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Häuptling Roter Bär stieß seinen Schild vor. »Nein. Ich kenne den Mann neben dir. Er wandte sein Gesicht vom Volk ab, um den weißen Teufeln in den Forts zu helfen. Ich kenne dich, Graue Eule«, rief er und schüttelte Schild und Lanze. Einer der Tänzer mit einem Fellfetzen auf dem Kopf duckte sich; seine Messerspitze beschrieb kleine, provozierende Kreise.

»Ihr seid Soldaten«, sagte der Häuptling.

Der Häuptling deutete mit seiner Lanze auf den Fährtensucher und brüllte: »Soldaten! Holt Pfeifende Schlange aus dem Massaum-Zelt!«

Magee zog seine Spencer langsam vom Sattel hoch. »Nicht«, sagte Charles auf englisch. »Ein Schuß, und sie zerreißen uns.«

»Schaut so aus, als täten sie das so oder so.« Ein leichtes Zittern schwang in Magees Stimme mit; Charles fürchtete, daß er recht hatte. Mehr als hundert Menschen standen ihnen gegenüber. Was physische Kraft anbelangte, so konnte keiner der Cheyenne ihnen das Wasser reichen. Hunger und Alter hatten sie geschwächt. Zahlenmäßig jedoch hatten sie den Kampf schon gewonnen, noch bevor er begonnen hatte.

»Kennst du diese Pfeifende Schlange?« erkundigte sich Charles bei Graue Eule.

»Priester«, erwiderte Graue Eule fast unhörbar. »Häßliches Gesicht. Als junger Mann verbrannte er sich das Gesicht mit Feuer, um seine magischen Kräfte zu beweisen. Selbst Häuptlinge wie Roter Bär fürchten ihn. Das ist sehr übel.«

Kleine Jungs flitzten vor, um die Pferde zu streicheln. Die Tiere tänzelten nervös beiseite, ließen sich nur mühsam kontrollieren. Indianermütter kicherten und stießen sich gegenseitig an, musterten die Spurenleser, als wären sie eine Fleischlieferung laut Vertrag. Charles wußte nicht, was er tun sollte. Er hatte darauf gewettet, ein verdecktes As zu haben, und hatte dann eine Drei umgedreht.

Ein letzter Versuch. »Häuptling Roter Bär, ich wiederhole, wir wollen nur fragen, ob jemand in deinem Dorf einen weißen Mann gesehen hat, der mit einem kleinen ...«

Die Menge teilte sich wie unter einem Beilhieb. Ein ängstliches, ehrerbietiges Seufzen stieg auf. Der Blick des alten Häuptlings war merkwürdig spöttisch. Der Priester, Pfeifende Schlange, kam den mit menschlichem Abfall übersäten Weg entlang.

MADELINES JOURNAL

April 1869. Die Schule hat einen neuen Globus, eine Weltkarte für die Wand und acht Schülerpulte als Ersatz für die selbstgemachten. Eine Gruppe angesehener Erzieher aus Connecticut plant einen Besuch für den nächsten Monat. Prudence besteht darauf, daß wir die ganze Schule putzen und auf Hochglanz bringen.

Das Kreischen der Sägen und das Rattern der Minenkarren, das ich neben den lieblichen Geräuschen des Hausbaus höre, erinnern mich daran, daß wir uns jetzt auch Fenster für das Schulhaus leisten können anstelle der Läden. Andy wird sie einglasen. Prudence und ich und ein paar von den Jungen können die anderen Aufgaben abends erledigen. Die richtige Arbeit für einsame Frauen: anstrengend, ermüdend. Prudence, stark wie ein Fuhrknecht, wird jeden Monat ein bißchen kräftiger. Obwohl sie immer noch ihre Lieblingspassagen zitiert, entdecke ich jetzt eine gewisse Traurigkeit in ihren Augen. Ich glaube, sie weiß, daß sie eine Jungfer bleiben wird - so wie ich eine Witwe bleiben werde. Zu arbeiten, bis der ganze Körper schmerzt, scheint die beste Medizin gegen Einsamkeit.

Eine andere Art von Trauer teile ich mit Jane. Sie hat mir erzählt, daß sie trotz langjähriger Bemühungen kein Kind bekommen kann. Prudence, die Shermans, Orrys sinnloser Tod - all das scheint irgendwie miteinander verbunden. Legt es Zeugnis davon ab, daß uns nie ein glückliches Leben garantiert wird, sondern nur das Leben selbst?

Bin einem jungen, ärmlich gekleideten Mann auf einem weißen Pferd auf der Uferstraße begegnet. Er grüßte nicht, starrte mich aber an, als würde er mich kennen. Trotz seiner Jugend lag ein grausamer Zug in seinem Gesicht. Er ist kein gutherziger Nordstaatler, der unsere Schule inspizieren will, vermute ich ... Andy sah ihn heute morgen.

