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Der Fährtensucher half Charles, zwei Stangen des Pferchs herunterzureißen und sie mit einer rostigen Axt zu kürzen. Sie bauten eine Stangenbahre für Grünes Gras. Es war ein weiterer sonniger Tag; eine leichte Brise ging. Das Cheyenne-Mädchen sagte nichts, als die beiden Männer es zu der Stangenbahre trugen.

Charles hatte Satan bereits gesattelt; gestern hatten sie noch die Pferde geholt. Dabei mußten sie an Bents Leiche vorbei. Die Bussarde hatten sich bereits an dem amerikanischen Bonaparte gütlich getan und seine Kleidung zu blutigen Fetzen gerissen.

»Dies ist ein böser Ort«, sagte Graue Eule, auf seinem Pony sitzend. »Ich bin froh, wegzukommen.«

»Bring die Stangenbahre ein Stückchen weiter den Fluß runter, bis zu diesen Pfahleichen. In ein paar Minuten komme ich nach.«

Graue Eule ritt los, das Maultier an der Leine. Grünes Gras stöhnte auf, als die Schleppbahre über einen scharfen Stein holperte. Graue Eule warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. Sein Pony trabte weiter. Das Cheyenne-Mädchen umklammerte ihr bandagiertes Bein und schaute zum Himmel hoch.

Charles ging mit der rostigen Axt ins Haus. Er trat ein Fäß-chen um und zerhackte es. Dann demolierte er den Tisch und zwei Stühle. Er schlug hart zu, ließ den Schmerz durch den Griff in seine Arme hochschießen.

Er türmte das Holz auf und steckte es mit einem seiner letzten Streichhölzer an. Hinter ihm blieb die brennende WhiskyRanch zurück.

Es regnete in Strömen, als sie das Dorf von Roter Bär am Sweet Water erreichten. Niemand bedrohte Charles; die wenigen Leute, die hinausspähten, hielten sich in vorsichtiger Entfernung, weil ihnen dieser bärtige Weiße, der einen schwarzen Magier in seinen Diensten hatte, noch gut in Erinnerung war. Der schwarze Magier war jetzt nicht bei ihm, aber sicher seine Medizin.

Von Pfeifender Schlange sahen sie nichts. Charles übergab Grünes Gras der Obhut der stämmigen, zahnlosen Frau von Roter Bär. Grünes Gras stammte nicht aus dem Dorf von Roter Bär, aber der Häuptling wußte über sie Bescheid.

»Sie wird mit uns ins Fort der Weißen gehen«, sagte Roter Bär in seinem Tipi. Charles saß am Feuer und aß mit einem Knochenlöffel etwas Stew. Er machte sich längst keine Gedanken mehr über die Herkunft des Stew-Fleisches.

»Du ergibst dich den Soldaten?«

»Ja. Nach vielem Nachdenken und Beratungen mit anderen habe ich das beschlossen. Wenn wir nicht aufgeben, dann verhungern wir oder werden erschossen. Alle im Dorf haben zuge-stimmt bis auf acht Hundekrieger, die sich weigern, aufzugeben. Ich sagte, ich führe nicht Großväter und Kinder in den Tod, nur um die Ehre der Hundekrieger zu bewahren. Es verletzt meinen Stolz, zu den Soldaten zu gehen. Auch ich war einst tapfer. Aber ich habe gelernt, daß Tapferkeit und Weisheit manchmal nicht denselben Weg gehen können. Leben ist kostbarer als Stolz.«

Charles wischte sich das Stew vom Mund. Er sagte nichts.

Er hatte seit vierundzwanzig Stunden nicht mehr geschlafen, wollte sich aber auf den Weg machen. Roter Bär bestärkte ihn in diesem Wunsch. »Die Hundekrieger wissen, daß du hier bist. Sie sind zornig.«

Dann war es nur weise, das Dorf so schnell wie möglich zu verlassen. Feierlich bedankte er sich bei der freundlichen Frau und dem Häuptling für die Gastfreundschaft. Er sagte, er würde gern Grünes Gras auf Wiedersehen sagen. Die Frau des Häuptlings führte ihn zu einem nahen Tipi, wo sie es dem Mädchen bequem gemacht hatte. In ein Büffelfell gewickelt lag Grünes Gras neben einem kleinen Feuer, Kopf und Schulter durch eine geflochtene Rückenstütze erhöht. Charles nahm ihre Hand.

»Jetzt wird mit dir alles gut werden.«

Aus den verquollenen Augen schossen neue Tränen. »Kein Mann wird mich je haben wollen. Ich liebe dich so. Ich wünschte, du hättest dich einst neben mich gelegt.«

»Ich auch.« Er bückte sich, schob seinen Bart beiseite, während er sie leicht auf den Mund küßte. Sie weinte lautlos; er konnte fühlen, wie sie zitterte. Er streichelte ihr Gesicht, erhob sich dann und glitt durch das ovale Loch in den Regen hinaus.

