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»Schon gut. Sie gehören dir.«

Madeline spürte, wie die anderen zögerten; auch sie war unschlüssig. Sie befanden sich in knöcheltiefem Wasser, kämpften sich über schlammigen Grund, der sie saugend festzuhalten versuchte. Die Spiegelungen des Mondes auf dem Wasser täuschten das Auge. Irgendwo mußte sie von dem schmalen Pfad abgewichen sein. Und Prudence stand kurz vor dem Zusammenbruch. Schluchzend stolperte sie dahin.

»Oh, Herr Jesus.« Das war Jane, die sich auf ein plötzliches Geräusch hin umgedreht hatte. Madeline, die Esaus Hand fest umklammert hielt, blieb stehen.

Zuerst hörte sie das Planschen ihres Verfolgers. Er gab sich keine Mühe, leise zu sein. Dann sah sie ihn, eine große, unbeholfene Gestalt mit riesigen Händen. Eine dieser Hände hielt einen Revolver.

»Euch Nigger hol' ich mir.« Die klare, kräftige Stimme rollte über den Sumpf. Ein erschrockener Reiher stieg aus dem Unkraut auf und flatterte davon. »Heute nacht werdet ihr sterben, alle werdet ihr sterben.«

Prudence stöhnte auf. Mitten im Wasser sank sie auf die Knie, die Hände gefaltet, den Kopf gesenkt, und begann ein Gebet zu murmeln.

»Wirst du gleich aufstehen?« Wütend beugte sich Madeline über die Lehrerin. Nur das rettete sie, als Des in diesem Moment zwei Schüsse abfeuerte. Esau fing wieder an zu weinen.

Madeline schüttelte Prudence. »Wenn du nicht aufstehst, dann tötet er uns. Wir müssen weiter.«

Er kam auf sie zu, eine seltsame, schreckliche Vogelscheuche, die mit drohend erhobener Waffe durch den Sumpf tanzte. Die drei Frauen und der Junge fingen an zu rennen. Madelines Kummer wurde fast unerträglich; heute nacht ging alles zu Ende. Die Schule, Andy, ihr eigenes Leben. Diese lächerlichen Kapuzenmänner besaßen immer noch die Macht zu zerstören.

Sie fand den Pfad. Zehn Meter folgte sie ihm, dann stolperte sie und verdrehte sich arg den Knöchel. Prudence war schon wieder außer Atem, wollte aufgeben. Jane riß an Prudences Arm, wie wenn es sich um das Zugseil eines widerspenstigen Maultiers gehandelt hätte. Die Nacht war friedlich bis auf den schweren Atem der Fliehenden und das gleichmäßige Planschen von LaMotte, der immer näher kam. Näher. Noch näher.

Er gab einen dritten Schuß ab. Prudence warf die Arme über den Kopf, dann stürzte sie und verschwand unter der Wasseroberfläche.

Jane bückte sich, tastete im Wasser herum. »Ich kann sie nicht finden. Ich kann nicht - doch, ich hab' sie.« Stöhnend zerrte sie Kopf und Schultern der Lehrerin aus dem Wasser. Prudences Augen waren ohne jedes Leben. Madeline biß auf ihre Fingerknöchel; Prudences Hoffnungen waren vergeblich gewesen.

Esau schnüffelte, mühte sich, nicht zu weinen. Madeline packte seine Hand und zog ihn weiter. Sie weigerte sich, ihre eigene Exekution widerstandslos hinzunehmen, auch wenn sie wußte, daß sie am Ende waren. Janes vom Mond erhelltes Gesicht zeigte, daß sie es ebenfalls wußte. Mit Esau in der Mitte marschierten sie weiter, ein letzter trotziger Akt vor dem Untergang.

Zwischen dem Verfolger und der Stelle, wo Prudence gefallen war, schwamm der große Alligator lautlos unter Wasser. Von der Schnauze bis zur Schwanzspitze maß er sechzehn Fuß und wog sechshundert Pfund. Seine dunklen Halbkugelaugen durchbrachen die Wasseroberfläche. Es gab viel Unruhe im Wasser; direkt vor ihm lauerte etwas Bedrohliches. Die Schnauze des Alligators schob sich aus dem Wasser, als sich seine Kiefer öffneten.

