Über ihm ragte ein blattloser Ast über das Flüßchen. Er studierte den Ast, schätzte seine Stärke ab. Der Aprilwind streichelte sein Gesicht und seinen Bart. Für Angst und Tod war es ein viel zu schöner Tag.
»Paß auf, Charlie!«
Magee nahm seine Karten aus der Melone und setzte den Hut auf, während er sich erhob. Sie hörten Hufe durch das flache Wasser spritzen. Charles zog seinen Armeecolt. Graue Eule kam hinter einem dichten Weidengebüsch hervorgetrabt, tief in seine Decke gewickelt. Der Braune schnaufte und glänzte vor Schweiß; einen so schweren Reiter war er nicht gewohnt.
Charles steckte seinen Revolver weg und rannte dem Spurenleser entgegen. »Hast du's gefunden?« Graue Eule nickte. »Wie weit entfernt?«
»Eine Meile, nicht weiter.« Der Cheyenne machte ein betont mürrisches Gesicht. »Ich sah einen kleinen Jungen.«
Die Mittagssonne schien in Charles' Augen zu explodieren. Er fühlte sich schwindelig. »Ist er in Ordnung?«
Graue Eule zeigte deutlich, daß er nicht antworten wollte. Er kaute auf seiner Unterlippe herum. »Ich sah ihn vor dem Haus sitzen und einen Waschbären füttern. Sein Gesicht ...« Graue Eule berührte seine linke Wange. »Da sind Spuren. Jemand hat ihn geschlagen.«
Charles wischte sich über den Mund.
Magee stieß einen Stiefel in den Schiefer. »Ist sonst noch jemand da?«
»Ich sah einen alten Kiowa-Comanchen mit einem Whiskykrug rauskommen, auf sein Pony steigen und davonreiten. Dann sah ich eine Cheyenne-Frau zu einem kleinen Schuppen gehen, wo ich Hühnergegacker hörte. Sie kam mit zwei Eiern zurück.«
»Er hat eine Squaw?« fragte Charles.
»Ja.« In den Augen des Fährtensuchers lag Trauer. »Eine junge Frau. Sehr schmutzig und traurig.«
»Hast du Bent gesehen?« Graue Eule schüttelte den Kopf. »Und dich hat niemand gesehen - weder der Junge noch die Squaw?« Wieder schüttelte der Fährtensucher den Kopf. »Bist du sicher?«
»Ja. In der Nähe stehen ein paar Pfahleichen. Ein gutes Versteck.«
Magee rieb sich die Hände, versuchte die ganze Sache wie eine ganz gewöhnliche Feldübung zu betrachten. »Wir können von drei verschiedenen Seiten kommen.«
»Ich gehe allein«, sagte Charles.
»Das ist verdammter Blödsinn.«
»Allein«, sagte Charles mit einem Blick, der jeden weiteren Protest im Keim erstickte.
Er kehrte zu den Bäumen zurück, wo er seinen Zigeunermantel auszog, ihn zusammenfaltete und auf den Boden legte. Er nahm die Spencer, überprüfte das Magazin, stülpte sich den schwarzen Hut tief in die Augen und ging zu Magee und dem Fährtensucher zurück.
»Ich passe schon auf mich auf, nur keine Sorge. Wenn Ihr Schüsse hört, dann kommt schnell. Ansonsten bleibt ihr hier.«
Er sagte es im Kommandoton eines Offiziers, begleitet von einem herausfordernden Blick. Magee kochte. Graue Eule starrte voll düsterer Vorahnungen auf das glänzende Wasser.
Er wird mich nicht erkennen, dachte Charles, während er am Ufer entlang marschierte. Er dachte dabei an Gus, aber es traf auch auf Elkanah Bent zu. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Bent nach zehn Jahren aussehen mochte. Es war auch unwesentlich. Er wollte lediglich den Jungen in Sicherheit bringen. Das allein zählte: der Junge.
Die Frühlingsluft war so sanft wie die Hand einer Frau. Sie erinnerte ihn an ähnliche Tage im Norden Virginias, als Hunderte von armen Jungs auf sonnigen Wiesen gestorben waren. Diese Gedanken, zusammen mit dem, was Graue Eule über Gus' Aussehen gesagt hatte, gaben seiner Besorgnis neue Nahrung.
Ein Stück voraus sah er die Pfahleichen. Dahinter entdeckte er einen Schlammziegelbau. Aus dem Kamin trieb Rauch. Charles glaubte, eine Kinderstimme zu hören. Seine Hand an der Spencer wurde weiß.
Er versuchte die Furcht abzuschütteln. Unmöglich. Sein Herz hämmerte so laut, daß es in seinen Ohren wie eine Indianertrommel klang. Er wußte, daß er höchstwahrscheinlich nur eine Chance bekommen würde, nicht mehr.
