Der Priester wedelte mit dem Fächer in Richtung Magee. »Büffelsoldat. Tötet sie.«
»Zum Teufel mit dir«, sagte Charles. »Es gibt auch noch andere schwarze Männer in der Prärie außer Büffelsoldaten. Das ist mein Freund. Er kommt in Frieden. Ich auch. Wir suchen meinen kleinen Jungen. Ein anderer weißer Mann hat ihn gestohlen. Ein großer Mann. Er trägt vielleicht Weibertand. Hier.«
Er zog an seinem Ohrläppchen. Ein älterer Cheyenne bedeckte seinen Mund, während seine Augen hervorquollen. Charles hörte das aufgeregte Gemurmel der Frauen, bevor Roter Bär sie mit einem Blick zum Schweigen brachte. Charles Magen verknotete sich. Sie hatten Bent gesehen.
Der Priester fächelte sich. »Tötet sie.« Die braune Iris verschob sich in dem Narbengewebe. »Zuerst den dort, den Verräter an dem Volk.«
Das Pony von Graue Eule begann zu tänzeln, als strömten unsichtbare Kräfte von dem Priester auf seine Feinde über. Das Pony wieherte. Graue Eule konnte es nur mit Mühe kontrollieren. Sein Gesicht zeigte ein für ihn ungewöhnliches Gefühclass="underline" Furcht.
Magee flüsterte auf englisch aus dem Mundwinkeclass="underline" »Was sagt dieser alte Bastard?«
»Er hat ihnen befohlen, uns zu töten.«
Magee schluckte. »Das lassen sie besser bleiben. Ich möchte hier mit der Wolle auf meinem Kopf wieder rauskommen. Ich möchte Schöne Augen wiedersehen.« Die Squaw, vermutete Charles. »Ich werde hier nicht ins Gras beißen. Ich bin von niggerhassendem Saloonabschaum verprügelt ...«
Der Priester winkte mit seinem Fächer, rief in Cheyenne: »Schluß mit dieser fremden Zunge.«
»Ich bin von weißen Soldaten runtergemacht worden, die es nicht mal wert waren, die Stiefel eines echten Mannes zu putzen. Ich werde mich doch nicht von einem alten, fächerwedelnden Indianer so einfach von der Erde fegen lassen!« Ein seltsamer, aus der Furcht geborener Zorn trieb Magee an. Er wedelte mit seiner Melone, so wie Pfeifende Schlange mit seinem Fächer gewedelt hatte. »Sag ihm, er soll es nicht wagen, einen Zauberer anzurühren.«
»Einen was?« Charles war so verblüfft, daß er den Rest nicht mehr herausbrachte.
»Der größte, gemeinste aller schwarzen Zauberer dieses Universums. Das bin ich!« Magee warf die Arme wie ein Prediger in die Luft; er befand sich wieder in Chicago, eingekreist, und nur sein Witz und seine Geistesgegenwart konnten verhindern, daß er verprügelt wurde.
Roter Bär wich vor ihm zurück. Ein fetter Großvater legte schützend einen Arm um seine Frau. Magee wirkte unheilvoll, wie er da brüllend mit erhobenen Armen auf seinem Pferd saß. »Ich werde dieses Dorf mit Wind, Hagel und Feuer dem Erdboden gleichmachen, wenn sie uns anrühren oder uns nicht das sagen, was wir wissen wollen.« Ein Augenblick des Schweigens. Dann brüllte er Charles wie ein Hauptfeldwebel an: »Sag's ihnen, Charlie!«
Charles übersetzte. Wo er zögerte, beispielsweise bei dem Wort für Hagel, sprang Graue Eule helfend ein. Pfeifende Schlange fächelte schneller. Roter Bär beobachtete den Priester, wartete auf dessen Reaktion; momentan hatte Pfeifende Schlange das Kommando. »Er ist ein großer Zauberer?« fragte Pfeifende Schlange.
»Der größte, den ich kenne«, sagte Charles und fragte sich, ob er verrückt geworden war. Doch was hatten sie für eine Alternative? Höchstens den sofortigen Tod.
»Ich bin der größte Zauberer«, sagte der Priester. Charles übersetzte. Magee, mittlerweile ruhiger, schnaubte.
»Alter Angeber.«
»Nein«, sagte Charles und deutete auf Magee. »Er ist der Größte.«
Zum erstenmal lächelte Pfeifende Schlange. Er besaß nur noch vier weit auseinanderstehende Zähne im Oberkiefer. Sie sahen aus wie Fangzähne, so als hätte er sie zurechtgefeilt.
»Bringt sie ins Dorf«, sagte er zu Roter Bär. »Gebt ihnen zu essen. Nach Sonnenuntergang werden wir sehen, wer der größte Zauberer ist. Danach werden wir sie töten.«
Über den Rand seines Federfächers musterte er Magee. Er lachte auf, ein trockenes Kichern. Dann wandte er sich ab und marschierte majestätisch ins Dorf zurück.
