Magee zog ein schwarzes Tuch aus seiner Faust und öffnete sie dann, um zu zeigen, daß sie leer war. Er wedelte mit dem Tuch wie ein Stierkämpfer, führte beide Seiten vor und setzte sich wieder. Pfeifende Schlange ließ sich herab, Charles einen Blick zuzuwerfen. Die vier gefeilten Zähne blitzten in überlegener Verachtung auf.
Pfeifende Schlange übergab Roter Bär feierlich seinen Fächer. Er erhob sich. Unter seiner Robe holte er einen Beutel aus rotem Flanell hervor. Er drehte ihn um, zeigte beide Seiten, ballte ihn wieder zusammen. Dann begann er plötzlich mit einem Singsang und hüpfte dazu tanzend im Kreis herum. Während er sang und tanzte, hielt er die oberen Ecken des Beutels mit Daumen und Zeigefinger jeder Hand.
Die Köpfe zweier Schlangen mit glitzernden Augen stiegen plötzlich aus dem Maul des Beutels. Die Leute japsten. Für einen Augenblick war Charles verblüfft. Dann, als die Schlangen wieder in den Beutel zurücksanken, fiel ihm ihre mangelnde Beweglichkeit auf. Magee, der mit untergeschlagenen Beinen neben seinen Satteltaschen saß, warf ihm einen angewiderten Blick zu. Auch er hatte die Schlangen als das erkannt, was sie waren: Schlangenhaut, über Holz geklebt.
Die Cheyenne jedoch hielten es für einen beeindruckenden Trick. Singend und tanzend drehte Pfeifende Schlange eine ganze Runde um das Feuer und führte in jedem Viertel die sich aufbäumenden Schlangen vor. Er beendete die Runde und knüllte den Beutel zusammen, bevor er sich setzte. Mit offensichtlicher Befriedigung fächelte er sich Luft zu.
Die Gesichter der Cheyenne glänzten im Schein des Feuers. Die Atmosphäre eines beschwingten Wettkampfes war verschwunden. Pfeifende Schlange starrte den schwarzen Soldaten an, als wäre er ein Wild, das gekocht und verspeist werden sollte.
Magee förderte einen mit Stachelschweinborsten besetzten Beutel zutage. Dem Beutel entnahm er drei weiße Hühnerfedern. Er steckte zwei davon in seinen Ledergürtel und verwandelte die dritte in einen weißen Stein. Er hielt den Stein in seinem Mund, während er die beiden anderen Federn verwandelte. Nacheinander nahm er die drei Steine aus seinem Mund, fuhr mit einer Hand darüber und verwandelte die Steine wieder in Federn. Als er wieder drei Federn im Gürtel stecken hatte, verbarg er sie unter einer Hand und strich mit der anderen darüber. Er öffnete den Mund und holte drei Federn hervor. Er zeigte seine leeren Hände, griff hinter den Kopf eines sitzenden Mannes und produzierte drei weiße Steine.
Er musterte die Menge, wartete auf ein Zeichen der Verblüffung oder des Beifalls. Er schaute in harte, funkelnde Augen. Charles erkannte, daß Magee während des Tricks keine geheimnisvollen Worte oder irgendeinen Singsang von sich gegeben hatte. Mit niedergeschlagener Miene setzte sich der schwarze Soldat wieder hin.
Pfeifende Schlange erhob sich mit überlegener Arroganz. Wieder reichte er dem Dorfhäuptling seinen Fächer. Er zeigte der Menge seine Handflächen; Charles sah die kräftigen Muskeln an seinen Unterarmen. Singend trat der Priester mit zurückgeworfenem Kopf dicht an das Feuer heran und hielt seine rechte Handfläche direkt in die Flamme.
Langsam senkte er die linke Hand ab, bis sie sich neben der rechten befand. Sein Gesicht zeigte kein Anzeichen von Schmerz. Seine Stimme schwankte nicht. Magee saß steif wie ein Pfosten da; in seinen Augen lagen Neugier und Bewunderung. Momentan hatte er vergessen, daß der Cheyenne ihn töten, ihm seine Wolle nehmen und in seinem Zelt aufhängen wollte. Der Zauber hatte ihn gepackt.
Ein großes Seufzen - »ah! ah!« - lief durch den Kreis, gefolgt von Lächeln, Grunzen und verächtlichen Blicken in Richtung der drei Eindringlinge. Langsam nahm Pfeifende Schlange seine linke Hand aus dem Feuer. Dann seine rechte Hand. Die weißen Härchen auf seinem Unterarm kringelten sich, winzige Rauchwölkchen stiegen auf. Seine Handflächen zeigten keine Blasen, hatten sich nicht einmal verfärbt.
