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Charles bog um die Ecke und drückte sich gegen die Vorderseite des Grasdachhauses. Seinen Revolver hielt er schußbereit in Brusthöhe. Eines der Pferde wieherte, ein ferner Laut. Graue Eule bewachte sie in einem Pappelwäldchen, ungefähr eine halbe Meile entfernt.
Charles roch kalte Asche. Ein Feuer war sorglos oder hastig zugeschüttet worden. Die Pferdeäpfel im Pferch waren mindestens einen Tag alt; beschlagene Pferde hatten den Boden aufgewühlt. Niemand würde hier eine Farm aufbauen, sagte sich Charles. Sie hatten die Basis einiger abtrünniger Händler gefunden.
Eine schlammige Stiefelspitze tauchte an der entfernten Hausecke auf. Magic Magee glitt um die Ecke und schob sich mit dem Rücken zur Wand voran. Das Nachmittagslicht verblaßte schnell und nahm eine seltsame grünlich-goldene Färbung an. Von Westen her schoben sich die Wolken eines gewaltigen Sturms auf das Haus zu, wie ein am Himmel ausgerollter Teppich. Magee beobachtete Charles, wartete auf ein Zeichen. Der schwarze Mann trug seine Melone mit der Truthahnfeder; nichts an seiner Kleidung wies auf einen Soldaten hin.
Charles lauschte an der Plankentür. Nur eine sehr laute Stimme hätte das Toben des Sturms übertönen können. Er hörte nichts. Der Wind trocknete den Schweiß, der sich in Charles' Bart sammelte. Magee kroch näher heran, zur anderen Seite der Tür. Charles hielt drei Finger hoch, zählte dann lautlos. Bei drei sprang er vor die Tür und trat sie mit dem Stiefel auf. Ein gewaltiges, schweres Ding sauste aus der Dunkelheit direkt auf sein Gesicht zu. Er feuerte zweimal.
Das Echo der Schüsse ging im Sturm unter. Magees Blick folgte dem Vogel, der dicht über Charles' Kopf gestrichen war. »Ein Helfer von Graue Eule.«
Die Eule verschwand in der dunklen Wolkenmasse. Mit schußbereitem Colt sprang Charles ins Haus. Er roch Tabakrauch neben dem stärkeren Aschegeruch. Jemand hatte Wasser über das Feuer geschüttet; er sah den Eimer. Alles deutete auf einen schnellen Aufbruch hin.
Er steckte den Revolver weg. »Sag Graue Eule, er soll die Pferde bringen. Wir können genausogut hier vor dem Sturm Schutz suchen.«
Magee nickte und ging. Es gab nichts zu sagen. Charles' Entmutigung war offensichtlich.
Der Regen fiel in hämmernden Sturzbächen. Sie zerkleinerten einen alten Stuhl und zündeten das Feuer wieder an. Es sorgte für etwas Licht, konnte aber die durchdringende Feuchtigkeit nicht vertreiben. Die Pferde wieherten. Die Blitze waren grell, der Donner ohrenbetäubend.
Graue Eule kauerte in einer Ecke, seine Decke um sich gezogen. Er sah älter aus. Vielleicht kam es Charles auch nur so vor, weil er sich selbst so fühlte. Er nagte an einem Stück Trockenfleisch und sah Magee zu, der mit einem alten Kartenspiel übte.
Seit zweieinhalb Wochen suchten sie nun schon. Sie hatten einen Bogen nach Südwesten geschlagen, um dem Versorgungslager auszuweichen, und schließlich dieses Haus hier am Wolf Creek entdeckt. Charles hatte gehofft, die Bewohner befragen zu können, aber wer immer sie auch gewesen sein mochten, sie waren ganz plötzlich aufgebrochen, was ihn nervös machte.
Der heftige Regen verstärkte noch seine Mutlosigkeit. Er fiel Stunde um Stunde und würde alle Spuren fortschwemmen, die ihnen vielleicht hätten weiterhelfen können.
Nachdem das Feuer erloschen war, lag Charles noch lange wach. Seine Phantasie gaukelte ihm Bilder seines Sohnes vor, dann wieder sah er Bent vor sich, der gerade George Hazards Frau ermordete und ihren Ohrring stahl. Dieses Detail erfüllte ihn, mehr als alles andere, mit großer Angst und Sorge. Vor Jahren in Texas war Bent wenigstens phasenweise geistig normal gewesen. Jetzt konnte man nicht einmal mehr das von ihm behaupten.
Am Morgen entdeckten sie, daß zwei der Pferde ihre Halterstricke zerrissen hatten und fortgelaufen waren.
Der Sturm hielt bis Mittag an und überflutete tiefergelegene Stellen. Sie bereiteten gerade ihren Aufbruch vor, da fiel Charles der Gesichtsausdruck von Magee auf. Der schwarze Mann sattelte mit düsterem Blick sein Pferd, was ihm gar nicht ähnlich sah.
