen Zählung bemerkt, solange er dort gewesen war. Spätere Berichte, die auf Angaben der >Scouts< zurückgingen, schraubten die Gesamtsumme auf zwanzig bis vierzig Männer zurück, Schwarzer Kessel eingeschlossen, sowie eine ebenso große Anzahl von Frauen und Kindern. Charles glaubte mehr den niedrigeren Zahlen; General Sully hatte erst kürzlich zugegeben, daß Präriekommandeure für gewöhnlich die Anzahl der getöteten Wilden aufbliesen, um ihre militärischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und den Blutdurst der breiten Öffentlichkeit zu befriedigen.
Anfang Dezember waren General Sheridan und Custer an den Washita zurückgekehrt, wo sie die Leichen von Elliott und seinen Männern entdeckt hatten. Elliott lag mit dem Gesicht nach unten, zwei Kugeln im Kopf. Die anderen, alle entkleidet, waren verstümmelt worden; einigen hatte man die Kehle durchgeschnitten, anderen den Kopf abgeschlagen.
Und hier spottete Benteen mit bitteren Worten über Custers Flucht; Custer, dem die Osage-Scouts den neuen Namen Kriechender Panther gegeben hatten; Custer, den die Friedenstauben als einen >weiteren Chivington< geißelten - und das nicht ohne Berechtigung, dachte Charles. Er betastete das Messingkreuz, das er trug, um nicht zu vergessen, wozu ein Mann fähig war, der ohne Mitleid, Menschlichkeit und Vernunft lebte.
Er konnte allerdings nicht glauben, daß Benteen den Brief für die Öffentlichkeit geschrieben hatte. Fred Benteen haßte Custer, aber er war ein erfahrener Offizier, der die Regeln kannte. Charles war überzeugt davon, daß die Zeitung auf irgendeine ungewöhnliche Weise in den Besitz des Briefes gekommen war. Die Befriedigung, die er dabei empfand, Benteens Anschuldigungen gedruckt zu sehen, beunruhigte ihn.
Er hörte Schritte im Hotelflur und neigte den Kopf. Zehn Uhr vierzig. Zu früh für Willa.
Sie stürzte ins Zimmer, das Gesicht noch voller Make-up. Er warf die Zeitung beiseite. »Was ist passiert, Willa?«
»Das kam ins Theater, für dich. Jemand schob es Sam auf der Bühne zu, und er stoppte die Vorstellung. Ließ den Vorhang runter.«
»Warum?« Es verwunderte Charles, daß eine telegraphische Nachricht einen derartigen Wirbel verursachen konnte.
»Lies es«, flüsterte Willa. »Lies es einfach nur.«
DEIN JUNGE GESTERN MIT GEWALT ENTFÜHRT.
ENTFÜHRER VON MAUREEN GESEHEN,
KONNTE IHN NICHT AUFHALTEN.
ER KRATZTE EIN WORT IN DEN BODEN, B-E-N-T.
IST DAS NICHT DER MANN, DEN DU ERWÄHNT HAST?
BEHÖRDEN IN LEAVENWORTH CITY HABEN IHN NICHT ERWISCHT.
KOMME SOFORT.
DUNCAN
Charles mußte es dreimal lesen, um es glauben zu können. Willa wirkte tief betroffen; sie beobachtete, wie die Skepsis von seinem Gesicht abbröckelte und einem erschreckenden Ausdruck Platz machte.