Graue Eule kannte den Llano - die große Wüste; eine ungastliche Wildnis. »Westen«, nickte er.
Sie ritten mit etwas mehr Energie. Hier hatten sie endlich eine größere Menschengruppe vor sich, von denen einige vielleicht einen weißen Mann und einen Jungen gesehen hatten. Charles wußte, daß jede Wahrscheinlichkeit dagegen sprach, aber zumindest war es ein Krümelchen Hoffnung.
Sie konnten den Spuren eines so großen Zuges leicht folgen, bis zu der Nordgabelung des Red, dann anderthalb Tage weiter nach Nordwesten. Plötzlich stießen sie auf ein Gewirr von Fährten, die Überreste eines anderen Lagers und jenseits des Flusses von Hufen zertrampelte Erde, was darauf hindeutete, daß sich eine zweite große Indianergruppe der ersten angeschlossen hatte.
Graue Eule verließ sie für einen Tag und suchte im Norden und Osten nach Spuren. Er kehrte im Galopp zurück. »Von hier sind alle nach Osten«, sagte er. Trotz der Decke und des warmen Frühlingstages schwitzte er kein bißchen.
Magee kratzte mit dem Fingernagel Vogeldreck von seiner Melone. »Macht nicht viel Sinn. Im Osten liegen die Forts.«
»Egal, sie haben die Richtung eingeschlagen.«
Charles hatte eine Ahnung. »Reiten wir ein Stück den Fluß hoch. Mal sehen, ob wirklich alle nach Osten gegangen sind.«
Am nächsten Morgen fanden sie eine Stelle, wo vielleicht dreißig Hütten gestanden hatten. Am Tag danach fanden sie den Großvater.
Er ruhte in einem Pappelwäldchen; einige wenige Besitztümer aus seinem Medizinbeutel - Federn, eine Klaue, eine Pfeife -waren um ihn herum verstreut. Der Gestank eines entzündeten, fauligen Beines drang durch sein Büffelfell. Er war alt, sein Gesicht zerknittert wie braunes Packpapier. Er wußte, daß sein Tod unmittelbar bevorstand, und zeigte keine Angst vor dem merkwürdigen Trio. Graue Eule befragte ihn.
Sein Name war Starker Vogel. Er erklärte ihnen den Grund für die große Wanderung nach Osten. Ungefähr sechshundert Cheyenne unter den Häuptlingen Roter Bär, Graue Augen und Kleine Robe hatten sich entschlossen, sich lieber den Soldaten in Camp Wichita zu ergeben, als zu verhungern oder im Kugelhagel von General Schleichender Panther zu sterben, der das Territorium nach Widerstand leistenden Banden absuchte. Der Großvater gehörte zu einer Gruppe, die sich mit Roter Bär davongemacht hatte.
»Dreißig Zelte«, sagte er mit dünner Stimme, während sich seine Augenlider zitternd schlossen. »Sie essen jetzt ihre Pferde.«
»Wo, Großvater?« fragte Graue Eule.
»Sie wollten hoch nach Sweet Water. Ob sie's getan haben, weiß ich nicht. Ich kenne dein Gesicht, ja? Du gehörst zum Volk.«
Graue Eule schien eine schwere Last zu tragen. »Vor langer Zeit.«
»Das Alter hat mein Fleisch verrotten lassen. Ich konnte nicht mehr mithalten. Ich bat sie, mich zurückzulassen, ganz gleich, ob die Soldaten mich finden oder nicht. Helft ihr mir beim Sterben?«
Sie hackten Äste ab und bauten eine Beerdigungsplattform in einer der stärksten Pappeln. Charles schleppte den alten Mann hoch, während Magee ihn von unten stützte. Der Gestank war kaum zu ertragen, aber Charles schaffte es, den Großvater niederzubetten, umgeben von seinen wenigen Besitztümern; die warme Sonne schien auf sein altes Gesicht, das gefaßt wirkte und nun sogar ein schläfriges Lächeln zeigte.
Als sie weiterritten, sagte Graue Eule: »Es war edel, ihm auf die Straße in die ewigen Jagdgründe zu helfen. Das war nicht die Tat des Mannes, den sie Cheyenne Charlie nannten. Der Mann, der so viele töten wollte.«
»Ich will jetzt nur noch eines«, sagte Charles. »Ich glaube, jetzt haben wir Glück. Ich glaube, wir werden ihn finden.«
Wieder sprach die blinde Hoffnung aus ihm. Doch der Sonnenschein und der Frühling munterten ihn auf, ebenso wie die Möglichkeit, daß die Leute von Roter Bär vielleicht einen weißen Mann gesehen hatten. Graue Eule warnte Charles und Magee, daß Roter Bär, nun ein Dorfhäuptling, früher ein hitziger, wilder Gemeinschaftshäuptling des Roten Schildes gewesen war, was auch erklärte, warum er vor der Kapitulation zurückgeschreckt war.
