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Charles spürte, wie der Schweiß in seinen Bart lief. Pfeifende Schlange sprang auf; sein Fächer zuckte hin und her. Auch Roter Bär erhob sich. Charles spannte den Hahn. Magees Hemd saß straff über Rippen und Bauch. Charles' Arm zitterte, als er ihn ausstreckte. Er konnte nicht - er würde nicht ...

Magic Magee sagte: »Jetzt.«

Er sagte es laut, ein Befehl. Charles reagierte auf den Tonfall ebenso wie auf das Wort. Er feuerte. Funken sprühten, trafen die Zündpfanne, die Pistole knallte und ruckte nach oben.

Charles sah eine kleine Staubwolke aufsteigen, als hätte irgend etwas Magees Brust einige Zentimeter unterhalb des Brustbeins getroffen. Magee taumelte einen langen Schritt zurück, schloß die Augen, spreizte die Hände; seine Finger bebten, als wären sie vom Blitz getroffen worden. Dann fielen seine Arme schlaff herunter. Er schlug die Augen auf. Der Fächer von Pfeifende Schlange hing leblos an seiner Seite.

»Wo ist die Kugel?« kreischte Pfeifende Schlange. »Wo hat sie getroffen?«

Mit Exerzierplatzstimme sagte Magee: »König Tod ist tot. Ihr werdet unsere Fragen beantworten und uns ohne Harm ziehen lassen, oder ich werde König Tod zurückholen, der auf den Winden des Hagels und des Feuers reitet und dieses Dorf vernichten wird.« Er brüllte: »Sag's ihnen!«

Charles übersetzte schnell. Die Wachen von Graue Eule hatten sich von ihm zurückgezogen, von der gleichen tiefen Ehrfurcht ergriffen wie er selbst. Während Charles die Worte ausspuckte, sich bemühte, sie ebenso wild und grimmig wie bei Magee klingen zu lassen, musterte er das Hemd. Nirgendwo war ein Riß zu sehen. Magee bürstete sein Hemd ab, als hätte ihn dort irgendwas gekitzelt.

Roter Bär lauschte den Drohungen und sagte sofort: »So sei es.« Pfeifende Schlange kreischte protestierend auf. Der Laut zerbrach den Zauber. Die Cheyenne stürmten vorwärts, drängten sich um Magee, berührten ihn, tätschelten ihn, betasteten seine schwarzen Locken. König Tod war tot, und inmitten der drängenden, lachenden Menge blitzte das Banner seines Besiegers auf; das vertraute, gewaltige Lächeln von Magee, dem Zauberer.

Roter Bär machte eine Pfeife zurecht, während sich Graue Eule um die Pferde kümmerte. Charles wollte nicht das Risiko eingehen, daß die nachgiebige Stimmung dahinschwand, er wollte keine Zeit und womöglich das Leben verlieren. Doch das Zeremoniell erforderte, daß er sich mit Roter Bär ans Feuer setzte. Magee saß rechts von ihm. Der Dorfhäuptling und mehrere der Stammesältesten ließen die Pfeife herumgehen.

Roter Bär hatte Pfeifende Schlange gezwungen, sich der Gruppe anzuschließen. Als die Reihe an ihm war, reichte er die Pfeife weiter, ohne zu rauchen. Er griff sich eine Handvoll Asche vom Rand des Feuers und schleuderte sie auf Charles' gekreuzte Beine. Das graue Pulver bestäubte Charles' Hosen und Stiefel. Roter Bär stieß einen Ruf aus und beschimpfte den Priester, der lediglich seine Hände abstaubte und die Arme verschränkte. Roter Bär schaute peinlich berührt, Graue Eule empört drein.

Da die Asche keinen Schaden angerichtet hatte, vergaß Charles die Sache. Da er seine Zigarre schon aufgeraucht hatte, war er dankbar für einen tiefen Lungenzug aus der Pfeife, obwohl die unbekannte Gräsermixtur, die die Cheyenne rauchten, ihn wie immer leicht benommen und euphorisch machte - in einer Situation wie der ihren nicht unbedingt empfehlenswert.

Roter Bär verhielt sich nicht nur höflich, sondern auch respektvoll. Er bat Charles, noch einmal den weißen Mann zu beschreiben, den er suchte, und sagte dann: »Ja, wir haben diesen Mann gesehen, zusammen mit einem Jungen. Auf der WhiskyRanch von Glyn, dem Händler, am Vermilion Creek. Glyn ist verschwunden, und sie wohnen dort. Ich werde euch den Weg erklären.«

Er deutete nach Süden. Charles war vor lauter Erleichterung so benommen, daß seine Augen tränten.

