Das also war eine dieser illegalen Whisky-Ranches. Bent hatte gehört, daß eine Anzahl von ihnen im Territorium operierten. Sie lieferten Waffen, Stoffe, hauptsächlich aber den Whisky, den die Regierung den Stämmen vorzuenthalten versuchte.
Die rote Decke hob sich, und Bent sah etwas, was ihn vor Verblüffung erstarren ließ. Da stand ein hellbraunes Indianermädchen; ihr Wildlederkleid war vom Essen und Trinken verschmutzt. Zuerst dachte er, sie sei über dreißig. Ihre Augen waren vom Schlaf noch ganz schmal, und ihr schwarzes Haar hing ihr ungekämmt und wirr herunter. Ihr Gesicht war mürrisch. Sie schob sich barfuß auf Glyn zu, strich ihr Haar vom rechten Auge zurück und musterte Bent ziemlich unverschämt. Er bemerkte ihre vollen Brüste unter dem Lederkleid und spürte ein unerwartetes Beben. Seit über einem Jahr hatte er keine Frau mehr gehabt oder gewollt.
Glyn schenkte eine klare Flüssigkeit aus einer Flasche ein. »Das ist meine Frau, Grünes Gras. Eine Cheyenne. Vor einem Jahr hab' ich sie aus ihrem Dorf mitgenommen. Sie wollte was von der Welt sehen, und ich hab' ihr gezeigt, wie die Welt aussieht, wenn man flach auf dem Rücken liegt. Sie zählt erst achtzehn Winter. Hat allerdings viel für Gin übrig. Hab' ich ihr beigebracht, und gewisse andere Sachen auch.« Glyn räusperte sich. »Was ich sagen will - sie ist auch zu verkaufen.«
Bent senkte den Kopf. Er hatte bereits entschieden, daß er sie wollte. Allerdings hatte er nicht die Absicht, dafür zu bezahlen.
Septimus Glyn stellte einige Scheiben kalten Wildbrets und Whisky auf den Tisch, der schmeckte, als wäre er mit Cayennepfeffer aufgemöbelt worden. Bents Lippen brannten wie Feuer. »Wo kriegen Sie das Zeug her?«
»Von drüben aus Texas. Dunn's Station. Gibt dort ein paar Ranger, aber denen geh' ich aus dem Weg. Einmal im Monat mach' ich eine Tour durch die Indianerdörfer. Sind nicht mehr viele übrig, seit die Armee eingedrungen ist. Die restliche Zeit schlag' ich mich hier durchs Leben. Sie haben mich aus dem Büro rausgeworfen, aber mir gefiel das Land, also blieb ich. Vor allem vögle ich gern Indianerfrauen. Sie riechen so schön nach Moschus. Für zwei Dollar können Sie's selber feststellen.«
»Vielleicht später. Gus, iß was.« Der kleine Junge riß Fleischfetzen ab und zwang sie sich in den Mund. Mit leidendem Gesicht kaute er.
Bent entschied, daß er seinen Unterschlupf gefunden hatte. »Wir wollen wirklich noch vor dem Winter nach Kalifornien. Aber wir könnten hier übernachten, wenn Sie nichts dagegen haben.«
Glyn schüttelte den Kopf. »Schlaft im Stall oder in meinem Wagen. Steht hinten. Kostet einen Dollar.«
»In Ordnung«, sagte Bent. Er kramte einen Dollarschein aus seinem Mantel und glättete ihn. Er gab ihn Glyn, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen; der Transfer war schließlich nur vorübergehend.
Die alten Caddoes, heruntergekommene Männer, die bis kurz vor dem Umfallen tranken, brachen vor Sonnenuntergang auf. Bent und der kleine Gus brachten ihre Decken in den alten Planwagen, der sauberer war als der Schuppen, der als Stall diente. Bent fuhr sich öfter mit der Hand zwischen die Beine; den größten Teil des Nachmittags war er steif vor Erregung.
Er wartete mehrere Stunden, bis er es nicht mehr aushalten konnte, dann kroch er aus dem Wagen, ohne Gus zu wecken. Er öffnete die Eingangstür der Whisky-Ranch, die nur einmal kurz knarrte, was keine Rolle spielte, da hinter der roten Decke lautes Stöhnen und Grunzen ertönte. Bent zog seinen Revolver.
Er durchquerte den Hauptraum, geleitet von einem schwachen Glühen hinter dem Vorhang. Das Cheyenne-Mädchen stieß ein tiefes, lautes Stöhnen aus. Bent spähte um den Rand der Decke. Im kümmerlichen Schein einer Laterne sah er die schwitzende Rückseite des Mädchens; sie saß mit gegrätschten Beinen über dem Whiskyhändler und pumpte auf und nieder, den Kopf zurückgeworfen, die Augen geschlossen. Glyn rieb ihre Brüste. Seine beiden Hände waren sichtbar; die Schrotflinte lehnte außer Reichweite an der Wand. Gut. Jetzt kam es nur noch auf Geschwindigkeit an.
