Stanley wußte, was die letzte Bemerkung zu bedeuten hatte. Er gehorchte den Befehlen der Staatsmaschinerie, die sein Gast völlig unter Kontrolle hatte.
Die beiden saßen in der Nähe der Sokrates-Büste im Con-course, Stanleys Lieblingsclub. Stanleys Gesicht sah blaß und aufgedunsen aus. Er stand im Mittelpunkt der täglichen Zeitungsenthüllungen, wobei sich der >Star< besonders hervortat. Obwohl Stanley siebenundvierzig und sein Gast Simon Came-ron siebzig war, hatte Stanley das Gefühl, daß der Boß über wesentlich mehr Energie verfügte. Er war schlank geblieben. Sein Haar war voll, und in seinen Augen schimmerte kein Hauch der bevorstehenden Senilität, wie es Stanley bei Männern in Camerons Alter bemerkt hatte. Der Boß war 1867 in den Senat zurückgekehrt und hatte nie zuvor über soviel Macht verfügt. Das politische Intrigenspiel bekam ihm.
Nachdenklich nippte Cameron an seinem Kentucky-Whisky. Ein warmes Frühlingszwielicht vergoldete die Fenster neben ihnen. »Unter den gegebenen Umständen will ich Ihnen gegenüber ganz offen sein. Wucher mag nicht illegal sein, aber ganz sicher unpopulär. Und die Nordstaatler haben es allmählich satt, den Süden zu schlagen. Die Dixie-Affäre hat eine allgemeine Welle der Sympathie für die Opfer der Ausbeuter ausgelöst.« Er hob eine Hand, um seinen Gastgeber zu besänftigen. »Das ist eine Zeitungsformulierung, mein Junge, das stammt nicht von mir. Aber es ist bedauerlich, daß Dills sofort zusammenbrach, als er mit dem Geständnis des Klansmannes konfrontiert wurde.«
Stanley schnippte mit den Fingern, um einen Kellner herbeizurufen. Er bestellte so munter eine weitere Runde, daß Came-ron ganz verblüfft war. Stanley stand unter enormem Druck aufgrund der Geschichten, die ihn mit Mercantile Enterprises -Eigentümerin der über ganz South Carolina verteilten Dixie-Läden - in Verbindung brachten. Fast täglich dementierte Stanley öffentlich diese Beschuldigungen; er gab keine Erklärungen ab, sondern betonte lediglich seine Unschuld mit der gleichen Entschlossenheit, mit der der alte Stonewall dem Feind bei First Bull Run Widerstand geleistet hatte. In Anbetracht von Stanleys früherem Verhalten hatte Cameron erwartet, Stanley nicht nur total erschöpft, sondern auch vollkommen entnervt vorzufinden. Erschöpft war er, entnervt nicht. Bemerkenswert.
Stanley sagte: »Ich nehme an, Dills kooperierte in der Hoffnung, den Rest seiner Praxis zu behalten. In den letzten Jahren hat er sich immer stärker einschränken müssen. Kein Mensch kennt den Grund dafür. Beispielsweise mußte er aus seinem Club austreten. Er konnte es sich nicht mehr leisten.«
»Ich vermute, genau wie unser Freund Dills möchten Sie auch etwas behalten? Zum Beispiel Ihren guten Namen?« Die vertraute Strenge zeigte sich auf dem Gesicht des hageren alten Schotten. »Ohne das hat man keine politische Zukunft.«
»Ich habe nichts mit den Dixie-Läden zu tun, Simon. Gar nichts.« Schon wieder ein Anzeichen von Stanleys überraschender, neuer Selbstsicherheit. Vor kurzem noch hatte er es nicht gewagt, den Boß mit Vornamen anzusprechen. »Ich habe das wieder und wieder vor der Presse gesagt, und ich werde es weiterhin sagen, weil es der Wahrheit entspricht.«
Cameron spitzte die Lippen. »Nun ja, aber um offen zu sein, mein Junge, in der republikanischen Hierarchie glaubt man Ihnen nicht.«
Stanley seufzte. Der ältliche schwarze Kellner kam mit dem Silbertablett. Stanley nahm sein Glas, in dem sich die doppelte Menge Whisky befand wie in Camerons Glas. »Dann sollte ich vielleicht mit etwas Stärkerem aufwarten. Ich strebe einen Abgeordnetensitz an. Natürlich wird es hart, mich vollkommen reinzuwaschen. Emotional gesehen.«
Cameron, der in den meisten Männern wie in einem offenen Buch lesen konnte, war verwirrt. »Wovon reden Sie?«
Mit einem schnellen Blick vergewisserte sich Stanley, daß niemand in Hörweite war.