Sie entdeckten das Dorf weit oben am rechten Ufer des Sweet Water. Die Cheyenne gaben sich keine Mühe, sich zu verstecken. Kochfeuer schickten ihre Rauchsäulen in den Mittagshimmel. Von einer Anhöhe aus sah Charles durch sein Fernglas mehrere Männer mit zerlumpten Tierfellen auf den Köpfen, die am Rande des Lagers in einem großen Kreis herumstampften. Der Wind trug die schwachen Laute einer von Hand geschlagenen Trommel heran.
Magee spähte durch das Fernglas. Ungewöhnlich scharf sagte er: »Was zum Teufel haben sie zu tanzen? Sind sie nicht am Verhungern?«
»Massaum«, sagte Graue Eule.
»Sprich englisch«, sagte Magee.
»Das ist der Name der Zeremonie«, erklärte Charles. »Sie legen einen bemalten Büffelschädel in einen Graben als Symbol für den Tag, an dem der Büffel auf die Erde kam, und die Tänzer tun so, als wären sie Hirsch und Elch und Wolf und Fuchs. Die Zeremonie ist eine Bitte um Nahrung. Der alte Mann sagte, sie seien am Verhungern.«
Magee fuhr sich mit der Zunge über die oberen Zähne. »Scheinen deswegen auch ganz schön außer sich zu sein.«
»Du mußt ja nicht mitkommen.«
»Oh, doch. Meinst du, ich habe bis hier durchgehalten, um jetzt den Feigling zu spielen, he? Irgend jemand hat mich nicht zu dieser Sorte Soldat ausgebildet.« Magee starrte in Charles' wilde, verstörte Augen, auf den langen Bart, der fast bis zum Bauch reichte, und stieß plötzlich einen bekümmerten Laut aus. »Tut mir leid, wenn ich mich mürrisch anhöre. Ich glaube lediglich, all das ist hoffnungslos. Dein Junge ist tot, Charlie.«
»Das ist er nicht«, sagte Charles. »Graue Eule? Kommst du mit, oder bleibst du hier?«
»Wir gehen.« Der Fährtensucher musterte mit unbehaglichem Gesichtsausdruck das Dorf. »Aber ladet zuerst die Gewehre.«
Es war ein herrlich milder Tag. Kein Tag für Tragödien, für einen verschwundenen Sohn oder einen hungernden Magen. Der Wind trieb flauschige Wolken über den Himmel, die majestätische, langsam dahinziehende Schatten warfen. Durch diese Schatten ritten sie hintereinander im Zickzackmuster, so wie Charles es von Jackson gelernt hatte.
Einer der mit einem Fell bekleideten Tänzer entdeckte sie zuerst. Er zeigte auf sie und stieß einen Schrei aus. Das Trommeln hörte auf. Männer, Frauen und Kinder stürzten auf die Seite des Camps, der sich die Fremden näherten. Die Männer waren in mittleren Jahren oder älter; die Krieger suchten zweifellos irgendwo nach Nahrung. Noch ein gutes Stück außer Rufweite sah Charles die Sonne auf Lanzenspitzen und Messerklingen blitzen. Nirgendwo sprangen Hunde herum. Die Tipis waren verwittert und zerrissen. Ein Hauch von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit lag über dem Dorf.
Der Wind blies ihnen immer noch ins Gesicht. Charles roch Abfälle, Rauch und säuerliche Leiber. Die abgezehrten, zornigen Gesichter hinter den Tänzern gefielen ihm ganz und gar nicht, genausowenig wie der trotzige, wilde Ausdruck auf dem Gesicht des kräftigen alten Kriegers, der mit seiner acht Fuß langen, roten Lanze und seinem runden, roten Schild aus Büffelhaut auf sie zukam. Die Hörner seines Kopfschmucks waren rot, aber das Rot war verblaßt; er hatte sich in Kriegen ausgezeichnet, die viele Winter zurücklagen.
Charles streckte seine Hand mit der Handfläche nach oben aus und sprach den Indianer in dessen Sprache an.
»Wir kommen in Frieden.«
»Seid ihr Jäger?«
»Nein. Wir suchen nach einem kleinen Jungen, meinem Sohn.« Das löste Geflüster bei einigen Großmüttern aus. Auch Magee bekam es mit und zog eine Augenbraue hoch. Diese halb verhungerten alten Frauen mit ihren wäßrigen Augen reagierten so, als wüßten sie, wovon Charles sprach. »Dürfen wir für eine Weile ins Dorf kommen?«