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Nichts.

Wamego, St. George, Manhatten, Junction City.

Nichts.

Doch in Junction City hörte er, daß Colonel Grierson in Fort Riley überwinterte. Abteilungen des Zehnten Regiments verteilten sich auf Städte und Dörfer entlang der Eisenbahnlinie, die sich nun über mehr als vierhundert Meilen bis nach Sheridan hinzog, einem winzigen Örtchen nahe der Grenze zu Colorado. Im Spätsommer waren die Arbeiten eingestellt worden; alle Arbeiter waren ausbezahlt und entlassen worden, bis die Bahnlinie eine Geldinfusion in Form einer neuen Regierungssubvention erhielt. Aller Ruhm und Glanz konzentrierte sich nun auf die Union Pacific und die Central Pacific, die irgendwo westlich von Denver aufeinanderstoßen würden, sobald sich das Wetter gebessert hatte.

Charles ritt weiter. Der Schnee ging in Eisregen und dann in Regen über. Er schlief unter freiem Himmel oder in der Ecke eines Stalles, wenn er nichts dafür bezahlen mußte. Kansas Falls, Chapman Creek, Detroit, Abilene. Die Viehstadt hatte im Winter so gut wie dichtgemacht, doch stieß er dort wieder auf die Fährte. Ein Mann, auf den Bents Beschreibung paßte, hatte in Asher's General Store Mehl, Speck und Zwieback gekauft.

Asher war zufällig auch noch gelegentlich Hilfssheriff. Ein Bericht über die Entführung war an jeden Sheriff im Staat durch-gegeben worden. Als Asher Bent bedient hatte, war von einem Kind nichts zu sehen gewesen, doch Bent war ihm entsprechend der Beschreibung sofort aufgefallen. Asher hatte seinen Revolver unter dem Ladentisch hervorgeholt und ihn verhaftet. Bent hatte die Hände gehoben. Als Asher hinter dem Ladentisch hervortrat, packte Bent einen Spaten und schlug ihm die Schaufel über den Kopf. Die einzigen anderen Leute im Laden waren zwei schachspielende Männer, die nicht reagierten. Bent war hinausgerannt und in Abilene nicht mehr gesehen worden.

»Knappe Sache«, sagte Asher zu Charles.

»Knapp ist nicht gut genug. Niemand hat meinen Jungen gesehen?«

Asher schüttelte den Kopf.

Solomon, Donmeyer, Salina, Bavaria, Brookville, Rockville, Elm Creek. Wenn er ungeduldig wurde, brauchte Charles nur daran zu denken, was er zu Beginn dieses Rittes beschlossen hatte. Es war besser, langsam und methodisch vorzugehen und Bent zu erwischen, als in der Eile etwas zu übersehen und ihn so zu verlieren.

Aber auch so schaffte er es selten, mehr als zwei Stunden pro Nacht zu schlafen. Entweder die Nerven rissen ihn aus dem Schlaf oder dann Alpträume oder das brodelnde Fieber, das die häufige Unterkühlung mit sich gebracht hatte. Bald schon zitterte er am ganzen Leib und stolperte wie ein Halbtoter durch die Gegend; sein bis auf Brustmitte gewachsener Bart war voll von Zwiebackkrümeln und winzigen Fetzen der grünen Außenblätter seiner billigen Zigarren. Seine Augen schienen in seinem Schädel verschwunden zu sein und hatten statt dessen nur die Illusion von zwei dunklen Löchern zurückgelassen. Er roch so übel und sah so schlimm aus, daß anständige Leute ihm in den Städten, die er besuchte, um seine Fragen zu stellen, aus dem Weg gingen.

Und immer wieder die gleichen Antworten, die ihn langsam wahnsinnig machten.

»Nein, niemand, auf den die Beschreibung paßt, ist hier durchgekommen.«

»Nein, hab' ich nicht gesehen.«

»Nein, tut mir leid.«

Es war Anfang März, als er nach Ellsworth kam. Dort nahm er die Fährte wieder auf, als wäre es ihm vorbestimmt.

»Er hat hier übernachtet, ebenso wie sein Neffe, ein hübsches Kind, aber vollkommen erschöpft und halb krank, das kleine Lämmchen.« Sie war eine gewaltige, warmherzige Frau mit großen rosa Schinken als Unterarme, freundlichen Augen und dem Akzent der English Midlands. »Ich habe ihnen mein kleinstes Zimmer gegeben, und am nächsten Morgen hat er zusammen mit meinen Pensionsgästen gefrühstückt. Ich erinnere mich daran, weil er unhöflicherweise seinen Zylinder am Tisch aufbehielt. Er wiederholte mehrmals, daß er ins Indianerterritorium gehen würde. Der Junge blieb oben. Der Mann sagte, er sei zu krank, um was zu essen, aber er sah mir nicht danach aus. Der Mann kam mir reichlich komisch vor. Ich hatte das Gefühl, er wolle auffallen. Ein paar Stunden nach seinem Aufbruch bin ich zum Marshall gegangen, und der Marshall sagte mir, der Mann werde gesucht, weil er den Jungen entführt hat. Der verdammte Bösewicht!«

