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»Sind die Ladys allmählich fertig?« fragte Andy; es war mehr ein Gähnen. »Muß bald elf sein.« Er saß an einem kleinen Pult mit eisernen Beinen, das zusammen mit anderen in einer Ecke stand. Mit dem Rücken lehnte er sich gegen die neue Tafel. Ein Band der >Kommentare< von Kent lag in seinem Schoß; einzelne Zeilen hatte er leicht mit einem Bleistift unterstrichen.

Vor fünfzehn Minuten war er von ihrem Häuschen herübergekommen, um Jane abzuholen. Sie, Prudence, Madeline und ein magerer, goldfarbener Elfjähriger namens Esau hatten den Abend damit zugebracht, die Schule zu putzen - einschließlich der glänzenden neuen Fensterscheiben, die Andy am Abend zuvor eingesetzt hatte.

»Mir kommt's viel später vor.« Madeline richtete sich steif und verfroren auf. Der Saum ihres weinfarbenen Rockes war feucht. Sie ließ ihren Putzlumpen in einen Holzeimer fallen. In den Fenstern spiegelten sich zwei auf Stühlen stehende Lampen. »Machen wir Schluß. Die Möbel können wir morgen wieder hinstellen.«

»Esau, es war sehr nett von dir, uns zu helfen«, sagte Jane und strich ihm über den Kopf. »Aber ein Junge in deinem Alter sollte jetzt längst im Bett liegen. Andy und ich werden dich heimbringen.«

»Ich wollte helfen«, sagte der Junge. »Es ist meine Schule.«

Madeline lächelte und schob eine graue Haarsträhne aus ihrer Stirn. Sie war erschöpft, aber es war kein unangenehmes Gefühl. Den ganzen Abend hindurch hatten sie entspannt und locker zusammengearbeitet, und nun erstrahlte die Schule in neuem Glanz - bereit für die Besucher aus Connecticut.

Sie bückte sich nach dem Eimer. Ihr Blick fiel durch das vordere Fenster. Hinter den Reflektionen der Lampen schimmerte etwas Rotes. Sofort wußte sie, wer sich da draußen befand.

Sie konnte gerade noch sagen: »Sie sind da.« Ein Schuß aus einer Schrotflinte zerschmetterte das vordere Fenster. Eine Schrotkugel zupfte an Madelines Ärmel, als sie sich neben der Eingangstür gegen die Wand warf. Eine herumfliegende Glasscherbe riß dem verstörten Esau die Wange auf.

Madeline hörte Pferde und Männer, die das Wort »Nigger« brüllten, und sie wußte, daß das Gefühl des Friedens sie getäuscht hatte. Sie hörten einen Mann rufen: »Zünd das Dynamit!«

»Oh mein Gott«, sagte Jane.

Andy schleuderte sein Buch beiseite. »Jemand muß die Männer von der Miliz wecken. Ich übernehme das. Miss Madeline, bringen Sie die anderen hinten raus.«

Mit brechender Stimme sagte Jane: »Nein, das wirst du nicht tun. Sie sind direkt vor der Tür.«

»Ich renne zwischen den Bäumen neben der Straße entlang. Schluß mit dem Gerede! Bewegt euch!« Er gab ihnen einen leichten Stoß, zuerst Madeline, dann Prudence, die von der Arbeit immer noch außer Atem war; sie war zu kräftig, um weit rennen zu können. Madeline zog Esau an sich, umklammerte seinen Kopf mit einer Hand.

»Kommt raus, Nigger. Wenn ihr drin bleibt, werdet ihr sterben.«

Madeline erkannte die Stimme von Gettys. Andy schleuderte den Globus durch das Seitenfenster. Das Ablenkungsmanöver löste eine Salve auf dieser Stelle des Gebäudes aus. Andy nutzte den Krawall aus und zerbrach mit seinem Gesetzbuch das hintere Fenster. Wieder stieß er Madeline voran. »Beeilt euch!«

Jane blieb zurück; Tränen strömten über ihre Wangen. Sie wußte, was passieren konnte, wenn er Hilfe holte. Ihre dunklen Augen waren in lautloser Bitte auf ihn gerichtet. Sein Blick sagte nein. Er gab ihr einen schnellen Kuß auf die Wange und murmelte zum Abschied: »Vergiß nicht, daß ich dich liebe. Und jetzt los.«

Madeline kletterte durch das Fenster. Dann hob Prudence Esau durch die zackige Öffnung, und Madeline half ihm auf den Boden. Andy sprang durch das Seitenfenster und rannte in die Dunkelheit hinein.

Ein Klansmann schrie: »Da rennt einer.« Pferde wieherten. Mindestens zwei Reiter machten sich an die Verfolgung. Der Donner von drei Gewehrschüssen hallte durch die Nacht, kam als Echo zurück. Jane war gerade eben hinter Prudence auf den Boden gesprungen. Sie stieß einen schrecklichen, abgehackten Schrei aus, in dem sich Kummer und Schmerz mischten. Sie wußte, er war tot.

