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Charles trat von dem Maultier zurück.

»Das könnt ihr nicht! Militärisches Genie ist eine seltene Gabe ...«

Charles steckte den Armeecolt weg und spreizte die Finger seiner rechten Hand. Zwei Kardinalsvögel, ein Männchen und ein Weibchen, flatterten aufgeregt über dem Flüßchen, von dem Geschrei erschreckt.

»Ihr tötet Bonaparte!«

Er hob die Hand, um dem Maultier einen Schlag zu versetzen. Ein letzter Blick auf Bent, um sich zu vergewissern, daß alles Wirklichkeit war - dann bewegte sich seine Hand blitzschnell. Der Schlag klatschte laut. Der Braune warf den Kopf hoch, als das Maultier davonschoß. Das Seil summte unter der Spannung; Bents Gewicht ließ den Pecanoast ächzen.

Bent schien Charles von oben wütend anzufunkeln, doch sein Genick war bereits gebrochen. Der Schatten seines Leibes pendelte langsam über Charles' Gesicht. Charles konnte den Anblick nicht länger ertragen und wandte sich ab.

»Ich fange das Maultier ein.«

»Das mach' ich schon«, sagte Magee sanft. »Geh du zurück zu deinem Jungen.«

In dem staubigen, orangefarbenen Abendrot saß Charles auf einem Faß und schaute auf das Flüßchen. Er trank den letzten Schluck von dem Kaffee, den Magee gemacht hatte. Der Soldat hatte eines der Hühner zubereitet, doch Charles hatte keinen Appetit. Statt des Flüßchens sah er Bents Augen vor sich, kurz bevor das Seil die letzte Note anstimmte. Bents Augen wurden zu einem Spiegel seines eigenen Lebens. In dem rachsüchtigen Bent erkannte er sich selbst, ein demütigendes Bild. Er war kein bißchen besser. Er kippte den bitter schmeckenden Kaffee auf den Boden und ging hinein.

Er durchquerte das große Zimmer, schob die rote Decke beiseite und betrachtete seinen Jungen, der auf einer alten Strohmatratze im Schlafzimmer lag. Er ging zu der Matratze. Selbst im Schlaf zeigte Gus' Gesicht einen verkniffenen, ängstlichen Ausdruck. Charles berührte den nässenden Schnitt an der linken Wange. Der Junge stöhnte und drehte sich um. Von Schuldgefühlen geplagt, zog Charles seine Hand zurück. Er ging hinaus, ließ die rote Decke wieder fallen.

Graue Eule saß am Tisch, eingewickelt in seine Decke, den Blick auf etwas weit jenseits der narbigen Holzplatte gerichtet. Magee ruhte mit übereinandergeschlagenen Stiefeln auf einem Stuhl. Er kaute auf einem Zwieback herum; seine Übungskarten waren vor ihm ausgebreitet. Grünes Gras saß auf einem Fäß-chen, die Hände ineinander verschlungen und die Augen gesenkt. Sie sah alt und müde und verzweifelt aus. Als Charles von draußen hereingekommen war, hatte er sie mit einer Flasche von der Bar vorgefunden. Er hatte sie ihr weggenommen und draußen ausgeleert; mit den anderen Flaschen hatte er das gleiche getan.

Jetzt ging er zu ihr hinüber. Sie hob den Kopf, und für einen kurzen Moment sah er das junge, frische Mädchen vor sich, das Narbengesichts werbender Flöte mit der kessen Zuversicht gelauscht hatte, die Welt gehöre ihr, einschließlich eines jeden Mannes, den sie sich auserkor. Er erinnerte sich an die liebes-trunkenen Blicke, die sie ihm in jenem Winter in dem Dorf von Schwarzer Kessel zugeworfen hatte. Irgendwie tat die Erinnerung weh.

Er sprach sie auf Cheyenne an: »Wie bist du hierhergekommen?«

Sie schüttelte den Kopf und fing an zu weinen.

»Sag es mir, Grünes Gras.«

»Ich hörte auf Versprechungen. Auf die Lügen und Versprechungen eines weißen Mannes. Ich probierte das starke Getränk, das er mir gab, und wollte mehr davon.«

»Das war Bent?«

»Mister Glyn. Bent tötete ihn.«

Er erinnerte sich vage an einen schmierigen Händler namens Glyn. Er war ihm begegnet, als er noch mit Jackson geritten war. Zweifellos handelte es sich um denselben Mann.

