»Was durchaus der Fall sein kann. Eure verfluchte Expedition zum Washita hat alles in Aufruhr versetzt. Sheridan hat den ganzen Winter daran gearbeitet, die Stämme so weit einzuschüchtern, daß sie vor der Regierung kapitulieren. Jetzt hat er die eine Hälfte der Indianer soweit, daß sie am Verhungern sind und auf seine Bedingungen eingehen wollen, während die andere Hälfte vollends blutdürstig geworden ist. Carr und Evans sind noch draußen im Einsatz. Custer ebenfalls. Er operiert von Camp Wichita aus.«
Charles mußte das erst einmal verdauen. Das Camp lag östlich der Berge gleichen Namens, tief im Territorium.
»Als Folge davon kann niemand sicher sein, wo sich die Hundekrieger verborgen haben. Sie bleiben in Bewegung, um den Truppen auszuweichen. Westlich der Berge sind sie sogar bis nach Texas vorgedrungen, wie wir gehört haben. Weder Sie noch die Armee können wissen, wo sie wieder auftauchen werden.«
»Ich werde daran denken.« Charles betastete das Messingkreuz, das an einem Lederriemen über seinem Zigeunermantel hing. Das Wetter hatte das Messing fast schwarz werden lassen; er hatte sich nicht die Mühe gemacht, Grierson über den eigenartigen Schmuck aufzuklären. Charles machte nicht den Eindruck eines Mannes, der plötzlich religiös geworden war, doch seine Finger spielten weiter mit dem Kreuz. »Noch eins, Colonel. Am Washita, das war nicht meine Expedition.«
»Sie meinen, Sie haben sie nicht geplant.«
»Ich bedaure, daß ich dort war. Ich habe die Zeitungen gesehen. Ich habe gelesen, was General Sheridan über Schwarzer Kessel gesagt hat. Eine verbrauchte alte Null. Der Anführer aller Mörder und Vergewaltiger. Eine dreckige Lüge. Ich weiß Bescheid.«
Grierson machte keine Einwände. »Wen möchten Sie?«
»Corporal Magee, wenn er möchte. Graue Eule, wenn Sie auf ihn verzichten können.«
»Nehmen Sie die beiden mit«, sagte Grierson.
Fort Hays war ein primitiver Posten geblieben, einer der ärmlichsten in Kansas. Ike Barnes hatte hier in scheußlichen Quartieren überwintert, Hütten mit Steinkaminen, von denen der Mörtel bröckelte. In Magees Sechs-Mann-Schuppen war das Grasdach so schwach, daß er und die anderen eine Ersatzzeltbahn daruntergespannt hatten, um herabfallenden Dreck, schmelzenden Schnee und gelegentlich eine Klapperschlange aufzufangen.
Eines späten Abends, nachdem die Lichter gelöscht worden waren, saß Magee auf seinem schmalen Feldbett inmitten des allgemeinen Geschnarches. Mit einem Lumpen rieb er Rostflecken vom Lauf einer alten deutschen Steinschloßpistole vom Kaliber .35. Er hatte die Pistole für drei Dollar gekauft, nachdem er lange eine derartige Waffe gesucht hatte. Aus Lederfetzen hatte er einen Pulverbeutel genäht, der nun neben ihm auf der Decke lag, zusammen mit fünf runden, bleifarbenen Kugeln, die genau in die Pistolenmündung paßten.
Er polierte so eifrig, daß er kaum darauf achtete, wie die Tür aufging; zusammen mit einem Regenschauer kam First Sergeant Williams in tropfendem Poncho herein.
Einer der Schläfer richtete sich auf. »Schließ die verfluchte Tür! Oh, Sarge, 'Tschuldigung.« Er legte sich wieder hin.
Die heruntergeschraubte Lampe ließ Williams Brille aufblitzen. »Das Licht sollte aus sein, Magee. Was machst du mit dieser alten Pistole?«
»Ja. Neue Pistole. Alter Trick.« Weitere Erklärungen gab er nicht ab.
