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Das Komitee konnte sich weder auf einen Veranstaltungsort einigen noch ein Anwesen finden, das groß genug gewesen wäre, um die zu erwartende Menschenmenge zu fassen. In wachsender Verzweiflung hatten sich die Komiteemitglieder schließlich an den Kongreß gewandt und um Erlaubnis gebeten, den Rundbau des Kapitols benützen zu dürfen. Das Repräsentantenhaus sprach sich dafür aus, doch der Senat entschied sich nach viel leerem Gerede dagegen. Der gewählte Präsident schickte eine Note, in der es hieß, das sei in Ordnung, es störe ihn nicht, wenn ihn niemand mit einem Ball ehre. Isabels Reaktion war typisch:

»Er gehört einfach zum Pöbel. Wofür hält er sich eigentlich, uns den besten Abend des Jahres rauben zu wollen?«

Unter dem Zwang, diesen besten Abend zustande zu bringen, hatten Stanley und seine Kollegen stundenlang hitzig debattiert. Sollte man es Ball oder Empfang nennen? Letzteres. Sollte der Eintritt zehn Dollar kosten (für einen Gentleman in Begleitung zweier Damen, für Essen und Tanzen) oder bescheidenere acht Dollar? Ersteres. Sollte Mr. Johnson trotz seines Streites mit Grant über die Stanton-Sache eingeladen werden? Er wurde nicht eingeladen.

Der Veranstaltungsort, der endlich gefunden wurde, war groß genug - es handelte sich um den Nordflügel des Finanzministeriums -, aber nicht ideal, da er noch nicht fertig war. Stanley hatte den größten Teil der vergangenen achtundvierzig Stunden dort verbracht. Sein feiner Anzug war mit Mörtelstaub und Farbflecken bedeckt, weil er Dutzende von Arbeitern beaufsichtigt hatte, die mit der Dekoration und Einrichtung der Partyräume beschäftigt gewesen waren.

Er hatte gerade etwas über zwei Stunden geschlafen, und jetzt - noch ganz benommen vor lauter Erschöpfung - hatte er dieses katastrophale Wetter vor Augen. Er war dem Selbstmord nah.

Er taumelte in sein Büro und griff nach den Eintrittskarten für den Ball. Sie waren so groß wie die Seiten eines Handelsal-manachs, verziert mit der Lithographie einer heroischen Büste, in der die Gesichtszüge von Präsident Grant und von seinem Vizepräsidenten Colfax miteinander vereinigt sein sollten. Die Büste besaß weder Ähnlichkeit mit dem einen noch mit dem anderen. »Abscheulich«, hatte Isabel dazu gesagt. Stanley hatte sie zwanzig Minuten lang jammernd zu überzeugen gesucht, daß er damit nichts zu tun gehabt hatte.

Er schwang seinen Kopf zum Fenster herum wie ein gewaltiger Ochse im Joch. Er lauschte dem Nieselregen und wünschte, er würde sich in einen Sturzbach verwandeln, der die Ereignisse des Tages und sein schlafendes Weib wegspülte.

Die Prozession zum Kapitol begann zehn Minuten vor elf. General Grant, ein kleiner, untersetzter Mann von siebenundvierzig Jahren, trug, wie alle anderen anwesenden Gentlemen auch, nüchternes amerikanisches Schwarz. Er fuhr in einer offenen Kutsche. Ungestüme Menschen, die die Polizeiabsperrung durchbrochen hatten, stürzten auf die schlammige Straße und griffen in die Kutsche, um ihn zu berühren. Er schien nichts dagegen zu haben.

Seine Eskorte bestand aus acht Divisionen. Die Washington Grays Artillery aus Philadelphia, achtundvierzig Geschütze, marschierten. Die Philadelphia Fire Zouaves marschierten mit ihrer 22-Mann-Kapelle. Die Eagle Zouaves von Buffalo marschierten, ebenso wie die Lincoln Zouaves aus Washington, die Butler Zouaves aus Georgetown und die Lincoln Zouaves (farbig) aus Baltimore. Die letzteren waren strahlend gekleidet in weißen Leggings und blauen Flanelljacken mit gelbem Besatz.

Die Hibernia Engine Company marschierte, zusammen mit der Naval Academy Band und der Regierungsfeuerwehr. Der Oberste Gerichtshof marschierte, ebenso wie das republikanische Exekutivkomitee aus Philadelphia, die Lancaster-Miliz und Ermentrout's City Band. Die Grant Invincibles von Kalifornien marschierten, zusammen mit der Territorialdelegation von Montana und dem Sechsten Bezirk des Republikanischen Clubs.