Sterne tauchten zwischen den über den Himmel fegenden Wolken auf. Roter Bär begleitete sie bis an den Rand des Camps und kehrte dann um. Der frische Wind zerrte an Charles' Bart. Er tätschelte Satan, musterte den aufklarenden Himmel und fing dann an, die kleine Melodie zu summen, die ihn an zu Hause erinnerte.

Sie entdeckten einen einsamen Reiter, regungslos auf einem flachen Hügel vor ihnen, und dachten sich nichts dabei. Irgendein Junge, der die Pferde bewacht, vermutete Charles. Er hielt mit dem Schecken auf den Fluß zu, um nicht zu nahe an dem Wachposten vorbeizukommen. Plötzlich ritt der Indianer den Hang hinunter, um ihnen den Weg abzuschneiden.

»Was soll das?« wunderte sich Charles laut. Dann wurde sein Mund trocken. Der Cheyenne galoppierte auf sie zu, sein Pony antreibend. In einer Hand trug er eine Lanze, in der anderen einen mit langen Federn geschmückten Karabiner. Etwas an Kopf und Rumpf des Reiters erinnerte ihn an .

Graue Eule straffte die Zügel; Verzweiflung zeigte sich in seinen Augen.

»Mann-bereit-zum-Krieg«, sagte er.

Und so war es. Er war älter, sah aber immer noch gut aus, obwohl er irgendwie ausgehungert wirkte, wie auf der Flucht. Er trug seine Insignien und volle Kriegsbemalung. Um seinen Hals hing die Pfeife aus einem Flügelknochen und das geraubte Silberkreuz. Von der Schulter zur Hüfte zog sich eine breite Schärpe hin, gelb und rot bemalt und mit Stachelschweinborsten und Federn besetzt. Als Charles die Schärpe sah, fiel ihm ein, daß Narbengesicht zum Träger der Hundeschnur erwählt worden war.

Im Lichte des aufklarenden Himmels war die gewaltige weiße Narbe von der Augenbraue bis zum Kieferknochen deutlich sichtbar. Satan witterte das Cheyenne-Pony und schnaubte nervös.

»Andere erzählten mir, du seist hier«, sagte Narbengesicht.

»Wir haben keinen Streit mehr miteinander, Narbengesicht.«

»Doch. Das haben wir.«

»Zum Teufel mit dir, ich will nicht mit dir kämpfen.«

Der Wind bewegte die goldenen Adlerfedern, die an den Karabinerlauf gebunden waren. Narbengesicht rammte seine Lanzenspitze in die schlammige Erde. »Ich habe viele Winter auf dich gewartet. Ich erinnere mich, wie der Alte mir meine Männlichkeit abgerissen hat.«

»Und ich erinnere mich, wie du es ihm zurückgezahlt hast. Laß es dabei bewenden, Narbengesicht.«

»Nein. Ich werde meine Schärpe hier auf den Boden spießen. Dein Weg hier vorbei führt nur über die Straße in die ewigen Jagdgründe.«

Charles dachte einen Moment nach. Auf englisch sagte er zu Graue Eule: »Wir könnten flüchten und ihm davongaloppieren.«

In den düsteren alten Augen von Graue Eule zeichnete sich erneut Hoffnungslosigkeit ab. Er deutete auf den Hang. Im Licht der Sterne sahen sie vier Krieger, die dort aufgetaucht waren, um ihnen jede Flucht unmöglich zu machen.

Mit einem elenden Gefühl im Herzen schleuderte Charles seinen schwarzen Hut beiseite. Er zerrte sich den Zigeunerumhang über den Kopf und legte ihn über den Sattel. Dann stieg er ab, drückte Graue Eule Satans Zügel in die Hand, zog sein Bowiemesser aus dem Gürtel und wartete.

^rbengesicht ,eb seine Lanze durch den Schlitz am Ende

der Schärpe und nagelte sie so fest. Die Lanze vibrierte, als er sie losließ. Charles verstand, was die Schärpe ausdrückte: bis zum Tod.

Der Krieger der Hundegesellschaft begann zu murmeln und zu singen. Er löste die Axt mit Holzgriff, die mit einem Lederriemen um seine Taille gebunden war. Axt und Karabiner hob er in einem rituellen Gebet, das Charles nicht verstand, über seinen Kopf. Dann fuhr er mit der Schneide der Axt über den Lauf des Karabiners, vor und zurück. Funken sprühten.

Ich habe genug, dachte Charles. Texas, Virginia, Sharpsburg, Washita, Augusta, Constance, Bents Rasiermesser - nimmt es denn nie ein Ende?