Vom Washita aus auf dem Weg nach Norden hatte Charles gedacht, daß er nun am Anfang einer langen, mühsamen Kletterei zurück aus dem Schlund der Hölle stand. Jetzt wußte er, daß er seine Klettertour falsch eingeschätzt hatte. Der Washita war nicht die Hölle gewesen, sondern lediglich die Pforte zur Hölle; Sharpsburg war nicht die Pforte zur Hölle gewesen, ebensowenig wie Northern Virginia, sondern nur die Zufahrtsstraße zur Hölle.
In seinem Kopf wirbelte alles durcheinander. Gedanken an Bents Haß, Gus Barclays Tod, an sein Versagen als Vater.
Wäre ich nur bei ihm gewesen.
Er starrte auf die Nachricht in seiner Hand. Er wußte, wie die Hölle aussah. Er war da.
Sechstes Buch
Der Weg in die ewigen Jagdgründe
Du und ich, wir gehen heute beide heim auf einem Weg, den wir nicht kennen.
Crow-Scout zu General Custer kurz vor Little Big Horn 1876
56
Charles zog Satans Sattelgurt an. Der Schecke stampfte und warf den Kopf hoch. Er war ausgeruht und voller Tatendrang.
»Leb wohl, Willa.«
Zitternd in einen Schal gehüllt - das Januartauwetter war vorüber -, war sie mit ihm durch die nächtlichen Straßen zum Stall gegangen. Eine Hure und deren Kunde, fast so betrunken, daß er nicht mehr stehen konnte, waren die einzigen menschlichen Wesen, die sie gesehen hatten. Eine Laterne brannte neben der Stalltür. Vom Fluß her stieg schwerer, kalter Bodennebel auf.
»Wie lange wirst du weg sein?« fragte sie.
»Bis ich meinen Jungen gefunden habe.«
»Du sagtest, sie hätten bereits die Spur von dem Entführer verloren. Es kann sehr lange dauern.«
»Das ist mir egal. Ich finde ihn, und wenn es fünf Jahre dauert. Oder zehn.«
Sie wäre beinahe in Tränen ausgebrochen, als sie sah, wie sehr er litt. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küßte ihn, so fest sie konnte; sie umklammerte seine Arme durch den Zigeunermantel hindurch, als könnte sie ihm so Kraft schenken. Er konnte sie gebrauchen. Unausgesprochen hing die Möglichkeit in der Luft, daß Bent mit dem Jungen bereits das getan hatte, was er mit George Hazards Frau gemacht hatte.
»Komm zu mir zurück, Charles. Ich werde einen Platz für uns finden.«
Er antwortete nicht, sondern schwang sich in den Sattel und schaute sie einen Moment lang auf eine seltsame, traurige Art und Weise an. Mit seiner linken Hand berührte er ihre Wange. Dann drückte er Satan die Absätze in die Flanken, und Mann und Pferd schossen aus dem Stall in Nebel und Dunkelheit hinein und waren verschwunden. Mit leerem Blick starrte sie ihnen nach.
Sie blies die Laterne aus, schloß das Tor und ging die acht Blocks zu ihrem Hotel zurück, ohne auf mögliche Gefahren zu achten. Ein Gedanke kreiste in ihrem Kopf, wie eine dieser Dialogzeilen, über die ein Schauspieler endlos nachdachte, weil sie so schwierig zu sprechen oder zu interpretieren waren.
Warum hatte er nicht gesagt, daß er zurückkommen würde?
Schuldgefühle und ein Nervenzusammenbruch hatten Maureen ins Bett gezwungen. Eine Opiumtinktur hielt sie in einem benebelten Zustand. Charles konnte sie durch die offene Tür sehen, während er Rühreier mit einem Biskuit in sich hineinschaufelte. Duncan, der Uniformhosen mit Hosenträgern über einem langen Unterhemd trug, hatte die Rühreier zu lange auf dem Herd gelassen, so daß sie eine braune Kruste bekommen hatten. Charles bemerkte es gar nicht.
Sie waren die Geschichte unzählige Male durchgegangen, aber Duncan schien entschlossen, es noch einmal zu tun, als suche er immer noch nach einer Erklärung.
»Nur ein Verrückter kann auf die Idee kommen, ein Kind am helllichten Tag aus einem belebten Militärposten zu entführen.«
»Ich sagte dir ja schon, genau das ist er. Damals in Camp Cooper machten die anderen Offiziere der Zweiten Kavallerie Witze darüber, daß Bent sich für einen neuen Napoleon hält. Haben Napoleons Feinde ihn nicht ebenfalls als verrückt bezeichnet? Als Teufel? Ein gewöhnlicher Mann würde und könnte nicht tun, was er getan hat. Ich unterschätze ihn nicht.«
Duncan spannte seinen Hosenträger mit dem linken Daumen. Das graue Haar fiel ihm in die Stirn. Er wandte sich dem Schlafzimmer zu; Maureen hatte in ihrem unruhigen Schlaf aufgeschrien. Es war wenige Minuten vor Mitternacht.
