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Eine Zeitlang hatte er quer durch Kansas absichtlich Spuren hinterlassen, um Gus' Vater zu quälen; da hatte er sich um seine persönliche Sicherheit keine Gedanken gemacht. Dann war er gezwungen gewesen, diesen Ladenbesitzer in Abilene niederzuschlagen, und kurz darauf hatte er den Verdacht dieser fetten Schlampe erregt, der Besitzerin der Pension in Ellsworth City. An diesem Punkt hatte er beschlossen, daß die Sache das Risiko nicht mehr wert war. Charles Main wußte, daß er den Jungen in seiner Gewalt hatte; das sollte einstweilen mal genügen. Er verwischte seine Fährte, indem er sich nach Süden wandte, dem Territorium zu, wo er sich beliebig lange sicher verstecken konnte. Er war überzeugt davon, daß Charles ihm wegen der damit verbundenen Gefahren niemals folgen würde.

Er starrte in dunkle Fernen und dachte daran, wie er zusammen mit Charles noch vor dem Krieg in der Zweiten Kavallerie gedient hatte. Charles war ein gutaussehender großer Bursche gewesen, mit den für Südstaatler typischen, schmierigen guten Manieren. Bent hatte ihn anziehend genug gefunden, um ihm ein Freundschaftsangebot zu machen, das Charles zurückgewiesen hatte. Bent haßte ihn deswegen um so mehr. Sein Blick irrte zu dem regungslosen Häuflein unter der Decke. Er war noch nicht fertig mit Gus - oder mit seinem Vater.

Am nächsten Tag erschoß er den Grauen und zerlegte ihn. Als er darauf bestand, daß Gus halbgares Pferdefleisch essen sollte, leistete der Junge Widerstand. Bent preßte ihm das Fleisch in den Mund, und Gus erbrach alles über Bents Stiefel. Er hatte schon die Klinge des Rasiermessers gegen Gus' Kehle gedrückt, ehe die Vernunft wieder die Oberhand gewann. Er brauchte den Jungen für seine späteren Pläne.

Er ließ den alten gestohlenen Sattel bei dem Pferdekadaver zurück und nahm nur die Satteltaschen mit. Er marschierte in westlicher Richtung los, weg von dem Berg, wo sie ihr Lager aufgeschlagen hatten; der kleine Gus folgte links von ihm einen Schritt zurück, wie ein gut dressierter junger Hund.

Vermilion Creek mündete in den Elm Fork, manchmal auch Middle Fork genannt. Es war eine einsame Gegend west-nordwestlich von Fort Cobb, nach Bents Schätzung nicht weit von der texanischen Grenze entfernt.

Es gab hier eine Menge Wild - Kaninchen, Präriehühner, sogar einen Hirsch, den Bent mit seinem Schuß verfehlte. Hunger mußten sie keinen leiden; für gewöhnlich war er ein ausgezeichneter Schütze.

Bent begann die belebende Wirkung des Frühlingswetters zu spüren, während sie am Vermilion Creek flußauf gingen. Der ständige Wind ließ die Felder mit wilden Veilchen wogen und trug einen rosa Blütenregen von Judasbäumen heran. Hoch über ihnen flogen Schwärme von Gänsen nach Norden.

Eben noch hatte Bent das Rascheln von Gus' aufgerissenen Schuhen auf dem Schiefergestein gehört, dann herrschte Stille. Er drehte sich um und wollte den Jungen schlagen, unterließ es dann aber. Gus schaute voraus, den Bach entlang. Einen Moment lang waren seine Augen frei von Furcht und voller Neugierde.

Bent wandte sich wieder um und hielt den Atem an. Ein hinter dem Horizont verborgenes Feuer sandte eine dünne, graue Rauchsäule in den klaren Himmel.

Indianer? Durchaus möglich. Es konnte aber auch das Camp von Büffeljägern sein. Bent stieß Gus in das knöcheltiefe Wasser. »Wasch dein Gesicht und deine Hände. Wir müssen anständig aussehen, falls wir auf weiße Männer treffen.«

Das Wasser, das durch Bents Finger floß, färbte sich vom Dreck dunkel. Gus machte ihm alles nach, ständig auf der Hut vor irgendwelchen Anzeichen von Mißfallen. Langsam verschwand der Schmutz aus dem Gesicht des Jungen, doch die Male der Schläge blieben.

Es war nicht bloß ein Camp, es war ein zivilisierter Außenposten am Ufer des Flüßchens. Das Hauptgebäude, aus dem der Rauch aufstieg, war rechteckig, aus Lehmziegeln erbaut. Bent, der sich hinter einigen Eichen verborgen hatte, starrte verblüfft die beiden Indianerponys an, die vor dem Eingang angebunden waren. Eine Seitentür führte in einen kleinen Pferch mit einem großen, dunkelbraunen Fuchs und zwei Maultieren. Dahinter war halb versteckt ein primitiver Stall zu sehen.