Charles schaute Graue Eule an, dessen Gesicht soviel Ausdruck zeigte wie die Granitfelsen der Wichitas. Zweifellos versuchte er das zu verbergen, was sie alle ohnehin wußten. Magee warf Charles einen weiteren, fast schon entschuldigenden Blick zu. Charles lächelte, als wollte er ihm sagen, er solle sich keine Sorgen machen. Magee stand mit bedrücktem Gesichtsausdruck auf. Charles griff sich einen Zweig aus dem Feuer und zündete mit dem glühenden Ende seine letzte Zigarre an.
Aus einer Satteltasche holte Magee einen Lederbeutel, den er vorsichtig auf den Boden legte. Dann nahm er ein kleines, handgeschnitztes Holzkistchen heraus, das er öffnete und zur Schau stellte. Das Kistchen enthielt vier bleifarbene Kugeln, wie sie Charles seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Magee griff nach einer Kugel und plazierte sie sorgfältig zwischen seine Zähne. Danach schloß er die Kiste und stellte sie beiseite. Mit einer flüssigen Handbewegung riß er einen Revolver aus der Satteltasche.
Mehrere Cheyenne sprangen auf, hielten ihre Messer und Lanzen bereit. Magee machte schnell das Friedenszeichen. Er balancierte den Revolver auf seiner Handfläche und drehte sich langsam im Kreis, damit ihn alle sehen konnten. Wo hatte er nur einen alten Steinschloßrevolver aufgetrieben, wunderte sich Charles. Der Lauf wies keinen Rost auf. Magee hatte ihn sehr sorgfältig geputzt.
Mit langsamen, feierlichen Bewegungen öffnete Magee den Lederbeutel, drehte ihn um und ließ Pulver in den Lauf rinnen. Plötzlich stampfte er zweimal mit dem rechten Fuß auf, als hätte ihn ein Insekt gestochen. Genau wie die anderen schaute Charles nach unten und konnte nichts erkennen.
Magee stoppte den Fluß des Pulvers und warf den Beutel beiseite. Er entdeckte einen Flicken in seiner Tasche und wickelte ihn um die Kugel, die er zwischen den Zähnen gehabt hatte. Er ließ Kugel und Flicken in den Lauf gleiten, löste den darunter festgeklemmten Ladestock und stopfte mit sorgfältig drehenden Bewegungen die Kugel fest. Dann bestreute er die Zündpfanne.
Über Magees Backen liefen dicke Schweißtropfen. Er wischte sich die Hände an seinen Hosen ab. Dann gab er Charles ein Zeichen, sich zu erheben.
Verblüfft folgte Charles dem Signal. Magee warf Roter Bär einen Blick zu. Die Aufmerksamkeit des Häuptlings konzentrierte sich auf ihn. Pfeifende Schlange bemerkte es und runzelte die Stirn. Sein Fächer bewegte sich schneller.
»Was ich zuvor gezeigt habe, war nur Spielerei«, sagte Magee. »Ich werde vor ihren Augen König Tod töten. Übersetz es ihnen.«
»Magic, ich verstehe nicht, was ...«
»Sag's ihnen, Charlie.«
Er übersetzte. Hände fuhren hoch und bedeckten Münder. Das Feuer krachte und rauchte. Wenn Schweigen Gewicht hatte, dann war dies erdrückend.
Magee machte eine präzise militärische Kehrtwendung. Mit seinen Händen vollführte er eine teilende Bewegung. Die vor ihm Sitzenden sprangen auf und schoben sich beiseite, bis ein Weg von einem Meter Breite frei war. Magee winkte Charles mit gekrümmtem Finger heran. Er reichte Charles die Steinschloßpistole und sah ihm fest und ernst in die Augen.
»Wenn ich es sage, dann erschießt du mich.«
»Was?«
Magee brachte seinen Mund dicht an Charles' Ohr: »Du willst doch hier raus, oder? Dann tu's.« Er gab einen schmatzenden Laut von sich, als hätte er dem weißen Mann einen Kuß gegeben. Einige Cheyenne kicherten über die merkwürdigen Sitten der Eindringlinge.
Magee drückte die Krempe seiner Melone nach unten; der Schatten teilte seine Nase. In dem Schatten glänzten seine Augen wie Elfenbeinscheiben. Er machte zehn lange, schnelle Schritte den geräumten Weg entlang, in der Haltung des perfekten Soldaten. Er hielt an, knallte die Hacken zusammen. Machte eine exakte Kehrtwendung. Er stand einen Fuß von einem Tipi mit einem großen, gezackten Loch in der Seite entfernt.
»Richte die Pistole auf mich, Charlie.«
Mein Gott, wie konnte er das?
»Charlie! Ziel auf meine Brust. Genau in die Mitte.«