Bin ihm wieder begegnet. Grüßte ihn. Er trieb sein weißes Pferd auf mich zu, als wollte er mich niederreiten. Ich mußte mich seitlich ins Unkraut werfen. Einen Augenblick lang blitzte sein Gesicht über mir auf, eine Inkarnation des Hasses ...

... Seit zwei Tagen keine Spur von ihm. Ich hoffe, er ist weitergeritten, um andere zu terrorisieren .

Von dem kleinen Negerfriedhof außerhalb von Charleston hatte man einen schönen Ausblick auf den Ashley. Der Boden um die Grabhügel herum war ein modriger Teppich brauner, verfaulender Blätter. Sträuße verwelkter Sonnenblumen, sogar bräunlicher Löwenzahn lagen auf den Gräbern. Es war ein armseliger, verwahrloster Friedhof.

Des LaMotte betete kniend vor einem Holzkreuz, in das er eine kreisförmige Vertiefung geschnitzt und eine gesprungene Tafel eingepaßt hatte. Über der Platte hatte er eine Inschrift in das Holzkreuz geschnitzt.

JUBA

Du warst treu in wenigen Dingen, so werde ich dich zum Herrscher über viele Dinge machen.

Matt. 25, 21

Wo die Bäume den Blick auf das Wasser freigaben, leuchtete ein silberfarbener Himmel in seltsam drohendem Glanz. Vom Atlantik her wehte ein stärker werdender Nordostwind. Für die Frühlingszeit war es zu kalt. Vielleicht spürte Des auch nur die Auswirkungen der verstreichenden Zeit und der Armut und seiner merkwürdigen Unfähigkeit, mit seinem Feind abzurechnen. Nach der Mühsal des Krieges und den inzwischen verstrichenen Jahren sehnte er sich nicht mehr so wild und heftig nach Rache. Ehre war weniger wichtig als Brot oder das winzige Zim-merchen in der Stadt. >LaMotte-Ehre<, das hatte nun den komischen Klang eines Satzes in fremder Sprache, der sich unmöglich übersetzen ließ.

Seine alten Bindungen an die Vergangenheit waren dahin. Fer-ris Brixham, tot. Sallie Sue, tot. Mrs. Asia LaMotte, tot; vor anderthalb Jahren hatte der Krebs ihr Inneres aufgefressen. Und jetzt Juba; der letzte. Gegen Ende zu war er so verkrüppelt gewesen, daß er nicht mehr von seinem Lager hatte wegkriechen können. Des hatte ihn gefüttert und gebadet und gesäubert, als wäre er irgendein letztes, kostbares Relikt aus einem niedergerissenen Haus. Juba war im Schlaf gestorben, und Des hatte im Schein einer Kerze fast eine Stunde lang die Leiche angestarrt. Das Dahinscheiden seines Dieners erinnerte ihn daran, daß der menschliche Körper auch so schon vergänglich genug war, auch ohne daß man ihn absichtlich irgendwelchen Gefahren aussetzte. Der Heißsporn, der sich Cooper Main auf der Plankenbrücke gegenübergestellt hatte, erschien ihm nun wie ein alberner, ferner Verwandter, der keine Ahnung von den Realitäten des Lebens hatte und dessen Vorstellungen nicht länger Bestand hatten. Des war alt, er war krank; er hatte lange genug gekämpft.

Er machte sich daran, aufzustehen. Das bedurfte einer geistigen Vorbereitung, weil er wußte, daß seine Knie knirschen und schmerzen würden. Merkwürdig, daß die gleichen arthritischen Beschwerden, die Juba gequält hatten, nun auch ihn in viel jüngeren Jahren befielen. Er konnte keinen einzigen Tanzschritt mehr graziös ausführen. Das war ein weiterer Teil seines Lebens, der vorbei war. Die Abnutzungserscheinungen der Jahre zeigten sich in den traurigen Linien seines Gesichts sowie in seinem Karottenhaar, das von den weißen Strähnen nun wie von einem Dreizack durchzogen wurde.

Er wollte sich gerade erheben, da hörte er das Geräusch von Pferdehufen im Friedhof. Stöhnend stand er auf und drehte sich um. Er hatte mit irgendeinem schwarzen Siedler gerechnet und sah nun überrascht einen weißen Mann vor sich. Hinter dem Mann brodelten die Wolken wie schwarze Suppe in einem heißen Kessel.

Der Fremde war jung, kaum mehr als zwanzig. Er trug einen alten, schwarzen Mantel mit hochgestelltem Kragen. Er hatte sich sorgfältig rasiert, aber sein schwarzer Bart schimmerte durch. Die Sonne hatte ihm Nase, Backenknochen und Hände verbrannt. Als der junge Mann von seinem weißlichen Pferd stieg, sah Des seinen Nacken. Rot von der Feldarbeit.