Das ganze Spektakel schien dem gewählten Präsidenten Grant zu gefallen. Über Präsident Johnsons Reaktion läßt sich nichts sagen; er befand sich immer noch im Weißen Haus und unterzeichnete Dokumente.

Zwischen zerfetzten Wolkenrändern tauchte gelegentlich blauer Himmel auf. Stanley brachte seine Frau zu ihren reservierten Plätzen, die sich direkt vor der über den Stufen an der Ostfront des Kapitols errichteten Plattform befanden. Die Plattform war mit Stuhlreihen bestückt und mit Flaggen und Immergrün festlich geschmückt.

»Wohin gehst du?« erkundigte sich Isabel. Ihre Jacke und ihr Rock waren pfirsichfarben. Dieses Jahr waren die Farben fröhlicher.

»Ich muß mich drinnen sehen lassen. Vielleicht kann ich dem General die Hand drücken.«

»Nimm mich mit.«

»Isabel, das ist viel zu gefährlich. Schau dir diesen zügellosen Mob an. Außerdem sind diese öffentlichen Rituale prinzipiell nur für Männer gedacht.«

Ihr Pferdegesicht zerknitterte. »Ebenso die Prozession, wie ich bemerkt habe.«

»Du klingst wie eine Suffragette.«

»Gott bewahre. Aber vergiß nur nicht, wer Mercantile Enterprise zum Erfolg verholfen hat!« Stanley krümmte sich mit erhobenen Händen. »Und ein Auge auf die Bücher hatte, jede Expansion geleitet hat, darauf geachtet hat, daß unser geschätzter Gauner von Anwalt, dieser Dills, uns nicht alles gestohlen .«

»Bitte, Isabel, bitte«, flüsterte er, während sein gelbliches Gesicht weiß wurde. »Sag solche Sachen nicht, nicht mal unter Fremden. Erwähne die Firma nicht. Wir haben damit nichts zu tun, vergiß das nicht.«

Isabel wollte widersprechen, sah dann aber ein, daß er recht hatte, und sagte: »Gut. Aber du bleibst besser nicht lange weg.«

Mit der einen Hand seinen Hut, mit der anderen sein Spezialticket umklammernd, so drängte sich Stanley durch die gewaltige, ausgelassene Menschenmenge auf den Stehplätzen. Er kämpfte sich um berittene Marshalls herum und passierte einen Kordon der Capitol Police, die mit schweren Knüppeln ausgerüstet war. Die perlengraue Krawatte hing ihm aus der dazu passenden Weste, als er endlich den lärmenden Korridor hinter der Senatskammer erreichte.

Er eilte in den Senatssaal, konnte aber seinen Mentor, Ben Wade, nirgendwo erblicken. Die Galerien waren bereits mit Tausenden von Zuschauern vollgestopft. Er glaubte Virgilia zu erkennen, schaute aber schnell zur Seite. Er wollte keinen Kontakt mit ihr.

Er streifte zwischen den Würdenträgern umher und schüttelte Hände, wie es sich schließlich für einen angeblich bedeutenden Anhänger der Republikaner gehörte. Die Menge der Goldlitzen schüchterte ihn etwas ein - Sickles, Pleasonton, Dahlgren, Far-ragut, Thomas und Sherman waren bereits anwesend -, und er machte keinen Versuch, solch berühmte Männer zu begrüßen. Er gratulierte dem herrischen Mr. Sumner, der im Begriff stand, auf seine vierte Senatsperiode eingeschworen zu werden. Er begrüßte Senator Cameron, der nun wieder ins Amt und an die Macht zurückgekehrt war; der Boß benahm sich, als kenne er Stanley kaum.

Er ging zu Wades Büro und drückte sich an die geschlossene Tür heran. »Sorry, Sir«, sagte ein Türwächter, »Senator Wade hat sich mit General Grant bis zum Beginn der Zeremonie zurückgezogen.«

»Aber ich bin Mr. Stanley Hazard.«

»Ich weiß«, sagte der Türwächter. »Sie können nicht hinein.«

Grollend zog sich Stanley zurück.

Bevor er wieder hinausging, holte er einen flachen Silberflakon aus seiner Innentasche und stärkte sich mit seinem fünften Drink an diesem Morgen. Zurück an seinem Platz, erzählte er Isabel, er hätte den gewählten Präsidenten getroffen. Er versprach, Isabel beim Ball vorzustellen.

»Das möchte ich dir auch geraten haben.«