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Während der junge Mann auf Des zukam, nahm dieser weitere Einzelheiten wahr. Etwas stimmte nicht mit dem linken Auge des Fremden; es hatte den starren Ausdruck der Blindheit. Das Pferd ließ Des an die Offenbarung denken: Und der Name, den sie ihm gaben, lautete Tod.

»Sie sind Desmond LaMotte?«

»Das bin ich, Sir.«

»Man sagte mir, ich würde Sie hier finden.«

Des wartete. Der Fremde strahlte eine unterdrückte, wilde Grausamkeit aus. Irgendwie paßte das zu seinem rohen, roten Gesicht, den roten Händen, dem roten Nacken, dem gespenstisch starrenden Auge. Der Anblick machte Des angst.

Er sah keine Waffe, doch seine langen Beine begannen zu zittern, als der Fremde die zahlreichen Taschen seines fadenscheinigen Mantels zu durchsuchen begann. »Ich bin Benjamin Ryan Tillman vom York County, Sir. Ich bin auf Anweisung hergeritten, um mit Ihnen zu sprechen.«

»York County.« Das war ein weiter Weg; noch über Columbia hinaus, nahe der Grenze zu North Carolina. »Ich kenne niemanden im York County.«

»Oh doch«, sagte Tillmann und streckte ihm das entgegen, was er endlich in seinen Taschen gefunden hatte - einen bereits vergilbten Zeitungsausschnitt. Die Überschrift verblüffte Des.

DER KU-KLUX Die Überreste von Detective Barmore entdeckt

Des' Furcht verstärkte sich. Der Nordostwind riß an der Ecke des Zeitungsartikels, der aus irgendeiner Zeitung in Nashville stammte. »Ich verstehe das nicht, Sir«, fing er an.

»Ich bin hier, um es Ihnen zu erklären. In dem Bericht heißt es, daß die Leiche des Mannes in einem Wäldchen gefunden wurde, zusammen mit einem leeren Notizbuch und einem Teil seiner K.-K.-K.-Ausrüstung.«

»Was hat das mit mir zu tun?«

»Ich bin hier, um Ihnen auch das zu erklären. Dieser weiße Mann, Barmore, hat drüben in Tennessee einen Befehl des Großen Drachen nicht ausgeführt.« Tillman nahm den Zeitungsausschnitt aus Des' blasser Hand. »Der Große Drache von Carolina wollte Ihnen zeigen, daß das Unsichtbare Reich keinen Ungehorsam duldet.«

Des spürte plötzlich den heftigen Drang, Wasser zu lassen. Das gute Auge des Fremden glitzerte fanatisch. Der Wind, mittlerweile fast schon ein Sturm, fegte Blätter in wirbelnden Wolken an ihnen vorbei. Alte Äste knirschten und ächzten. Einer brach ab und segelte davon.

»Ich habe nie einen Befehl verweigert«, protestierte Des.

»Und Sie werden auch den nicht verweigern, den ich Ihnen jetzt erteilen werde. Ihre Gruppe kontrolliert den Bezirk nicht so, wie es sich gehört. Jedermann im Staat weiß Bescheid über diese Frau auf Mont Royal, die links und rechts Geld scheffelt mit ihrer Sägemühle und ihrem Phosphat, während sie diese Niggerschule unterhält.«

Des' Magen schmerzte. »Wir haben versucht, die Schule niederzubrennen.«

»Versucht«, sagte Tillman; er spuckte das Wort so heftig aus, daß Des' Gesicht von kleinen Speicheltropfen übersprüht wurde. »Ein Versuch ist nicht gut genug. Ihr habt es verpatzt. Jetzt kommen die verdammten Yankee-Politiker und Bibelwälzer runter, schauen sich die Schule an und loben sie. Das ist ein Gestank in der Nase gottesfürchtiger weißer Männer. Sie müssen das beseitigen, LaMotte. Wenn nicht, dann werden Sie so enden wie Barmore in Tennessee.«

»Wissen Sie überhaupt, wen Sie vor sich haben?« brüllte Des. »Ich habe im ganzen Krieg bei den Palmetto Rifles gekämpft. Ein Eliteregiment. Was haben Sie getan? Zu Hause gesessen mit den anderen rotnackigen Farmerjungen?«