Graue Eule näherte sich mit einer gewissen Ehrerbietigkeit. »Wie lange suchen wir noch?«
»Bis ich was anderes sage.«
»Es gibt keine Spur, der wir folgen können. Der Mann und der Junge können überallhin gegangen sein. Oder sie sind zurück.«
»Ich weiß, aber ich kann einfach nicht aufgeben. Kehr um, wenn du willst.« Groll schwang in seiner Stimme mit.
»Nein. Aber für Magee ist es nicht leicht, so lange fort zu sein.« Verwundert wartete Charles. »Er hat jetzt eine Squaw. Eine gute Delaware-Frau, deren Mann gestorben ist.«
»Bis er mir sagt, er will zurück, gehen wir weiter. Alle drei.«
Graue Eule empfand Schmerz für seinen Freund. Die Verfolgung war aussichtslos. Nicht einmal der geschickteste Fährtenleser konnte einen Mann und ein Kind aufspüren, wenn die Fährte so alt und das Land so gewaltig und voller Verstecke war.
Mit dem April kamen die Krähen und Kardinalvögel. Nach jedem Schauer gab es Kröten in Hülle und Fülle. Die süß duftende, blühende Fruchtbarkeit des Frühlings erbitterte Charles auf eine irrationale Art und Weise. Nachts versank er in schweren Schlaf mit zahllosen Träumen. Noch nie hatte er sich so erschöpft gefühlt, so ohne jede Hoffnung. Die Gespräche zwischen den Männern waren längst auf das äußerste Minimum reduziert worden und drehten sich nur noch um den Plan für den Tag.
Eines frühen Morgens entdeckten sie in der Ferne eine der südlichen Büffelherden, die mit dem warmen Wetter nach Norden zurückkehrten. Sie töteten eine Büffelkuh, stopften sich mit frisch gebratenem Fleisch voll und packten so viel ein, wie sie essen konnten, bevor es verdarb. Die Bussarde leisteten ihnen Gesellschaft, warteten auf ihren Aufbruch.
Der Zug der Büffel erinnerte Charles an die unendliche Weite des Territoriums. Ein ganzes Armeecorps konnte hier durchziehen, ohne daß sie es bemerkten. Er hatte sich eingeredet, daß man das Territorium absuchen konnte, wie man ein Zimmer absuchte. Er war verzweifelt; er mußte so denken. Jetzt erkannte er, wie lächerlich das gewesen war. Er dachte nun realistischer. Das gehörte sich so für einen Mann, der Partner bei der Jackson Trading Company gewesen war, doch es raubte ihm auch die Hoffnung.
Die Stimmung seiner Begleiter half ihm auch nicht. Magee war mürrisch wegen der Delaware-Frau, und Graue Eule erging es nicht anders, weil er seine Begleiter nicht mit Erfolg führen konnte. Er versagte in dem Punkt, der den Sinn seines Lebens ausmachte.
Stundenlang ritten sie dahin, ohne zu sprechen, jeder in sich selbst versunken. Im Süden stiegen die Wichitas wie Monumente in einem flachen Feld empor. Sie hielten auf die tieferen Hänge der Westseite zu, wo sie Spuren im Überfluß fanden. Eine Menge Indianer hatten hier vor ungefähr einer Woche ihre Tipis aufgebaut. So viele Indianer - nach Charles' Schätzung mehrere hundert -, daß Zeit und Wetter die Spuren noch nicht völlig hatten verwischen können.
Nachdem sie die Nacht über kampiert hatten, machte sich Charles in dem taufunkelnden Morgen zu Fuß auf die Suche. Er entdeckte einen verrosteten Kessel; ein Druck mit dem Daumen machte sofort ein Loch in die dünne Rostschicht. Es mußte ein verarmtes Dorf gewesen sein, das hier gelagert hatte.
Graue Eule trottete heran. »Schau dir das an«, sagte er.
Charles folgte ihm zum Fuß des Berges, wo noch einige Spuren von Schleppstangen zu sehen waren. Er kniete nieder, um sie zu studieren. Zwischen den Stangenspuren sah er die Abdrücke von Mokassins. Er strich mit den Fingern leicht über einen Abdruck, verwischte ihn fast. Der Abdruck gehörte zu einer Frau, einer schwergewichtigen Frau; kein Mann würde Schleppstangen ziehen.
Charles schob seinen schwarzen Hut zurück und sprach das aus, was Graue Eule bereits wußte. »Es gibt keine Hunde mehr. Sie haben sie gegessen. Sie sind am Verhungern. Sie sind nicht aus freiem Willen aufgebrochen; sie sind auf der Flucht. Von hier könnten sie nach Süden ziehen. Oder nach Westen, nach Texas. Vielleicht den ganzen Weg bis in den Llano.«