Ein Junge, den Charles am Fluß traf, bestätigte ihre Geschichte. Charles ritt weitere zwanzig Meilen nach Süden, bevor er anhielt. Er blieb auf der Fuchsstute sitzen, in der Mitte eines kleinen Baches, der wegen der Schneeschmelze über seine Ufer getreten war. Die Pferde tranken durstig. Es regnete leicht; weit im Westen tauchte blauer Himmel zwischen den Wolken auf.

Charles dachte über die Situation nach. Jenseits des Cimar-ron, wo das Indianerterritorium begann, lagen Tausende von Quadratmeilen unerforschter Wildnis. Ein Mann riskierte sein Leben, wenn er sich allein da hineinwagte. Ein weiterer Beweis für Bents Wahnsinn, daß er da mit einem Kind eindringen wollte.

Natürlich konnte Bent in der Pension seine Geschichte auch nur aus Gründen der Täuschung erzählt haben. Vielleicht hatte er den Smoky Hill überquert und war dann gleich wieder zurückgekehrt. Aber irgendwie glaubte Charles das nicht. Bent hätte gleich nach Verlassen von Leavenworth untertauchen können, wenn er das vorgehabt hätte. Statt dessen hatte er stets gerade genug Spuren hinterlassen, um Charles auf seiner Fährte zu halten.

Vielleicht hatte Bent in Ellsworth mit seinem Ziel in der Annahme geprahlt, Charles würde jede weitere Verfolgung als zu gefährlich aufgeben. Vielleicht hatte Bent den Faden nur deshalb so lange abgespult, um ihn jetzt zu durchschneiden und lachend davonzureiten. Wenn er damit rechnete, dann hatte er sich getäuscht. Charles würde weiterreiten.

Allerdings nicht allein.

»Vergeltung auf Kosten eines Kindes?« sagte Benjamin Grierson. »Das ist unvorstellbar.«

»Das paßt genau zu Bent.« Charles saß auf einem harten Stuhl im Büro des Hauptquartiers des Zehnten Regiments in Fort Riley. Alle Knochen taten ihm weh. Er war zu krank, um viel mehr als eine leichte Sentimentalität über diese Art von Heimkehr zu empfinden.

Colonel Grierson sah hagerer und grauer aus; die Anstrengungen des Präriedienstes machten sich bemerkbar. Doch Charles war noch nicht ganz eingetreten, da hatte er schon gesagt, daß das Regiment seine Erwartungen erfüllt und sogar übertroffen hatte. Jetzt sagte er: »Was für Hilfe benötigen Sie? Jeder Mann in Barnes Truppe würde gern für Sie eintreten wegen dem, was man mit Ihnen gemacht hat. Ich ebenfalls. Wir haben nicht so viele gute Offiziere. Sie waren einer der besten.«

»Danke, Colonel.«

»Sie haben von Präsident Johnsons Weihnachtsamnestie gehört? Sie sind jetzt kein Rebell mehr, Charlie. Sie könnten zurückkommen.«

»Niemals.«

Darin lag eine derart grimmige Endgültigkeit, daß Grierson sofort sagte: »Also, was für Hilfe brauchen Sie?«

»Zwei Männer, die bereit sind, mir beim Spurensuchen zu helfen. Um fair zu sein, Colonel, ich würde mit ihnen nach Süden gehen.«

»Wie weit? Südlich vom Arkansas?«

»Falls Bent dahin geht.«

»Bei Medicine Lodge hat die Regierung versprochen, unautorisierte weiße Personen vom Territorium fernzuhalten. Wilde Landvermesser, Whiskyhändler - die Armee sorgt dafür, daß dieses Versprechen eingehalten wird.«

»Ich weiß. Dieses Verbot könnte der Grund sein, daß Bent sich im Territorium verstecken möchte.«

»Sie sind auf sich allein gestellt, wenn Sie dort erwischt werden.«

»Selbstverständlich.«

»Wen immer Sie mitnehmen, Sie müssen ihnen zuerst sagen, wohin Sie gehen.«

»Einverstanden.«

»Sind Sie sicher, daß Bent dort ist?«

»So sicher man bei einem Mann mit derart verrückten Impulsen sein kann. Ich vermute, daß Bent sich bei den Cheyenne und Arapahoe und den abtrünnigen Händlern verstecken will, weil sich dort niemand um ihn kümmert, außer sie bringen ihn um.«