»Sie Scheißkerl von einem Charleston-Snob!« Wieder spuckte er; etwas ungemein Primitives und Gefährliches strahlte von ihm aus. »Zwei Jahre lag ich krank darnieder, versuchte gesund genug zu werden, um in die Armee einzutreten. Ich habe das Licht meines einen Auges verloren, zwei meiner Brüder sind an ihren Kriegsverletzungen gestorben, ein weiterer am Lagerfieber. Ich stehe unerschütterlich für den Süden und die weiße Rasse ein, und dafür habe ich getötet. Ich reite für den Klan im York County, und ich gebe Ihnen nur eine Warnung. Der Große Drache und Carolina wollen hier unten Blut sehen. Niggerblut. Diese Main. Holen Sie Ihre Gruppe zusammen, erledigen Sie die Schule, erledigen Sie dieses Weib. Kapiert?«

»Ja-jawohl.«

»Das gilt auch für den Rest Ihrer Gruppe.«

»Glauben Sie mir, Tillman, ich will doch dasselbe wie Sie. Was der Klan will. Aber letztes Mal trafen wir auf Widerstand, und jetzt wird der Widerstand noch größer sein. Es gibt eine Negermiliz auf Mont Royal.«

»Niemand schert sich darum, ob sämtliche Erzengel mit ihren Harfen und Heiligenscheinen auf Wache stehen«, sagte Tillman. »Entweder das Weib ist in dreißig Tagen erledigt, oder Sie sind erledigt. Ich werde mit Vergnügen zurückkommen, um das Urteil zu vollstrecken.«

Er starrte Des an, bis dieser wegschaute. Dann stopfte er mit einem höhnischen Kichern den Zeitungsausschnitt in die Tasche von Des' Mantel, ging auf sein Pferd zu und schwang sich in den Sattel. »Guten Tag, Sir«, sagte er und ritt vom Friedhof; sein schwarzer Mantel hatte die gleiche Farbe wie der Himmel vor ihm.

Erschöpft lehnte sich Des gegen einen Baum. Er las die Barmore-Story einmal, zweimal. Er bezweifelte nicht die Ernsthaftigkeit der Warnung seines Besuchers. Dieser Fremde, Benjamin Ryan Tillman aus dem York County, gehörte zu den einschüch-terndsten menschlichen Wesen, denen er je begegnet war. Bei seinem Anblick mußte Des an Römer denken, die Christen niedermetzelten, und an spanische Inquisitoren. Carolina würde von diesem jungen Kerl noch hören, falls ihn die Neger nicht zuvor umbrachten, um sich selbst zu retten.

In dem heulenden Wind ritt er auf Jubas Maultier zurück nach Charleston.

Bei Einbruch der Dunkelheit machte er sich auf den Weg zum Dixie-Laden in Summerton. Dort befahl er Gettys, Sprengstoff zu kaufen. Gettys stotterte, das sei zu gefährlich. Des sagte ihm, er solle nach Savannah oder, falls notwendig, nach Augusta reiten. Er sagte ihm, es handle sich um einen Befehl des Klans. Er teilte ihm das Urteil des Klans mit, falls sie versagten. Danach machte Gettys keine weiteren Einwände.

59

Obwohl Pfeifende Schlange mindestens siebzig Winter zählte, bewegte er sich mit der Energie eines jungen Mannes. Nacken und Unterarme wirkten straff und sehnig. Sein schlohweißes Haar war ganz schlicht in der Mitte geteilt und ohne jeden Schmuck zu Zöpfen geflochten. Er trug einen Lederkittel, den die Jahre stumpfgolden gefärbt hatten. Ein schlichter Ledergürtel hielt den Kittel in der Taille zusammen. In Brusthöhe hielt er in der rechten Hand einen Fächer aus goldenen Adlerfedern, zwei Fuß von Spitze zu Spitze.

Charles konnte sich nicht entsinnen, je einen alten Mann mit einer derartigen Aura von Stärke und Kraft gesehen zu haben. Oder menschliche Augen, die so arrogant und unangenehm dreinblickten. Die rechte Iris war hinter aufgeworfenem, gefälteltem Fleisch nur teilweise sichtbar. Narbengesicht hatte eine glatte Haut im Vergleich zu Pfeifende Schlange, der aussah, als wäre sein Fleisch von der Schläfe bis zum Kiefer geschmolzen und anschließend zu harten Kanten und schroffen Furchen zusammengeschoben worden. Einkerbungen wie große, verheilte Nagelwunden zerrissen die Fleischkanten. Der Mann sah abscheulich aus, was ihn um so stärker wirken ließ.

»Sie sagen, sie suchen seinen Sohn«, erklärte Roter Bär dem Priester mit einem Nicken in Richtung Charles.

Pfeifende Schlange betrachtete ihn, fächelte sich dabei mit einer kleinen Drehung seines knochigen Handgelenks Luft zu. Ein rundliches, kleines, nacktes Kind schwankte auf ihn zu, wollte nach ihm greifen. Mit ängstlichen Augen riß seine Mutter es zurück.