Plötzlich rief Gus: »Schau!« und zeigte mit dem Finger. Bent preßte eine Hand auf Gus' Mund und verdrehte den Kopf des Jungen, bis er einen schmerzerfüllten Laut hörte. Erst dann nahm Bent seine Hand wieder weg.

Das Tier, das Gus so in Aufregung versetzt hatte, erregte seine Neugier. Es war ein gut gefütterter Waschbär. Sein pelziger Bauch streifte den Boden, als er am Hauptgebäude vorbeitrottete. Hielt sich jemand den Bären als Schoßtierchen?

Bent streifte die Satteltaschen von seiner Schulter und knöpfte seinen alten Mantel auf. Er überprüfte seinen tiefgeschnallten Revolver und schnippte dann mit den Fingern. Sofort griff Gus nach seiner Hand.

Mann und Junge näherten sich dem Gebäude. Der Waschbär entdeckte sie und rannte auf den Stall zu. Bent hielt vor der Eingangstür an. Er hörte Stimmen. Da er nicht als Streuner erschossen werden wollte, schrie er: »Hallo, da drinnen!«

»Hallo. Wer da?«

Die Tür öffnete sich quietschend. Zuerst erschien die Mündung einer Schrotflinte. Dann tauchte der dazugehörige Mann auf. Er war ärmlich gekleidet, hatte einen Hängebauch und ein Gesicht, das Bent an einen erhitzten Weihnachtsmann erinnerte. Der Mann hatte sein Haar, mehr grau als weiß, in der Mitte gescheitelt und zu langen Zöpfen geflochten. Jede Flechte war am Ende mit einem Perlenband umwickelt. Kleine, in den rechten Zopf eingebundene Glöckchen klingelten.

»Mein Name ist Captain Dayton. Mein Neffe und ich haben uns verirrt. Wir sind nach Westen unterwegs.«

»Nicht durch das Indianerterritorium, wenn Sie das Gesetz kennen«, sagte der Mann, deutlich an Bents Worten zweifelnd.

»Wir sind nicht in Texas?«

»Da fehlen doch noch ein paar Meilen.« Der Mann suchte die Gegend hinter Bent ab, als hielte er Ausschau nach Soldaten. Wieder musterte er Bent. Er entschied, daß dieser Fremde mit dem Zylinderhut ebenso am Rande des Gesetzes stand wie er selbst.

Die Farbe kehrte wieder in die Hände des Mannes zurück, als sich sein Griff um die Schrotflinte lockerte. »Ich bin Septimus Glyn. Das hier ist meine Ranch.«

Nicht gerade die Welt, dachte Bent. »Was bauen Sie an, Glyn?«

»Nichts. Ich verkaufe das, was das Indianerbüro nicht verkauft.« Der Mann hatte eine anmaßende Art, schien jedoch nicht gefährlich zu sein. Das Gefühl seiner persönlichen Bedeutung verlieh ihm zusätzliche Energie. Wenn dieser ignorante Händler wüßte, daß er mit dem amerikanischen Bonaparte sprach? Das würde ihn ganz ordentlich in Erstaunen versetzen.

»Ich habe etwas Geld, Glyn. Verkaufen Sie Nahrungsmittel?«

Glyn dachte noch einmal über Bents überraschendes Auftauchen in dieser Wildnis nach. Er wußte nicht, worauf der Mann aus war, entschied aber, daß ein Profit ein kleines Risiko wert war. »Ja, hab' ich. Und Whisky, falls Sie durstig sind. Hab' sogar noch was, was Ihnen vielleicht auch gefällt.« Er trat beiseite. »Kommen Sie herein.«

Bent zog Gus mit sich. »Hübscher kleiner Bengel«, sagte Glyn. »Bißchen verschrammt.«

»Ist vom Pferd gefallen.«

Glyn stellte keine Fragen.

Die Möblierung überraschte Bent: zwei große, runde, mit Flecken übersäte Pinientische; Stühle; eine breite Planke, über Fässer gelegt, dahinter ein Bord mit einer Reihe von Flaschen ohne Etikett. Eine rote Decke hing als Vorhang vor einer Tür, die vielleicht zu den Wohnräumen führte.

An einem Tisch saßen zwei Indianer vor einer braunen Flasche. Beide waren in mittleren Jahren. Der eine war sehr fett. Sie musterten Bent und den Jungen aus verquollenen, mißtrauischen Augen. »Das sind Caddoes«, sagte Glyn und legte die Schrotflinte auf seine provisorische Bar. »Harmlos. Ich jage alle Comanchen weg, die Whisky wollen. Sind zu unberechenbar.«