»Das Dynamit!« brüllte jemand vorne.

»Brennt!« schrie ein anderer. Etwas klatschte drinnen auf und rollte über den Boden.

Madeline stieß Prudence vor sich her und zerrte Esau mit. »Weg von dem Gebäude! Rennt!«

»Wohin?« japste Prudence.

»Geradeaus«, sagte Madeline. Direkt vor ihnen lag ein dichter Gürtel Wassereichen, zwischen denen stacheliger Yucca wuchs. Wenn sie diesen Gürtel durchbrechen konnten, hatten sie den Sumpf erreicht. Der Pfad durch den Sumpf war fest, aber schmal und selbst in hellem Tageslicht schwierig zu finden. Für eine erfolgreiche Flucht brauchten sie Glück und den hellen Mondenschein.

»Faßt euch an den Händen«, sagte sie und tastete nach Prudences plumpen Fingern, die vor Angst kalt und feucht waren. Mit der anderen Hand zog sie Esau in die Finsternis hinein, die sich wie eine Wand hinter der Schule auftürmte.

Niedrige Yuccas bohren ihre Stacheln in Madelines Beine. Spanisches Moos strich über ihr Gesicht, wie drohende Hände. Sie konnte nichts erkennen. Sie hatte vergessen, wie dicht und tief der Wald hier war.

Esau fing an zu weinen. Hinter ihnen brach eine feurige Hölle auf und überschüttete die Nacht mit rotem Licht. Sie spürten die Erschütterung, als das Dynamit die Schule in die Luft jagte. Madeline sah ein halbes Pult durch den grellen Schein segeln, als wäre es ein Luftballon. Sie rannten weiter, hörten hinter sich das Triumphgeschrei der Klansmänner.

Madeline rannte schneller. Schmerz durchflutete ihre Brust, als ihr Atem immer mühsamer ging. Die Schule war dahin. Andy war tot. Prudence weinte. »Ich kann nicht schneller, ich kann nicht.«

»Dann sterben wir alle.« Mit großer Willensanstrengung rannte Madeline durch ein Klettengesträuch, das ihr den Saum zerriß und ihre Knöchel zerkratzte. Aber sie waren durch die Bäume durch - und standen im flachen Wasser, vor ihnen der mondhelle Salzsumpf.

Sie suchte mit ihren Blicken den Sumpf ab, versuchte den Pfad nach Summerton zu erkennen. Sie war ihn oft gegangen, aber stets nur bei Tageslicht, und in ihrer Panik schien ihre Erinnerung sie nun im Stich zu lassen. Der sich im Wasser spiegelnde Mond und die Unkrautbüsche verwirrten sie noch mehr.

»Sie kommen«, flüsterte Jane. Madeline hörte es.

»Hier entlang.« Sie marschierte über eine schlammige Fläche, insgeheim betend, ihre Erinnerung möge sie nicht täuschen.

Zwei Klansmänner zu Fuß zerrten Andys Leiche aus der Dunkelheit in den Feuerschein. Sein Hinterkopf fehlte, und sein Hemd war dunkelrot getränkt vom Kragen bis zur Taille. Des betrachtete die Leiche, dann riß er sich die Kapuze herunter und rannte um die brennenden Überreste der Schule herum.

»Ich habe gesehen, wie sie zu den Bäumen rannten.« Mit seinem alten Walker-Colt wedelte er in diese Richtung.

»Ich komme mit dir«, sagte Gettys unter seiner Kapuze hervor.

»Du bleibst hier und übernimmst das Kommando über die anderen. Vielleicht tauchen ein paar Jungs von dieser Niggermiliz auf. Dann zieht ihr euch zurück und zerstreut euch.«

»Des«, Gettys jammerte wie ein Kind, dem ein Spielzeug verwehrt wurde, »ich habe genauso lange wie du darauf gewartet, endlich dieses Bastardweib erledigen zu können. Ich habe genauso viele Rechte ...«

Des rammte ihm die Mündung des alten Colts unter das Kinn. »Du hast überhaupt keine Rechte. Ich führe das Kommando.« Er mußte sich beeilen. Er durfte sich jetzt nicht mehr um den Erfolg bringen lassen. Und da war immer noch Till-mans Warnung.

Gettys blieb stur. Wieder wollte er protestieren. Mit der Revolverhand schlug Des so hart auf Gettys' Kapuze, daß der Ladenbesitzer beinahe gestürzt wäre. Gettys sah den irren Glanz in Des' Augen. Mit dem blassen Dreizack in seinem Karottenhaar sah er wie eine Art Teufel aus.