Das Jahr 1869 brachte den Eigentümern von Château Villard unglaublichen Reichtum ein. Will konnte es nicht fassen, was für Summen hereinströmten oder wie viele Fenway-Klaviere die Fabrik verließen. Ein herrlicher Fenway-Konzertflügel befand sich bereits im Planungsstadium; für dieses Instrument lagen sogar schon Bestellungen vor. Angesichts der Gesamtsituation erkannte Ashton, daß sie endlich nach Möglichkeiten suchen konnte, sich an ihrer Familie zu rächen. Als ersten Schritt bat sie Will um ein Privatkonto. Nach Rücksprache mit den Buchhaltern der Fenway Piano Company richtete er ihr ein Konto mit zweihunderttausend Dollar ein. Im Februar beschloß Ash-ton, South Carolina zu besuchen, sobald das Wetter und ihr Terminkalender es zuließen. Sie hatte keinen festen Plan, wie sie gegen ihren Bruder und Orrys Witwe vorgehen wollte; sie wollte lediglich nach Möglichkeiten Ausschau halten.
Das Hauspersonal von Château Villard wurde von drei auf zwölf Personen erweitert, einschließlich zweier Stallknechte. Ashton gab das Geld mit vollen Händen aus, kaufte kistenweise Gemälde, Skulpturen und Bücher.
Ashton versuchte mit den Bewohnern der Häuser oberhalb und unterhalb von Château Villard Kontakt aufzunehmen. Im Norden wohnte Hiram Buttworthy, ein Pferdegeschirr-Millionär und Baptist, ein Mann, der in jede Ecke eines jeden Raumes einen Spucknapf stellte und dessen Frau so häßlich war, daß man hätte glauben können, sie gehöre in eines seiner Pferdegeschirre. Mrs. Buttworthy, eine führende Dame der Gesellschaft, hatte nicht viel übrig für die pompöse Südstaatlerin, die ihren Mann ganz offensichtlich nicht wegen seiner Jugend, seines guten Aussehens oder seiner Aussicht auf ein langes Leben geheiratet hatte.
Im Süden von Château Villard lebte, anscheinend ohne Mann, eine Suffragette namens Sedgwick, deren unverblümte Ansichten und spitze Zunge Ashton an ihre Schwester erinnerten - was ausreichte, daß sie bei ihrem ersten und einzigen Treffen eine sofortige Abneigung gegen sie faßte. Doch Ashton fühlte sich durch ihre Unfähigkeit, mit ihren Nachbarn auszukommen, keineswegs entmutigt. Der Fehler lag bei ihren Nachbarn. Der Preis, den man für große physische Schönheit zahlen mußte, das war ihr schon vor langer Zeit klargeworden, war die Isolation durch eifersüchtige minderwertige Personen.
Will kaufte ein Sommerhäuschen in Long Branch, New Jersey. Er kaufte es ungesehen. Wenn der Kurort am Meer für Präsident Grant und dessen Frau gut genug war, dann war er auch gut genug für ihn. Er kaufte eine herrliche Jacht mit einer Länge von sechzig Fuß und einem Hilfsmotor, die an einem teuren Liegeplatz an der Mündung des Chicago River ankerte. Ashton taufte die Yacht auf den Namen >Euterpe<, nachdem sie die Muse der lyrischen Gesangskunst in einem ihrer selten aufgeschlagenen Bücher gefunden hatte. Sie hatte fast eine Stunde lang in dem Buch gelesen, was sie mürrisch machte und ihr Kopfschmerzen verursachte. Sie war jetzt dreiunddreißig, doch ihre Interessen hatten sich seit ihrer Mädchenzeit nicht geändert. Sie schätzte ihr Aussehen, Männer, Macht und Geld und fand alles andere lästig und störend.
Ashtons geplanter Besuch in South Carolina wurde durch eine Inspektionsreise zu dem möblierten Haus am Jersey-Strand hinausgezögert. Die Wohnzimmerwände waren mit bunten Aufnahmen der Rockies und der kalifornischen Küste dekoriert. Will bewunderte die billige Kunst und meinte, hier fühle er sich wohl.
Aber die Sommersaison hatte noch nicht begonnen, und Ashton schmollte und nörgelte, bis er mit ihr nach New York fuhr, wo sie Bryant's Minstrels sahen, Lydia Thompson and her British Blondes und Mr. Booth's Produktion von >Romeo und Ju-lia<. Letzteres war so gefragt, daß Will einem Halsabschneider hundertfünfundzwanzig Dollar pro Eintrittskarte zahlen mußte. Dann schlief er im zweiten Akt ein und begann zu schnarchen.
