»Das ist kein Trost für Andys Witwe oder für die Brüder und Schwestern von Prudence Chaffee.«
»Ich verstehe Ihre Verbitterung. Grant verabscheut den Klan. Erlauben Sie mir, ihm zu schreiben. General Lee werde ich ebenfalls darum bitten. Wir haben eine gute Beziehung zueinander. Um der Investoren der kleinen Versicherungsgesellschaft willen, die ich in Atlanta organisiert habe, bat ich ihn, die Präsidentschaft zu übernehmen. Er lehnte ab. Er ist als Vorsitzender des College oben in Lexington glücklich und zufrieden. Doch wir sind Freunde, und sein Wort hat Gewicht.« Sie spürte seine Melancholie, als er sich den Backenbart strich und sinnierte: »Ab und zu hat es schon was Gutes, ein altes Schlachtroß zu sein, das überlebt hat.«
Als Randall Gettys seine Umgebung wieder bewußt wahrzunehmen begann, besuchte ihn Colonel Orpha C. Munro. Die Oberschwester warnte ihn, er dürfe nicht lange bleiben. Mit einem herben Lächeln versicherte er ihr, daß seine Mission nur wenig Zeit in Anspruch nehmen werde. »Ich bin auf Verlangen von Präsident Grant hier.«
Die Oberschwester baute einen Wandschirm auf, damit sie ungestört waren. Munro setzte sich neben das Bett. Gettys glich einem verschüchterten Kind. Das Bettlaken war unter seinem blassen Kinn festgestopft; seine plumpen Finger spielten nervös damit. Bei dem Kampf auf Mont Royal hatte er sich das rechte Brillenglas zerbrochen. Durch die Sprünge im Brillenglas schaute er seinen Besucher an.
Mit trügerischer Freundlichkeit sagte Munro: »Es ist meine Pflicht, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß die kleine Handpresse in Ihrem Dixie-Laden, mit der Sie Ihre Zeitung druckten, beschlagnahmt worden ist. Jetzt können Sie das Geschäft, Haß auszustreuen und zu verbreiten, nicht mehr betreiben, Mr. Gettys.«
Gettys wartete; er war sicher, daß noch Schlimmeres kommen würde.
»Ich würde Sie mit der Pferdepeitsche behandeln, wenn das erlaubt wäre. Ich würde das trotz Ihrer Verwundung machen, denn ich finde, daß Sie und Ihre Kumpanen es reichlich verdienen. Sie sind wie die dem Untergang geweihten Bourbonen von Frankreich - Könige, zu arrogant, um die Vergangenheit zu vergessen, und zu dumm, um daraus zu lernen.«
Munro atmete tief durch, zwang sich zur Beherrschung. »Diese Behandlung ist mir jedoch leider verwehrt. Vermutlich ist es so am besten. Der Einsatz einer Pferdepeitsche würde mich auf Ihre Ebene herabziehen. Lassen Sie mich Ihnen statt dessen eine Frage stellen.« Ein harter, fast sadistischer Ausdruck trat in seine Augen. »Kennen Sie die Dry Tortugas?«
»Kleine Inseln, nicht wahr? Vor der Küste Floridas.«
»Genau. Die Regierung schickt jetzt Carolina-Häftlinge auf die Dry Tortugas. Ein gottverlassenes Fleckchen Erde, vor allem in den Sommermonaten. Sengende Hitze. Insekten und Ratten und Ungeziefer. Die Wärter sind kaum weniger verkommen als die Gefangenen.« Munro glättete seine Handschuhe, die auf seinen Knien lagen. Er lächelte. »Neue Gefangene sind gewissen -äh - Einführungszeremonien unterworfen, während die Wärter wegschauen. Ohne gute Nerven und eine kräftige Konstitution überlebt manchmal ein Gefangener die Prüfung nicht, die, wie ich gehört habe, recht wild sein kann. Aber schließlich muß man sich ja nicht wundern, wenn Männer so zusammengepfercht sind, ohne Frauen.«
»Mein Gott, was hat das alles mit mir zu tun? Ich bin ein Gentleman.«
»Nichtsdestoweniger werden Sie auf die Dry Tortugas geschickt werden, wegen Mordes an Sherman und der Lehrerin Prudence Chaffee.«
»Ich habe sie nicht getötet«, rief Gettys; seine Stimme wurde schrill. »Sie können mich nicht an so einen - einen bestialischen Ort schicken.«
»Wir können und wir werden. Auch wenn Sie die Verbrechen nicht persönlich begangen haben, so gehörten Sie doch zu der gesetzlosen Verschwörergruppe, die dafür verantwortlich ist.«
Gettys' Hand schoß vor, umklammerte seinen mit Litzen besetzten Ärmel. »Ich gebe Ihnen die Namen der Mitglieder unserer Gruppe. Sämtliche Namen.«
»Nun ja.« Munro räusperte sich. »Als kooperativer Zeuge . das könnte die Sache in einem anderen Licht erscheinen lassen.« Er verbarg seine Erheiterung. Er hatte mit einer schnellen Kapitulation gerechnet. Er hatte sich ausführlich über Randall Gettys' Charakter informiert.