Bent riß die Decke beiseite und war mit drei Schritten neben dem Bett. Grünes Gras kreischte auf, und Glyn quollen die Augen aus dem Kopf. Er wollte nach seiner Schrotflinte greifen, gab es aber gleich wieder auf. »Was zum Teufel haben Sie hier zu suchen, Dayton?«
»Ich will diesen Platz«, sagte er lächelnd.
»Du verdammter Narr, du, der ist nicht zu verkaufen.«
Bent langte am Unterarm des Indianermädchens vorbei und jagte ihm eine Kugel in den Kopf, knapp oberhalb der Augen. Er zerrte die Leiche in den anderen Raum, kam dann wieder zurück, knöpfte seine Hose auf und rollte sie auf den Rücken. Sie hatte viel zuviel Angst, um Widerstand zu leisten.
So übernahm Bent die Whisky-Ranch. Zwei Tage später tauchten drei andere Caddoes auf. In gebrochenem Englisch erkundigten sie sich nach Glyn, den Bent eine halbe Meile entfernt beerdigt hatte. »Weg. Er hat mir alles verkauft.« Die Caddoes stellten keine weiteren Fragen. Bevor sie wieder gingen, hatte er ihnen Whisky für vier Dollar verkauft.
Grünes Gras schien es egal zu sein, wer ihr Mann war, solange er ihr nur Gin gab. Den billigsten, süßesten Gin, wie Bent nach einem Schluck entdeckte, den er gleich wieder ausspuckte. Septimus Glyn mußte ein erstklassiger Verführer gewesen sein, um das Mädchen so total zu korrumpieren. Eines Morgens verweigerte Bent ihr den Gin, um zu sehen, was passierte. Sie bettelte. Er gab nicht nach. Sie weinte. Er blieb immer noch bei seinem Nein. Sie sank auf die Knie und riß an den Knöpfen seiner Hose. Verblüfft ließ er sich von ihr in seinem Glauben bestärken, daß alle Frauen verkommene Huren waren. Während sie sich noch an seinen Beinen festklammerte, stieß er ihren Kopf zurück und goß ihr Gin in den Mund. Den Jungen, der in der Tür stand und sich mit einer Hand an der roten Decke festhielt, sah er nicht. Seine Füße waren nackt, sein graues Arbeitshemd starrte vor Dreck, seine Augen waren riesig in dem ausdruckslosen Gesicht.
Gegen Sonnenuntergang des siebten Tages begann sich Bent allmählich zu Hause zu fühlen. Er hatte das ausgefranste, rissige Ölgemälde von Madeline Mains Mutter aufgehängt und das Haus gesäubert. Kurz bevor es dunkel wurde, trat er hinaus, den Arm um Grünes Gras gelegt. Ihre große, weiche Brust preßte sich gegen ihn, und ihre Hüfte rieb sich provozierend an der seinen.
Little Gus, der die meiste Zeit sich selbst überlassen blieb, hatte sich mit dem zahmen Waschbären angefreundet. In dem rötlichen Abendlicht jagte er ihn am Bach entlang. Der Bach glänzte wie fließendes Blut, und in der kühlen Abendluft vernahm er einen Laut, den er schon lange nicht mehr gehört hatte; Little Gus' fröhliches Lachen.
Nun, warum sollte er ihn nicht lachen lassen? Bald schon würde er keine Chance mehr dazu haben. Bent hatte nun seinen Plan gefaßt. Er würde noch einige Monate warten; vielleicht bis Herbst oder Anfang Winter. Bis dahin würde Charles Main versuchen, sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß er seinen Sohn verloren hatte. Gerade dann, wenn er allmählich lernte, mit seinem Kummer umzugehen, würde Bent erneut zuschlagen und ihm Nachricht zukommen lassen, daß Gus noch fast ein ganzes Jahr gelebt hatte und erst vor kurzem getötet worden war. Es würde ein zweischneidiger Tod sein, bei dem sich Schmerz mit Schuldgefühlen mischte. Sein Lebtag lang würde Charles der Gedanke verfolgen, daß sein Sohn vielleicht noch leben könnte, wenn er die Suche nicht aufgegeben hätte, wovon Bent inzwischen überzeugt war. Natürlich mußte er Teile der Leiche des Jungen liefern, um zu beweisen, daß er tot war. Sein Rasiermesser würde ihm da eine große Hilfe sein.
Little Gus' Lachen klang durch die hereinbrechende Dunkelheit. Grünes Gras legte ihre Wange auf Bents rechte Schulter. Er war glücklich. Die Welt war gut.