Und dann war da noch das Problem mit dem Jungen, der das Lächeln verlernt hatte.
Gus blieb ein höfliches Kind. Leise kam er ins Schlafzimmer, den kleinen, runden Hut, den Willa ihm in Leavenworth gekauft hatte, auf dem Kopf. Seine Füße in den Ledersandalen zogen eine Spur von Wasserflecken hinter sich her. Willa mußte darauf bestanden haben, daß er sich nach dem Spielen draußen wusch. Doch zwischen seinen Zehen befand sich immer noch Schlamm.
Gus stellte sich neben das Bett seines Vaters. »Geht es dir gut, Papa?«
»Viel besser heute. Könntest du mir etwas Wasser einschenken?«
Der kleine Junge legte seinen Hut auf das Bett und nahm die Tasse und die große Porzellankaraffe. Wasser gurgelte in die Tasse. Gus beobachtete den Strahl sorgfältig. Auf der rechten Wange des Jungen verhärtete sich Bents Schnitt zu einer Narbe; ein dunkler Kamm in einer sonnendurchfluteten Landschaft.
Gus berührte die Narbe häufig, sprach aber nie davon, genausowenig wie von der schlimmen Zeit auf der Whisky-Ranch. Willa, die zugab, daß sie keine Expertin für psychische Probleme war, vertrat nichtsdestoweniger die Ansicht, daß einem schon der gesunde Menschenverstand sagte, die Sache für eine Weile ruhen zu lassen.
Gus reichte seinem Vater die Tasse. Das Wasser schmeckte lauwarm. »Rat mal, was ich unten bei der Sägemühle gesehen habe, Papa.«
»Was denn?« fragte Charles.
»Einen großen weißen Vogel mit Beinen wie Stecken. So lang. Er stand im Wasser, flog dann aber weg.«
»Silberreiher«, sagte Charles.
»Rat, was ich noch gesehen habe. Ich habe andere Vögel gesehen, die in einer Linie flogen. Ich habe fünf Stück gezählt. Der erste hat so gemacht«, er schwenkte die Arme nach oben und nach unten, »und die anderen machten es genauso. Als der erste damit aufhörte, hörten die anderen auch auf. Sie hatten so komische Schnäbel, ganz große Schnäbel.« Er schob die Lippen vor. »Sie sind dorthin geflogen.« Er deutete Richtung Meer.
»Vielleicht braune Pelikane. Ganz schön weit flußaufwärts. Hat es dir Spaß gemacht, ihnen zuzuschauen?«
»Ja, es hat mir Spaß gemacht.« Keine Spur von Freude schwang in seiner Antwort mit; nicht das kleinste Lächeln zeigte sich auf seinen Lippen, die Charles immer an Augusta Barclay erinnerten. Wie lange würde es dauern, bis die seelischen Wunden des Jungen verheilt waren? Ewig?
»Ich hab' jetzt Hunger«, sagte Gus und verließ das Zimmer.
Charles drehte den Kopf von der Tür weg. Vertraute Schuldgefühle stiegen in ihm auf, eine Art Übelkeit. Er sah die Narbe deutlich vor sich. Er hatte es geschehen lassen.
Er hatte vieles wiedergutzumachen. Er mußte ihm etwas Besseres als Narben mit auf seinen Weg geben. Das Wertvollste, woran er denken konnte, war Geld. Väterliche Zuneigung und Aufmerksamkeit - diese Dinge waren für ihn Selbstverständlichkeiten. Aber das war nicht genug. Nicht annähernd genug wegen der Narben - der sichtbaren und der tief im Inneren versteckten unsichtbaren Narben.
Nach Einbruch der Dunkelheit, als die Teichfrösche und Ziegenmelker ihr nächtliches Konzert anstimmten, kam Willa herein und setzte sich zu ihm. Charles drehte den Lampendocht höher, um sie besser sehen zu können. Ihr Haar glänzte wie Weißgold.