Er duckte sich hinter einer Pfahleiche zusammen. Beim Anblick seines Sohnes, der auf dem Boden saß und den Waschbären mit Maiskolben fütterte, wären ihm beinahe die Tränen gekommen. Der Waschbär nahm einen Kolben zwischen die Vorderpfoten und richtete sich auf den Hinterbeinen auf, wie ein dicker kleiner Mann mit einer Gesichtsmaske, während er den Kolben fraß. Dann watschelte er hinüber zu Gus, um sich den nächsten zu holen. Der Junge fütterte ihn ohne eine Spur von Freude in seinem traurigen Gesicht.
Selbst aus der Entfernung konnte Charles die vergrindeten Risse und Abschürfungen in Gus' Gesicht sehen. Die Füße des Jungen waren so schmutzig, daß Charles im ersten Moment dachte, er trage graue Socken. Gus saß im Dreck in der Nähe der Eingangstür der Whisky-Ranch. Die Tür war geschlossen.
Charles sah einen gutgebauten Braunen und zwei Maultiere in dem Pferch am Ende des Gebäudes. Er sah den Stall, aus dem die Squaw die Eier geholt hatte, und hörte ein Huhn flattern und gackern. Das lauteste Geräusch war das Gurgeln des Vermilion Creek.
Vor lauter Angst, einen Fehler zu machen, wagte er sich fast nicht mehr zu bewegen. Er versuchte zu vergessen, was auf dem Spiel stand, und bemühte sich, die Situation als abstraktes Problem zu betrachten. Es half ein bißchen. Er zählte bis fünf und trat dann hinter der Eiche hervor, so daß sein Sohn ihn sehen konnte.
Gus sah ihn und riß den Mund auf. Charles fürchtete, er könnte schreien, und legte einen Finger an die Lippen.
Er wußte nicht, ob der Junge ihn erkannte, einen Fremden mit Bart und tief eingesunkenen Augen, der plötzlich in der Wildnis auftauchte. Er blieb vollkommen still sitzen.
Gus ließ die Maiskörner zu Boden rieseln, gab keinen Laut von sich.
Der Waschbär schob sich vor und begann zu fressen. Mit allen Sinnen lauschte Charles nach anderen Geräuschen - einer Stimme, dem Quietschen einer Tür. Er hörte nur das Murmeln des Wassers. Er machte drei lange Schritte auf seinen Sohn zu und winkte mit einer Handbewegung: Komm her!
Gus starrte den Fremden ängstlich an. Charles wollte losschreien, wollte ihm sagen, wer er war. Er wagte es nicht. Wieder winkte er. Und noch einmal.
Gus stand auf.
Charles jubelte innerlich. Dann wich der Junge langsam zum Gebäude zurück, den Blick auf den Fremden gerichtet.
Oh Gott, er hat Angst. Er kennt mich immer noch nicht.
Gus machte einen Schritt zur Seite, bereit, ins Haus zu flitzen. Verzweifelt duckte sich Charles und legte die Spencer zu Boden. Dann breitete er die Arme aus. Die Muskeln waren so angespannt, daß seine Arme von der Schulter bis zum Handgelenk zitterten.
Irgendwie beruhigten die einladend ausgestreckten Arme den Jungen. Sein Gesichtsausdruck änderte sich, zeigte ein zögerndes Lächeln. Er hielt den Kopf leicht schief.
In lautem Flüsterton sagte Charles: »Gus, ich bin's, dein Pa.«
Verwunderung zeichnete sich im Gesicht des Jungen ab. Er begann auf Charles zuzugehen.
Die Vordertür der Whisky-Ranch knallte auf.
Bent trat gähnend hinaus. Er trug einen alten Zylinder; an seinem linken Ohr hing Constance Hazards Ohrring. Sein Frack glänzte, als hätte man mit einem Messer Fett aufgetragen. Er war älter, dicker, mit Falten im Gesicht und buschigen Augenbrauen; dichtes, ungekämmtes Haar verbarg seinen Nacken. Seine linke Schulter hing tiefer als die rechte.
Bent sah Charles, erkannte ihn aber nicht. Charles riß die Spencer hoch und richtete sie auf Bents schmierige Weste, die von einem Knopf zusammengehalten wurde. »Hände gut sichtbar halten«, sagte er laut.
Bent spreizte seine Hände ab und betrachtete blinzelnd den wilden Mann mit dem Gewehr. Charles ging mit langsamen, vorsichtigen Schritten auf ihn zu. Bents zottige Augenbrauen schossen nach oben.
»Charles Main?«
»Richtig, du Bastard.«
»Charles Main. Ich hätte nie gedacht, du würdest mir ins Territorium folgen.«