Des wußte, daß sie ihm nicht mehr entrinnen konnten. Sie rannten nicht mehr, sondern liefen in einem Tempo, bei dem er sie in ein paar Minuten einholen würde. Er war klitschnaß und schlammverschmiert, fühlte sich aber gleichzeitig merkwürdig beschwingt und heiter; er schien durch das Wasser zu tanzen, wie er viele Jahre lang über die polierten Tanzböden der großen Häuser getanzt hatte, die von den Yankees zerstört worden waren, zusammen mit allem anderen, was im Süden gut und schön gewesen war. Das weiße Licht blitzte in seinem Kopf auf, scharfe Strahlen schossen von beiden Seiten heran und trafen sich hinter seinen Augen. Er fühlte sich ekstatisch, gleichzeitig erfaßte ihn Sorge. Er schickte ein lautloses Gebet gen Himmel, diese Besorgnis zu beschwichtigen. »Oh Gott, halte das Licht zurück, bis ich sie erwischt habe. Gott, wenn Du mich je als Mitglied der von Dir auserwählten Rasse gesehen hast, dann schenke mir noch einige wenige Momente!«

Das weiße Licht zischte und flackerte, verschlang die Dunkelheit in seinem Kopf. Er roch den Rauch von Kanonen. Er hörte das Pfeifen von Granaten. Kreischend rannte er durch das Wasser, vergaß, daß sich die Frauen nur knapp fünfzig Fuß vor ihm befanden. Seine Schreie steckten voller Inbrunst, voller Freude: »Palmetto Rifles, vorwärts! Feuer! Ruhm und Glorie für die Konföderation!«

Etwas wie eine Keule traf ihn; der peitschende Schwanz eines riesigen Alligators. Des jagte eine Kugel in Richtung Mond, als er stürzte. Dann, als sich die Kiefer des Alligators über seinem Leib schlossen, hatte er das Gefühl, als würden Dutzende von großen Nägeln in sein Fleisch getrieben. Der Alligator tötete ihn in gewohnter Weise, hielt ihn im Schraubstock seiner Kiefer, bis er ertrunken war.

Erst dann durfte der Körper wieder frei im Wasser treiben. Inmitten des Blutes, das sich im Sumpfwasser auszubreiten begann, fing der Alligator mit seiner Mahlzeit an, indem er Des' linkes Bein abbiß.

Rufe und Schüsse überraschten die Klansmänner, die auf Des bei den rotglühenden Überresten der Schule warteten, von denen ein dumpfes Licht und eine gewaltige Hitze ausgingen. Gettys hörte, wie ihnen jemand befahl, die Waffen wegzuwerfen. »Zur Straße!« rief er und bohrte seinem Pferd die Hacken in die Seiten.

Weil er als erster die Flucht ergriff, hatte einer der Schwarzen mit seinem Milizgewehr freies Schußfeld. Als Gettys im Galopp in die Auffahrt einbog, traf ihn die Kugel in die Schulter und schleuderte ihn zur Seite. Er befreite seine Füße aus den Steigbügeln, entsetzt von dem Gedanken, mitgeschleift zu werden. Er fiel in ein dorniges Yucca-Gestrüpp, während die anderen Klansmänner mit flatternden Roben vorbeigaloppierten. Gettys flehte: »Laßt mich nicht zurück«, als die letzten Pferde vorbei waren.

Barfüßige Männer näherten sich ihm. Eine schwarze Hand riß ihm die scharlachrote Kapuze herunter. Durch angelaufene Brillengläser starrte Gettys in sechs schwarze Gesichter und sechs Waffenmündungen und wurde ohnmächtig.

»Ist ja gut, Esau«, sagte Madeline, bemüht, den weinenden Jungen zu beruhigen. Es fiel ihr schwer, denn sie selbst war den Tränen nahe. Andy war tot, Prudence war tot - oh Gott, welch einen Preis mußten sie zahlen.

Plötzlich sah sie hinter sich ganz deutlich im Mondlicht das brodelnde, aufspritzende Wasser, dann blitzte ein Schuppenleib auf. Ganz kurz reckte sich ein Arm gen Himmel und versank wieder.

Jane drückte ihre Wange gegen Madelines Gesicht und weinte.

Mit absoluter Klarheit sah sie Des LaMottes abgetrennte Hand die Wasseroberfläche durchbrechen und wie eine glänzend weiße Makrele dahintreiben. Irgend etwas schnappte danach, die Hand verschwand, und der Sumpf lag wieder glatt und still da.

61

Ein Wäldchen windgezauster Pecanobäume beschattete die ^Krümmung des Vermilion Creek. Magee lehnte an einem Baum, seine Melone auf dem Boden vor seinen ausgestreckten Beinen. Mit einem harten Schnappen seines Handgelenks ließ er Karte um Karte in den Hut segeln. Keine Karte verfehlte ihr Ziel.

Satan und die beiden anderen Pferde waren an einen tiefhängenden Ast angebunden; Graue Eule hatte sein Pony zurückgelassen und den Braunen genommen. Charles hatte es sich nahe den Bäumen am Ufer des plätschernden Baches gemütlich gemacht. Die Sonne stand im Zenit. Es war ein milder Frühlingstag, und er schwitzte unter seinem Hemd und dem Zigeunermantel.