Schweigend bildeten die Dorfbewohner eine lange Gasse, durch die sie davontrabten. Charles schaute zurück, überzeugt davon, daß das Glück sich jeden Moment von ihnen abwenden könnte. Hinter sich hörte er Graue Eule lachen, ein tiefes, kehliges Lachen. Eine einsame Gestalt blieb, getrennt von den anderen, am Lagerfeuer zurück. Charles sah, wie Pfeifende Schlange seinen goldenen Federfächer hob und verächtlich davonmarschierte.

Sie ritten die ganze Nacht durch, bevor Charles einen Stopp erlaubte. In der kühlen Morgendämmerung ruhten die erschöpften Männer neben den erschöpften Pferden. Charles kniete neben seinem schwarzen Freund.

»Okay, ich weiß, daß du deine Geheimnisse nicht ausplauderst, aber diesmal wirst du's tun. Also, wie hast du das gemacht?«

Magee kicherte und holte das handgeschnitzte Holzkistchen hervor. Er entnahm ihm eine der runden, grauen Kugeln und hielt sie knapp außerhalb von Charles' Reichweite. »Ein alter Magier auf der Durchreise hat mir in Chicago den Trick beigebracht. Wollte ihn schon immer einem Publikum vorführen, aber bis zu diesem Winter konnte ich mir die dazu nötige Pistole nicht leisten. Habe mein Gehalt dafür gespart. Zuerst hielt ich das Pulver knapp. Hat keiner gesehen, weil alle nach unten schauten, als ich so tat, als hätte mich was gestochen. Ein kleines Ablenkungsmanöver. Aber das ist nur die eine Hälfte, ohne die der Trick nicht funktioniert.«

»Das hier ist eine solide Bleikugel.«

Magee grub seinen Fingernagel in die Pistolenkugel, deren Oberfläche sofort nachgab. »Nein, das ist keine solide Kugel, das ist ein anderes Material, das ich kurz in geschmolzenes Blei getaucht habe.«

Er nahm die Kugel zwischen seine Handflächen und rieb sie kräftig. Dann zeigte er ihnen die zerbröselten Überreste, bräunlichen Staub. »Der Rest ist nichts weiter als guter, alter Schlamm aus Kansas. Hart genug, um ein Haus zu bauen, aber nicht annähernd hart genug, um einen Mann zu töten.«

Er blies auf seine Handfläche. Der Staub blitzte gegen die Sonne auf und verteilte sich auf dem Boden. Er lachte.

»Was hältst du davon, wenn wir jetzt losreiten und deinen Jungen holen?«

Eine Stunde später fiel Charles ein, daß er sich nach der Bedeutung der Asche auf seinen Stiefeln hatte erkundigen wollen. Sofort verlor Graue Eule seine gute Laune. Mit bekümmertem Gesichtsausdruck ritt er dahin, bevor er nach einer Weile antwortete.

»Es ist ein Fluch. Wen die Asche berührt, den wird auch Mißerfolg und Tod berühren.«

60

Diesmal kamen sie von der Uferstraße her angaloppiert. Ihnen lag mehr an Überraschung als an Lautlosigkeit. Ein Dutzend Schwarze, die zur Bezirksmiliz gehörten, wohnten über das ganze Gebiet verteilt in Holzhütten oder kleinen gekalkten Häuschen. Je weniger Zeit ihnen blieb, um mit ihren alten Musketen oder Flinten angerannt zu kommen, desto besser.

Über diese Strategie waren sich die Klansmänner einig, nachdem sie sich an der Kreuzung getroffen hatten.

Zaumzeug klirrte, Sättel knirschten, und Hufe scharrten über die sandige Straße, als sie sich dem weißgetünchten Haus näherten, neben dem sich ein viel größerer, zweistöckiger Bau mit Balken und Sparren erhob. Die Dachbalken zeichneten sich als schräge schwarze Linien gegen die Sterne und das Viertel des Mondes ab. Unter den wuchtigen Bäumen trabten die Klansmänner die Straße zu den alten Sklavenquartieren entlang. Im silbernen Licht des Himmels glänzten ihre Roben und Kapuzen. Ein kurzes Stück rechts vor ihnen sahen sie die erleuchteten Fenster der Schule, hinter denen sich Menschen bewegten. Um so besser.

Des LaMotte, der neben Gettys an der Spitze der Kolonne ritt, spürte, wie sich eine segensreiche Ruhe über ihn senkte. Das war wie eine Heimkehr; wie das Anlegen eines Schiffes nach einer langen, ungewissen Seereise. In dieser Nacht würde alles ein Ende finden.

Die anderen Klansmänner waren genauso zuversichtlich. Einer machte einen Scherz, und ein anderer lachte.

Revolver wurden unter den Roben hervorgeholt. Hähne gespannt. Ein Gewehrlauf schimmerte im Mondlicht. Des hielt sich beide Hände frei. Er führte das Kommando, und er hatte das Privileg, die Lunte zu dem Dynamit anzuzünden.