Magee schaute benommen drein. »Mein Gott, ich hätte nie gedacht, daß er darauf eingehen würde.«
»Kannst du ihm was vorführen?« flüsterte Charles.
»Ein paar Sachen hab' ich dabei, wie immer. Aber das ist nur Kleinkram. Dieser alte Indianer, der hat was an sich. So als würde der Teufel in seinem Ohr singen.«
»Er ist nur ein Mensch«, sagte Charles.
Graue Eule schüttelte den Kopf. »Er ist mehr als das. Er steht mit dem allmächtigen Geist in Verbindung.«
»Lord«, sagte Magee. »Und ich habe nichts weiter als ein paar Saloontricks.«
Der Sonnenglanz über der Prärie wirkte plötzlich kostbar und wertvoll; dieser Morgen mochte der letzte sein, den sie je sehen würden.
Die Cheyenne brachten die drei in ein stinkendes Tipi und stellten ein paar alte Männer als Wachposten davor. Eine Frau brachte Schüsseln mit kaltem, ungenießbarem Stew. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit entzündeten die Dorfbewohner ein riesiges Feuer; Flöte und Handtrommel machten Musik.
Eine Stunde ging mit Gesängen und Tänzen vorbei. Charles kaute auf seiner letzten Zigarre herum, hegte und pflegte die abergläubische Gewißheit, daß sie hier nicht lebend herauskommen würden, wenn er sie rauchte. Graue Eule saß in seine Decke gewickelt da, als würde er schlafen. Magee öffnete seine Satteltaschen, wühlte darin herum, machte Bestandsaufnahme, schloß sie wieder; zehn Minuten später fing er damit wieder von vorn an. Das Trommeln wurde lauter. Charles schätzte, daß ungefähr zwei Stunden vergangen sein mochten, als Magee aufsprang und gegen seine Satteltaschen trat. »Wie lange wollen sie uns noch auf die Folter spannen?«
Graue Eule hob den Kopf. Seine Augenlider hoben sich. »Der Priester will, daß du dich so fühlst. Er kann dann ein anderes, ruhiges Gesicht zeigen.«
Magee blies die Backen auf. Charles sagte: »Ich wollte, ich hätte uns nicht in diese Situation .«
»Das hab' ich getan«, sagte Magee fast knurrend. »Ich habe uns in diese Situation gebracht. Ich werd' uns auch wieder rausbringen. Selbst wenn ich bloß ein Niggerzauberer aus dem Saloon bin.«
Ein paar Minuten später wurden sie von den Wachen hinausgeführt. Schweigen senkte sich über den Menschenring um das Feuer herum. Die Männer saßen. Frauen und Kinder standen hinter ihnen.
Es war ein windstiller Abend. Die Flammen stiegen senkrecht empor, Funken schossen zu den Sternen hoch. Pfeifende Schlange saß neben Häuptling Roter Bär. Letzterer zeigte ein verwaschenes Lächeln, als hätte er getrunken. Pfeifende Schlange war gefaßt, wie Graue Eule es vorausgesagt hatte. Sein Fächer lag in seinem Schoß.
Für Charles wurde ein Sitzplatz freigemacht. Roter Bär bedeutete ihm, sich zu setzen. Graue Eule wurde grob zu den Frauen gezerrt, eine weitere Strafe für seinen Verrat. Der Großvater links neben Charles zog ein Messer aus seinem Gürtel und prüfte die Klinge, während er Charles starr ansah. Charles kaute auf seiner kalten Zigarre herum.
Roter Bär sagte: »Anfangen.«
Magee legte seine Satteltaschen flach auf den Boden. Charles betrachtete den Kreis um das Lagerfeuer wie eine Uhr. Magee befand sich auf zwölf Uhr, Pfeifende Schlange auf neun Uhr, er selbst saß auf drei Uhr und Graue Eule hinter ihm zwischen vier und fünf.
Magee räusperte sich, blies in seine Hände, griff nach seiner Melone und ließ sie über die ganze Länge seines Armes in seine Hand rollen. Ein alter Großvater lachte und klatschte. Pfeifende Schlange schoß ihm einen Blick zu. Er hörte auf zu klatschen.
Magee, bereits schweißglänzend, zog ein blaues Seidentuch aus einer Satteltasche und stopfte es in seine geschlossene Faust. Er sang dazu: »Kolonne rechts, Kolonne links, im Laufschritt, Hokuspokus.«
Roter Bär zeigte ein leichtes, neugieriges Stirnrunzeln. Pfeifende Schlange fächelte. Charles' Magen wog mindestens zwanzig Pfund. Sie waren dem Untergang geweiht.