Ashton kaufte drei Schrankkoffer mit neuer Kleidung. Die Straßen der Städte waren in solch einem jämmerlichen Zustand, daß der Kleidersaum einer Dame schon nach kurzer Zeit völlig verschmutzt war. Ashton machte sich nie die Mühe, diese Kleidungsstücke säubern zu lassen; sie warf sie einfach weg. Gelegentlich entdeckte sie sie später bei ihrem Dienstpersonal wieder, die die Sachen aus der Mülltonne gerettet hatten.
Will hatte nichts dagegen. Er bewunderte die üppige Figur seiner Frau und liebte es, sie gut gekleidet zu sehen. Sie konnte all das Geld für ihre Kleidung ausgeben, das er an der seinen sparte. Er liebte es eher gemütlich, und zum Teufel mit dem, was die anderen dachten.
»Ich werde dich vermissen«, sagte Villers und fuhr mit seiner Hand langsam zwischen Ashtons Beinen nach oben.
»Ich bin doch nicht lange weg, Darling. Eine Woche oder zwei.«
»Achtundvierzig Stunden ohne das ist mittlerweile schon zuviel für mich.«
Sie lachte, nahm seine Hand, drückte sie auf ihre linke Brust und räkelte sich genüßlich.
LeGrand Villers war ein kräftiger, vitaler Mann mit dichtem, dunkelblondem Kraushaar. Er war Nordstaatler; früher hatte er sich seinen Lebensunterhalt mit Kartenspiel auf den Mississippischiffen verdient. Obwohl er nicht besonders aussah, wirkte er ungemein männlich und hatte etwas sehr Anziehendes an sich. Vor zwei Jahren war er in die Fenway-Büros marschiert gekommen und hatte vorübergehend Arbeit gesucht, um Spielschulden zurückzahlen zu können; seitdem hatte er sich vom einfachen Angestellten über den Verkäufer zum Verkaufsmanager hochgearbeitet, wobei er unterwegs auch noch Ashton verführt hatte. Villers war eindeutig der am besten bestückte Liebhaber, den Ashton je gekannt hatte. Deshalb war er auch in ihrem Kistchen mit zwei Knöpfen vertreten.
Durch ein Bullauge über der Koje fiel Sonnenschein auf Ash-tons Bauch und Oberschenkel. Die >Euterpe< schwankte leicht an ihrem Liegeplatz. Vor der Mittagszeit wurden der Kapitän und sein Maat niemals nüchtern, kamen also nie an Bord, weshalb die Jacht für Schäferstündchen geradezu ideal war.
»Nun, ich gebe zu, daß du mich auch verrückt machst, LeGrand.« Powell hatte besser ausgesehen, war aber nicht ganz so potent gewesen.
»Und du glaubst wirklich, Will weiß nach all diesen Monaten immer noch nicht über uns Bescheid?«
»Er weiß, daß ich Liebhaber habe, doch wir sprechen nicht darüber. Er versteht, daß ich eine junge Frau mit gewissen, äh, Bedürfnissen bin.«
»Eines dieser Bedürfnisse scheint zu sein, daß du nach Carolina mußt. Kann mir nicht vorstellen, warum. Ich habe einmal Georgia besucht. Nichts als Schwarze und hochmütige Mädels und nuschelnde Gauner, die >Ja, Sir< murmeln, während sie überlegen, wie sie dich übers Ohr hauen können.«
»LeGrand, dafür sollte ich dich aus meinem Bett werfen. Ich bin ein Stüdstaatenmädel.« Sie hatte es gerade mit dem schweren Akzent demonstriert, den sie während ihrer Jahre im Norden nach und nach unterdrückt hatte. Sie hatte sich an alles im Norden gewöhnt bis auf die heulenden weißen Winterstürme in Chicago, die eine Art von Fluch sein mußten, den Gott den Yankees auferlegt hatte.
»Ich möchte meine Familie besuchen«, fügte sie hinzu. Ihre Augen schimmerten wie blauschwarze Achate. »Ein freundschaftlicher Besuch.«
»Freundschaftlich?« Villers Hände begannen wieder, an ihr herumzuspielen. »Ich hab' noch nie gehört, daß du über diese Leute ein freundliches Wort verloren hättest.«
Sie strich ihr offenes Haar über die Schultern zurück und warf einen Blick auf die ganz in der Nähe tickende Uhr. Erst Viertel vor elf. Gut.
»Nun, ich habe mich geändert, LeGrand. Menschen ändern sich nun mal.«