»Na schön, komm mit raus«, sagte Williams. »Du wirst die Farbe des weißen Mannes annehmen, wenn du siehst, wer wieder da ist.«
Magee zitterte in seiner Unterwäsche im Windschatten einer Hütte; Captain Barnes, der sich klugerweise einen Regenmantel umgehängt hatte, hielt eine Laterne hoch, um den Besucher zu beleuchten. »Wie ein Gespenst aus der Finsternis aufgetaucht, Magic. Ist er nicht ein Anblick, den man im Gedächtnis behält?«
Der Alte hatte das als Kompliment gedacht, und Magic Ma-gees Gesicht blühte zu diesem strahlenden, einmaligen Lächeln auf. Dann sah er Charles' fiebernde Augenhöhlen und dessen schmutzige Hände und hielt sein Lächeln zurück. Charles sagte: »Hallo, Magic.«
»Cheyenne Charlie. Ich werde verrückt.«
»Ziehen Sie Ihre Sachen an, Magic«, sagte Barnes. »Ich habe Lovetta geweckt, und sie hat Kaffee gemacht. Charles sagte, er braucht Hilfe. Er wird es Ihnen erzählen.«
»Sicher«, sagte Magee. »Du bist zum richtigen Mann gekommen, Charlie. Du hast immer noch was gut bei mir.«
Nachdem sich die Männer unterhalten hatten, bekam Charles von Lovetta Barnes eine reichliche Mahlzeit vorgesetzt, und sie bereitete ihm ein Lager neben dem Feuer. Er schlief sechzehn Stunden durch und ließ sich auch vom Kommen und Gehen des Alten und dessen Frau nicht stören. Magic Magee hatte keine Sekunde gezögert, ins Indianerterritorium aufzubrechen. Graue Eule ebensowenig. Beide Männer sahen so aus wie früher, obwohl sie mehr und tiefere Falten im Gesicht zu haben schienen. Charles vermutete, daß man das auch von ihm sagen konnte.
Sie versorgten sich beim Marketender mit Proviant, und Charles kaufte noch zwei weitere Ersatzpferde. Am 15. März brachen sie bei strahlend schönem Wetter auf; von Texas und vom Golf her wehte ein warmer Wind, als die Fährtensucher den Smoky Hill durchquerten und nach Süden ritten. In ihrer ersten Nacht unter freiem Himmel schlief Charles schlecht. Er hatte einen Alptraum: Sie ritten zu dritt auf der Milchstraße quer über den Himmel. Ihre Gesichter waren blutverschmiert, Tote auf dem Weg ins Jenseits.
INAUGURATION
Beginn einer neuen Ära des Friedens und des Wohlstands.
Ulysses S. Grant offiziell in das Amt als Präsident eingeführt.
Er hält eine kurze, charakteristische Rede. Eine auf Vertrauen basierende Eintreibung der Steuergelder gefordert.
Zeremonien gekennzeichnet von bisher unübertroffener Begeisterung.
Sonderberichte an die New York Times, Washington, Donnerstag, 4. März 1869
Die Zeremonien zur Inauguration von Gen. ulysses s. grant als achtzehnter Präsident der Vereinigten Staaten wurden heute mit einer derartigen Perfektion durchgeführt und zu einem solch brillanten Erfolg, daß man es als glückverheißendes Vorzeichen für die Regierung werten kann, die jetzt in so ernsthafte und patriotische Hände übergegangen ist.
MADELINES JOURNAL
März 1869. Grant ist Präsident. Die Feindseligkeit, die ihm hier entgegenschlägt, ist verständlich, doch die nationale Stimmung ist optimistisch. Da er militärische Feldzüge so erfolgreich organisiert hat und so häufig von der Notwendigkeit des Friedens nach vier bitteren Jahren spricht, sind die Erwartungen in seine Präsidentschaft sehr hoch gespannt ...
Am 4. März, noch vor der Morgendämmerung, wurde die Hauptstadt von dem Ausläufer eines Schneesturms aus Nordosten betroffen. Stanley Hazard stand am Fenster seines Schlafzimmers im Herrenhaus in der I Street, kratzte sich an seinem beträchtlichen Bauch und betrachtete das Schneegestöber, die Schlammpfützen, den kriechenden Nebel. Was konnte sonst noch alles schiefgehen?
Andrew Johnson würde bei der Vereidigung nicht anwesend sein. Grant hatte Johnsons vorsichtige Friedensangebote im Kielwasser des Stanton-Streites verächtlich zurückgewiesen und verkündet, daß er weder mit Mr. Johnson in einer Kutsche fahren noch mit ihm sprechen würde. Das Kabinett zauderte. Sollte es zwei Kutschen geben? Zwei getrennte Prozessionen? Die Angelegenheit regelte sich von selbst, als sich Mr. Johnson entschloß, während der Zeremonie in seinem Büro zu bleiben, um dort einige letzte Dokumente zu unterschreiben und sich von den Kabinettsmitgliedern zu verabschieden.
Stanleys Elend war jedoch auf eine eher persönliche Ursache zurückzuführen. Den geschickten Manövern seiner Frau, die noch in ihrem Bett schnarchte, hatte er es zu verdanken, daß er in das prestigeträchtige Komitee für den Inaugurationsball berufen worden war. Das war gesellschaftlich gesehen ein gewaltiger Coup, und ein paar Tage lang hatte sich Stanley einfältigerweise auch darüber gefreut. Dann entdeckte er, daß die Organisation des Balles dem Bau einer Pyramide gleichkam.