»Ich suche immer noch nach dem richtigen Ort für uns«, sagte sie. »Mir ist es egal, wo er ist; ich gehe mit dir, wohin du willst.«
»Was ist mit deinem Beruf als Schauspielerin? Du wirst ihn doch nicht aufgeben wollen, oder?«
Sie wischte sich etwas Mehl vom Daumen. »Ich will es nicht, aber ich werde es.« Sie musterte ihn. »Moment mal. Du hast doch irgendwas im Sinn.«
Er richtete sich auf, schob das Kissen unter seine Schultern. In seinem Haar zeigte sich jetzt schon viel Grau. Er hatte sich Schnurrbart und Bart abrasiert, und Madeline und Willa hatten beide gesagt, er sehe zehn Jahre jünger aus. »Ich habe vorgestern daran gedacht, kurz bevor Leander mir die Kugel rausholte und ich ohnmächtig wurde. Texas. Ich liebe Texas. Ich habe es gelernt, Soldat zu spielen, weshalb also sollte ich es nicht lernen, Rancher zu spielen?«
»Du meinst Viehzucht?«
»Richtig. Ich könnte ein Haus für uns bauen und eine Herde zusammenstellen. Der Fleischmarkt ist gut. Immer mehr Vieh wird nach Osten verladen.«
»Ich war noch nie in Texas«, sagte sie.
»Es gibt gottverlassene Stellen. An anderen Stellen ist es wunderschön.«
»Wovon sollen wir leben? Ich habe nicht viel gespart.«
»Ich könnte für jemanden arbeiten, bis ich das Geschäft gelernt und was beiseite gelegt habe.«
Sie preßte ihren warmen Mund auf den seinen. »Du wirst eine ganze Menge sparen müssen. Ich will ein riesiges, altes Haus. Ich möchte Gus zusammen mit seinen Brüdern und Schwestern aufziehen.«
»Ich schaff es, Willa.« Endlich belebte sich seine Stimme. »Die Wahrheit ist, ich will reich werden.« Um für die Narben zu bezahlen. »Wir könnten uns in der Nähe einer passablen Stadt niederlassen, damit ich dir ein Theater bauen kann, wenn das Geld hereinströmt. Ein Opernhaus, das allein dir gehört.«
Sie umarmte ihn. »Charles, das ist ein wunderbarer Traum. Ich glaube wirklich, du wirst es tun.«
Er schaute hinaus zu den Schatten einer Frau und eines Jungen vor der halboffenen Tür. Er hörte die Stimme von Gus, der Madeline eine Frage stellte. »Ich verspreche es«, sagte er.
Anfang Juni im Flachland; noch süßer und strahlender, als Ash-ton es in Erinnerung hatte. Warme Luft, noch nicht von der dumpfen Schwüle des Hochsommers verpestet. Ein makellos blauer Himmel strahlte Ruhe und Frieden aus.
Das Pferdegespann hatte die Farbe von Milch. Jedes Pferd trug eine weiße Quaste am Zaumzeug. Die Kutsche war ein Landauer mit glänzend gelackten seitlichen Paneelen. Bevor sie
Charleston verließen, hatte Ashton darauf bestanden, daß die beiden Schwarzen in Livree das Verdeck herunterfalteten.
Sie saß mit dem Gesicht nach vorn in der Mietkutsche. Schattenmuster flogen über sie. Ihre dunklen Augen hatten einen feuchten Schimmer. Von den Schauplätzen und Düften ihrer Kindheit umgeben, mußte sie gegen einen plötzlichen Anfall von Sentimentalität ankämpfen.
Unbeeindruckt von dem Zauber der Szenerie saß ihr Favor Herrington, Esquire, gegenüber, ein Anwalt aus Charleston, der ihr empfohlen worden war, als sie sich nach jemandem erkundigt hatte, der den Erfolg vor die Berufsethik stellte.
Mr. Herringtons Erscheinung und seine Haltung waren eher unscheinbar. Er war ein blasser, schmächtiger Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren mit einem so kleinen, zierlichen Schnurrbart, daß er wie ein zufälliger Federstrich wirkte. Unter seiner zurückweichenden Unterlippe saß ein kleiner Teigklumpen als Kinnersatz. Herringtons schwerer Akzent war nach Ash-tons Meinung ihrer eigenen, kultivierten Charleston-Sprache weit unterlegen. Bei ihrem ersten Treffen hatte der Anwalt ihr nichtsdestoweniger so geschmeichelt und sie mit solch schmieriger Unterwürfigkeit behandelt, daß sie sofort erkannte, daß er von ihrer Sorte war. Hinter diesem Benehmen verbarg er, daß er völlig skrupellos war.
Ashton erinnerte sich an dieses Straßenstück. Ihre Kehle wurde trocken. »Langsamer, Kutscher. Da vorn ist die Abbiegung.«
Herrington befestigte den Messinghaken an der alten Ledertasche, in der sich sämtliche Papiere befanden. Er rückte seine Krawatte zurecht, als der Landauer in die Zufahrt einbog. Durch ihren dunklen Schleier sah Ashton den gelblichen Rohbau des neuen Mont Royal.
Das Haus war ja riesig!
Um so besser.