»Laß mich den Verband sehen.«

In der Art, wie sie den Hirschlederrock nur ein kleines Stückchen hochzog, lag ein fernes Echo mädchenhafter Scheu. Die Bandage zeigte Blutflecken, würde aber bis morgen halten. Grünes Gras konnte mit dem verletzten Bein laufen, wenn auch nur unter Schmerzen. Das lenkte Charles Gedanken auf eine Verantwortung, die um so unvermeidlicher wurde, je länger er darüber nachdachte.

»Ich muß dich zu deinem Stamm zurückbringen.«

Graue Eule richtete sich besorgt auf. In den Augen des Mädchens leuchtete Furcht auf. »Nein. Sie würden mich verachten. Was ich getan habe, war schändlich.«

Charles schüttelte den Kopf. »Es gibt keinen Mann und keine Frau auf Gottes Erde, die nicht irgendeiner Sache wegen der Vergebung bedürfen. Das nächste Dorf ist das von Roter Bär. Ich bringe dich hin und rede mit ihm.«

Sie wollte protestieren, unterließ es dann aber. Auch Graue Eule protestierte nicht. Anscheinend war die Idee ganz vernünftig.

Magee raffte seine Karten zusammen. »Bin froh, daß wir hier verschwinden. Irgendwie ein übler Ort.«

»Graue Eule und ich werden das Mädchen hinbringen«, sagte Charles zu ihm. »Du setzt Gus auf eines dieser Maultiere und reitest mit ihm direkt zu Brigadier Jack Duncan in Fort Leavenworth. Wirst du das tun?«

Magee runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht recht, Charlie. Ohne deinen Magier lasse ich dich ungern zurück zu diesen Indianern gehen. Pfeifende Schlange sinnt vielleicht auf Rache.«

»Es wird keinen Ärger mehr geben.« Es schwang mehr Hoffnung als Gewißheit in seiner Stimme mit. Die Aussicht, zu den Cheyenne zurückkehren zu müssen, beunruhigte ihn, aber es schien unvermeidlich zu sein. »In einer Stunde haben wir dort alles erledigt. Jetzt hör zu! Ich möchte, daß du in Leavenworth eine telegraphische Nachricht für mich aufgibst. Im Nebenzimmer habe ich Papier gesehen. Ich schreib's dir auf.«

»In Ordnung«, sagte Magee.

Das ausgebrannte Gefühl füllte Charles aus. Er ging zur Tür, riß sie auf, schaute zu den Tausenden von Sternen auf, die in der klaren Luft heller als gewöhnlich strahlten. Er dachte an die Straße in die ewigen Jagdgründe. Beinahe hätte er sie dieses Jahr betreten. Er fühlte sich so müde. »Gott, wenn ich nur eine Zigarre hätte«, sagte er.

Am Morgen schrieb er das Telegramm und schaute zu, wie Ma-gee es sicher in seiner Satteltasche verstaute, zusammen mit der Steinschloßpistole, dem Pulverbeutel und der falschen Munition. Charles zog die Nägel aus den Ecken des Ölporträts und rollte es zusammen. Es war trocken und spröde. Eine Ecke brach ab. Sorgfältig band er das Gemälde mit einem Lederriemen zusammen.

Aus einer Decke, die er gewaschen und über einer Stange zum Trocknen aufgehängt hatte, schnitt er ein großes Quadrat, schlitzte es in der Mitte auf und machte so einen kleinen Poncho für Gus, ähnlich seinem eigenen Zigeunerumhang. Er hob den Jungen auf die Pferdedecke, die er dem Maultier übergeworfen hatte.

Gus sah wie ein kleiner, alter Mann aus, vernarbt und blaß. »Umarm deinen Papa«, sagte Charles. Der Junge atmete tief durch. Er war auf der Hut. Schmerz flackerte in seinen Augen.

Statt dessen umarmte Charles ihn. »Ich sorge schon dafür, daß alles wieder gut wird, Gus. Ich komme bald zu Onkel Jack, und alles wird gut.«

Obwohl er sich da gar nicht so sicher war. Monate, vielleicht Jahre voller Aufmerksamkeit und Liebe würden nötig sein. Die verborgenen Narben würden vielleicht nie heilen. Er legte die Arme um den Jungen, drückte ihn heftig an sich.

Gus legte eine Hand auf den Kopf seines Vaters. Nach einem kurzen Moment zog er sie wieder weg. Sein Gesicht war nüchtern, ohne Emotion. Immerhin war die Berührung ein Anfang.

Zu Magee gewandt sagte er: »Paß auf ihn auf!«

»Darauf kannst du dich verlassen«, sagte Magee.

Charles und Graue Eule schauten dem Soldaten und dem Jungen nach, bis diese am dunstigen Horizont im Nordosten verschwunden waren.