»Ich muß schon sagen, du nimmst das alles recht gelassen.« Duncan war erschöpft, was seine Stimme schärfer als beabsichtigt klingen ließ. »Es geht um deinen Sohn, nicht um irgendeine befestigte Hügelstellung, die verlorengegangen ist.«
Charles riß an der Unterseite des Tisches ein Streichholz an und hielt es an den Zigarrenstummel zwischen seinen Zähnen. »Was soll ich deiner Meinung nach tun, Jack? Herumtoben? Das hilft mir nicht bei der Suche nach Gus.«
»Du hast wirklich vor, Bent selber aufzuspüren?«
»Glaubst du, ich sitze hier rum und warte darauf, daß er mir einen Brief schreibt und mitteilt, was er Gus angetan hat? Ich glaube, er will so viele Hazards und Mains leiden lassen, wie er nur kann. Ich muß ihn finden.«
»Wie? Er kann sich auf Tausenden von Quadratmeilen verstecken.«
»Ich weiß nicht, wie ich es anstellen werde - ich werde es schaffen.«
»Ich glaube, es ist einfach nur vernünftig, die - die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, daß Bent vielleicht bereits ...«
»Sei still, Jack.« Charles war weiß. »Ich weigere mich, an diese Möglichkeit auch nur zu denken. Gus lebt.«
Duncans Blick irrte ab, voller Elend, voller Zweifel.
»Ja, er hat mir den Wagen und das Maultier verkauft«, sagte Steinfeld, ein lebhafter kleiner Mann, dem einer der Mietställe in Leavenworth City gehörte. »Das heißt, nach einigem Gefeilsche einigten wir uns auf ein Tauschgeschäft. Zwei Pferde, Kavallerieersatz, aber stark und ausdauernd, gegen seinen Wagen und sein erschöpftes Maultier. Die Blechtöpfe gab er noch dazu. Ich habe sie meiner Frau geschenkt. Er hatte nicht viel, nur das, was am Kutschbock hing.«
»Ich nehme an, mehr brauchte er auch nicht«, sagte Charles. »War der Junge bei ihm?« Steinfeld nickte. »Was haben Sie sonst noch bemerkt?«
»Er war sehr höflich. Ein gebildeter Mann. Er schien irgendwie schief zu sein.« Steinfeld senkte leicht seine linke Schulter. »Das heißt verkrüppelt. Vielleicht eine Kriegsverletzung? Außerdem fiel mir sein umfassender Wortschatz auf und der Perlenohrring, den er trug. Sehr eigenartig für einen Mann, solch einen Schmuck zu tragen, finden Sie nicht auch?«
»Nicht, wenn er Sie damit von anderen Dingen ablenken wollte. Ich danke Ihnen, Mr. Steinfeld.«
Steinfeld trat einen Schritt zurück, fort von einem Zorn, der so kalt war, daß er zu brennen schien.
Von Steinfeld kaufte Charles ein Ersatzpferd, eine rotbraune Fuchsstute, drei Jahre alt. Steinfeld versicherte, daß sie die nötige Ausdauer für lange Ritte besitze.
Charles packte Lebensmittel und Munition zusammen und verließ Leavenworth in einem heftigen Schneesturm. Er schlug die logische Richtung nach Westen ein und stoppte in Secon-dine, Tiblow, Fall Leaf, Lawrence. Überall stellte er Fragen. Bent war gesichtet worden, doch niemand hatte den Ohrring bemerkt. Zwei Leute erinnerten sich an einen Jungen mit lockigem, dunkelblondem Haar. Ein Cafébesitzer in Lawrence, der Bent ein Büffelsteak serviert hatte, sagte, der Junge habe erschöpft ausgesehen und kein Wort gesprochen. Er habe auch nichts gegessen; das heißt, Bent habe ihm nichts gegeben.
Charles, der abwechselnd Satan und die Fuchsstute ritt, stieß durch die von dem Sturm zurückgelassenen Schneewehen weiter nach Westen vor. Er überholte einen Zug mit Schneepflug, der zu beiden Seiten der Lokomotive gewaltige weiße Fächer aufschleuderte. Buck Creek, Grantville, Topeka, Silver Lade, St. Mary's.