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Er sagte das ganz monoton, im besten Anwaltsstil. Das persönliche Geständnis klang so ganz normal.

»Ich weiß, mein Junge«, murmelte Stanley. Triumphgefühl stieg in ihm auf; er würde überleben und sich zu neuen Höhen aufschwingen. »Aber wir dürfen nicht nachtragend sein. Sie wird unser Mitgefühl brauchen, wenn der Sturm losbricht.«

Drei Tage später, am Samstag, befand sich Stanley in dem Stall hinter dem Herrschaftshaus in der I Street. In Hemdsärmeln, bereits von zwei morgendlichen Whiskys gestärkt, bewunderte er seine Kutschenpferde in den harmonischen Brauntönen. Sie bereiteten ihm die größte Freude in seinem Leben; sie symbolisierten die Annehmlichkeiten des Reichtums.

»Stanley!«

Beim Klang ihrer scharfen Stimme wandte er sich dem Eingang zu.

Eine blasse Sonne versuchte den morgendlichen Dunst vom Potomac zu durchdringen. Im Stall roch es angenehm - nach Erde, Stroh und Pferdemist. Stanley entdeckte ein Exemplar vom >Star< in Isabels Hand.

»Bitte laß uns allein, Peter«, sagt er. Der junge schwarze Stallknecht rieb sich über die Augenbrauen und ging.

Isabel war aschfahl. Sie wedelte mit der Zeitung vor dem Gesicht ihres Mannes herum. »Du fetter, bösartiger Bastard. Wann hast du das getan?«

»Die Aktien zu transferieren? Schon vor einiger Zeit.«

»Damit wirst du nicht durchkommen.«

»Oh, ich glaube, ich bin bereits damit durchgekommen. Gestern gratulierte mir Ben Wade. Er hob meine Ehrlichkeit und meinen Mut angesichts einer derart harten Entscheidung hervor. Er pries meine Zukunft als Republikaner. Soweit ich weiß, betrachtet das Weiße Haus mich als reingewaschen.«

Isabel hörte die Gehässigkeit aus seinem süßlichen Tonfall heraus. Sie wollte ihn beschimpfen, überlegte es sich dann aber anders. Sie spürte die Last ihrer fast fünfzig Jahre; ganz plötzlich fürchtete sie sich vor diesem plumpen Mann in seinem zerknitterten Leinenanzug, den sie so lange verachtet hatte. Sie ging auf ihn zu.

»Was sollen wir tun, Stanley?«

Er wich vor ihrer ausgestreckten Hand zurück. »Ich werde die Scheidung beantragen. Laban hat sich bereit erklärt, die Sache in die Wege zu leiten. Ich kann die Art und Weise, wie du deine Carolina-Läden führst, nicht billigen.«

»Meine?«

»Ich muß an meine Zukunft denken«, fuhr er fort. Isabel sah vor lauter Ungläubigkeit ganz krank aus. »Ich habe jedoch Laban angewiesen, fünfhunderttausend Dollar auf dein Privatkonto zu transferieren. Betrachte es als eine Art Abschiedsgeschenk, auch wenn du mir eine schlechte Ehefrau gewesen bist.«

»Wie kannst du es wagen, so etwas zu sagen? Wie kannst du es wagen?«

Ganz plötzlich bebte Stanleys Stimme. »Weil es stimmt. Du hast mich ständig gedemütigt, hast mich vor meinen Söhnen heruntergemacht. Du hast mir die einzige Frau genommen, die mich je geliebt hat.«

»Diese Tanzhallenschlampe? Du Einfaltspinsel. Die war scharf auf dein Geld, nicht auf dein Geschlechtsteil.«

»Isabel! Das ist ja widerlich.« Tief in seinem Inneren lachte ein kleiner Gnom gehässig auf. Isabel hielt sich auf ihre Vornehmheit viel zugute. Endlich hatte er ihr das Rückgrat gebrochen.

Er fuhr fort: »Diese Bemerkung bestätigt nur meinen Entschluß. Trotzdem gebe ich dir das Geld, damit du den Skandal überstehst. Als Gegenleistung verlange ich lediglich, daß du dich von mir fernhältst. Für immer.«

Die edlen Braunen steckten aus ihren angrenzenden Stallboxen die Köpfe zusammen. Vom Heuboden fiel das heller werdende Sonnenlicht in breiten Streifen herein. Peter pfiff draußen ein Liedchen vor sich hin. Isabels Verblüffung verwandelte sich in Zorn.