»Ich spreche von den Dixie-Läden. Ich gebe zu, daß sie mit Familiengeld errichtet wurden. Zu der Zeit wußte ich jedoch nichts davon. Ich war zu beschäftigt damit, General Howards Programm für das Büro durchzusetzen.« Seine normalerweise traurigen Hundeaugen funkelten jetzt geradezu. »Mr. Dills kann bestätigen, daß das gesamte Aktienkapital von Mercantile Enterprises auf den Namen meiner Frau Isabel eingetragen ist.«
Der Senator aus Lancaster hätte beinahe seinen Drink verschüttet.
»Wollen Sie damit sagen, sie betreibt die Läden?«
»Ja. Und sie hat damit aus eigener Initiative angefangen, nach einem Besuch in South Carolina. Natürlich bin ich nach und nach dahintergekommen, aber ich war nie über die Details informiert.«
Der ältere Mann brach in schallendes Gelächter aus. Stanley war beleidigt, unterdrückte es aber. Cameron wedelte mit einem Finger. »Wollen Sie mir erzählen, daß Sie jede Verbindung mit dem Dixie-Skandal leugnen?«
»Das tue ich.«
»Und Sie erwarten, daß die Partei und die Öffentlichkeit Ihnen Glauben schenken?«
»Wenn ich es oft genug wiederhole«, entgegnete Stanley ruhig, »dann werden sie es glauben. Jawohl. Ich wußte nichts. Isabel ist eine intelligente, ehrgeizige Frau. Die Aktien gehören ihr. Ich wußte nichts.«
Dieser ruhige, gelassene Stanley sollte identisch sein mit dem schüchternen, naiven Mann, dem Simon Cameron einst geraten hatte, sich zu Beginn des Krieges nach einem profitablen Armeekontrakt umzusehen? Stanley war durch den Verkauf minderwertiger Schuhe unglaublich reich geworden. Er hatte sich außerdem verändert, während Camerons Aufmerksamkeit auf andere Dinge gerichtet gewesen war. Der Boß konnte in dem neuen Stanley nichts mehr von dem alten entdecken.
Er lehnte sich entspannt in seinem Ledersessel zurück und stieß ein unfreiwillig anerkennendes Lachen aus. »Mein Junge, der Sitz im Kongreß ist vielleicht trotz allem noch nicht außer Reichweite. Sie klingen sehr überzeugend.«
»Ich danke Ihnen, Simon. Ich hatte ja auch einen Meister als Lehrer.«
Cameron nahm an, daß sich das auf ihn bezog. Er warf einen Blick auf die Uhr. »Wollen Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten?«
Stanley überraschte Cameron erneut, als er sagte: »Besten Dank, aber ich kann leider nicht. Ich habe meinen Sohn hier zum Essen eingeladen.«
Laban Hazard, Esquire, gerade dreiundzwanzig, hatte bereits in Washington eine Kanzlei eröffnet, obwohl er Yale erst vor zwei Jahren verlassen hatte. Es war keine prestigeträchtige, dafür aber eine profitable Kanzlei. Labans Mandanten waren meist Mörder, Aktienbetrüger und des Ehebruchs angeklagte Männer. Laban war ein schmächtiger, geschäftiger junger Mann; früher hatte er recht gut ausgesehen, aber das schwand nun schnell durch zu wenig Sonnenschein und zu viel spanischen Sherry dahin.
Im Speisesaal des Clubs erklärte Stanley bei ausgezeichneten Lammkoteletts seine Zwangslage und begründete seine Entscheidung, weitere Details preisgeben zu müssen, um seine Unschuld zu beweisen. Laban hörte mit undeutbarem Gesichtsausdruck zu. Unter dem Gaslicht glich sein sorgfältig gekämmtes Haar dem Fell eines Otters, der gerade aus dem Fluß geglitten war.
Am Ende von Stanleys langem Monolog lächelte sein Sohn. »Du hast dich gut vorbereitet, Vater. Ich glaube, du wirst nicht mal einen Anwalt brauchen, wenn die Aktien so registriert sind, wie du gesagt hast. Ich werde dich jedoch gern vertreten, falls irgendwelche unvorhergesehenen Umstände eintreten sollten.«
»Ich danke dir, Laban.« Eine sirupgleiche Sentimentalität durchströmte Stanley. »Dein elender Bruder ist eine einzige Schande, aber du erfreust mein Herz. Ich bin froh, daß ich die Initiative zu diesem Treffen aufgebracht habe.«
»Ich auch«, sagte Laban. Er rülpste. »Pardon.« Laban hatte bereits einen Sherry zuviel getrunken.
»Nimmst du für mich Verbindung zum >Star< auf? Ich möchte ein geheimes Treffen mit ihrem besten Reporter, so bald wie möglich.«
»Ich kümmere mich gleich morgen früh darum.« Laban schwenkte sein Weinglas. Dann sagte er, dem Blick seines Vaters ausweichend. »Du weißt, daß ich schon immer Schwierigkeiten hatte, Zuneigung für meine Mutter zu empfinden.«