Gettys' gerötetes Gesicht schwitzte. »Wenn Sie mir das Gefängnis ersparen, verrate ich Ihnen noch etwas Wichtiges.«
Colonel Munro war verblüfft. Vorsichtig sagte er: »Ja?«
»Ich werde Ihnen von den Dixie-Läden erzählen. Die Leute denken, es handle sich um eine Südstaatengesellschaft. Ein paar alte Rebellen, die sich hinter einem Namen verstecken und Wucher betreiben. Nun .«
Gettys stemmte sich in den Kissen hoch, plapperte vor lauter Hast, seine Haut zu retten, einfach drauflos. »So ist es ganz und gar nicht. Die Eigentümer, die Leute, die diesen Staat aussaugen, sind vielleicht die gleichen Leute, die sich als hochherzige Yankee-Reformer präsentieren. Mein Laden und all die anderen Läden gehören einer Firma namens Mercantile Enterprises. Ich schicke meine Abrechnungen nicht nach Memphis oder Atlanta, ich schicke sie an einen Yankee-Anwalt nach Washington, D.C. Ich gebe Ihnen seinen Namen und seine Adresse. Ich übergebe Ihnen die Bücher. Reicht das, um mich vor den Dry Tor-tugas zu retten?«
Am Ende der Krankenstation rief ein junger Mann im Delirium nach seiner Nancy und nach Wasser. Colonel Orpha C. Munro faßte sich wieder. »Ich glaube, es könnte reichen, Mr. Gettys. Ich glaube es wirklich.«
Munro war kurz hier. Alle restlichen Mitglieder der Klansgruppe sind verhaftet. M. deutete an, daß er außerdem noch einem Skandal auf der Spur sei, in den dieser Bezirk und Personen aus dem Norden verwickelt sind.
63
Dent sagte: »Ihr wißt ja nicht, was ihr tut.«
Charles und Magee beachteten ihn nicht. Charles hielt die Zügel in der Hand, die er einem der Maultiere aus dem Pferch angelegt hatte. Magee saß auf dem tänzelnden Braunen und zog probeweise an dem Seil, das an dem über den Vermilion Creek ragenden Ast des Pecanobaumes hing. Ein paar strahlend weiße Wölkchen trieben über den blauen Himmel nach Nordwesten. Es war ein sommerlicher, wunderbarer Tag.
»Runter mit dem Kopf«, sagte Magee.
Bent weigerte sich. Tränen rollten ihm über die Wangen in die Bartstoppeln. »Das wäre kriminell.«
Charles hatte das Jammern und Toben des Mannes satt. Er warf Magee einen Blick zu, worauf dieser Bents Zylinder hinunterschlug. Er landete verkehrt herum in dem Flüßchen. Magee riß Bents Kopf an den Haaren herunter und streifte ihm die Schlinge über. Mit einem Ruck zog er die Schlinge straff.
Aus Bents zerrissenem Ohrläppchen sickerte immer noch Blut. Seine Wunde tränkte sein linkes Hosenbein. Er weinte nun, spuckte vor Wut und Selbstmitleid. »Ihr seid Abschaum, ignoranter Abschaum. Ihr raubt der Nation ihr größtes militärisches Genie, du und dieser verkommene Nigger.«
»Herr im Himmel«, sagte Magee. Er war zu verblüfft, um wütend zu werden.
Bent schüttelte heftig den Kopf, als könnte er so die Seilschlinge loswerden. »Das könnt ihr nicht tun. Ihr könnt die Welt nicht eines neuen Bonaparte berauben.« Seine Stimme schallte so laut, daß die Kardinalsvögel am Fluß erschreckt aufflatterten.
Charles zog seinen Colt und hielt die Mündung dicht vor Bents Mund. »Halt's Maul.« Er schaute in Richtung der Whisky-Ranch, hoffte, daß die Schreie nicht so weit tragen würden. Sein Sohn und das Cheyenne-Mädchen hatten genug gelitten. Bent sah die entschlossenen Augen hinter dem Revolver und kämpfte um seine Selbstbeherrschung. Er biß sich auf die Lippe, doch die Tränen strömten ihm weiter aus den Augen.
Der Pecanoast warf einen dunklen Schatten über Charles' Gesicht. Er wollte so nicht weitermachen. Er hatte das Töten so satt. Er erinnerte sich daran, daß Bent eine Verpflichtung darstellte, die über das Persönliche hinausging. Er schuldete das Orry und George; vor allem George. Er schuldete es Grünes Gras und Gott weiß wie vielen anderen, denen Bent während der vergangenen fünfundzwanzig Jahre Schlimmes angetan hatte.