»Ich habe dir zuviel beigebracht. Ich habe dir zuviel beigebracht.«

»Stimmt. Als Halbwüchsiger hielt ich nie sonderlich viel von mir oder meinen Fähigkeiten. Meine Mutter ebenfalls nicht. Auch nicht mein Bruder George. Du hast mich davon überzeugt, daß ich Erfolg haben könnte, wenn ich nur ein paar Skrupel über das Wie ablege.« Oh Gott, wie haßte er sie. Zum erstenmal benahm er sich ihr gegenüber richtig gemein. »In deinem fortgeschrittenen Alter kannst du stolz sein auf diese Leistung.«

»Ich habe viel zuviel für dich getan«, kreischte Isabel und stürzte sich mit fliegenden Fäusten auf ihn. Sie war schmächtig, kein Gegner für ihn, schwammig, wie er war. Stanley wollte sie gar nicht so kräftig fortstoßen. Sie knallte mit der Schulter gegen eine leere Stallbox, schrie auf und rutschte dann zu Boden.

Verwirrt starrte sie auf ihren Rock. Er war über und über mit Pferdemist beschmiert.

Der junge schwarze Stallknecht kam hereingestürzt. Stanley war von der Stärke seiner eigenen Stimme selbst überrascht.

»Alles in Ordnung, Peter. Kümmere dich wieder um deine Arbeit.«

»Ich war zu gut zu dir«, sagte Isabel; sie lehnte ihren Kopf gegen die Stallwand und weinte. »Zu gut.«

Blinzelnd sagte Stanley: »Ich bin geneigt, dir zuzustimmen, auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, daß dies von deiner Seite her absichtlich geschah. Und als du zu gut zu mir warst, da hast du einen ernsten Fehler begangen, Isabel.« Er lächelte. »Bitte verlasse das Haus innerhalb von vierundzwanzig Stunden, sonst sehe ich mich gezwungen, dich hinauszuwerfen. Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich bin durstig.«

Er marschierte in den Dunst hinaus; sie blieb zurück, auf den Dreck an ihrem Rock starrend.

65

Richard Morris Hunt hatte das Herrschaftshaus entworfen. Es beanspruchte den gesamten Block zwischen Nineteenth und Twentieth in der South State Street. Es war eine großartige Leistung gewesen, solch einen berühmten Architekten nach Chicago zu locken. Will Fenway hatte - wie bei den meisten anderen Dingen auch - festgestellt, daß er bekam, was er wollte, wenn er ein Drittel mehr als den üblichen Preis zahlte.

Die Extravaganz störte ihn nicht. Es war unmöglich, das Geld so schnell auszugeben, wie er es verdiente. Die Fenway-Fabrik war dreimal expandiert, ihre Lieferfristen lagen momentan bei zehn Monaten, und Ende 1869 hatte Wills Verkaufsdirektor, Le-Grand Villers, drei weitere Firmenvertreter in London, Paris und Berlin angeheuert. Allmählich begann Will zu glauben, daß es in der Welt bei weitem mehr Hurenhäuser als anständige christliche Heime gab.

Will Fenway war bereits achtundsechzig, als er Hunt engagierte. Er wußte, daß er höchstens noch ein Jahrzehnt vor sich hatte, und wollte das Leben genießen. Er hatte Hunt beauftragt, ihm das größte, protzigste Haus zu bauen, das man sich vorstellen konnte. Mr. Hunt hatte an der Ecole des Beaux Arts studiert und war ein Apostel der Architektur des Zweiten Französischen Kaiserreichs.

Hunt plante ein Granitschloß mit siebenundvierzig Räumen und Mansardendächern auf den drei Flügeln. Und überall Marmor: Marmorsäulen, Marmorböden und Marmorkamine. In Wills Billardzimmer hätte ein kleines Häuschen hineingepaßt; in Ashtons Ballsaal drei. Nur ein Vorfall störte den Hausbau. Auf jeder Mansarde saß oben ein gußeiserner Dachkamm. Eines Tages entdeckte Ashton, daß Hunt diese Einfassungen bei Ha-zards in Pittsburgh bestellt hatte. Sie bekam einen Wutanfall und schickte Hunt einen Entlassungsbrief. Als Reaktion darauf erhielt ihr Mann ein wütendes Telegramm von dem Architekten. Will sah sich gezwungen, die Fabrik zu verlassen, wo er von Montag bis Freitag mindestens zwölf Stunden pro Tag arbeitete, und den nächsten Zug nach Osten zu nehmen. Er bat und flehte mehrere Stunden lang, bis Hunt bereit war, den beleidigenden Brief zu übersehen.

Die Krise ging vorüber, und die Fenways bezogen ihr Haus im Frühsommer. Viele angenehme Stunden verbrachten sie damit, einen Namen für das Haus zu suchen. Jede bedeutende Residenz besaß einen Namen. Er wollte es Château Willard nennen. Ashton rebellierte. Anstatt sich an diesem Abend ohne jeden Gedanken an Sex in seine Arme zu schmiegen, begab sie sich in ihre eigene Drei-Zimmer-Suite. Dort blieb sie vier Tage und vier Nächte, bis er an ihre Tür klopfte, um sich zu entschuldigen. Sie ließ ihn ein unter der Bedingung, daß sie den Namen in Château Villard abänderten, mit der Betonung auf der zweiten Silbe. Er schien erleichtert und stimmte zu.