»Ich habe die Ehre, Ihnen diese Dokumente zu präsentieren«, sagte Favor Herrington. »Vertrag, Verkaufsrechnung, Titel - und das hier, dem Sie bitte Ihre besondere Aufmerksamkeit schenken sollten.«
Ashtons Anwalt hatte erwartet, die vollbusige Mulattin anzutreffen, an die er seine Bemerkungen gerichtet hatte. Mit der Anwesenheit des Mannes mit den mächtigen Händen und der wettergegerbten Haut, der im blauen Nachthemd herausgehinkt kam, hatte er allerdings nicht gerechnet. Er wußte auch nicht, wer die junge kesse Frau mit den hellblonden Haaren war. Vielleicht die Gefährtin des Mannes.
Die Kutsche stand ganz in der Nähe. Die beiden Schwarzen in Livree tätschelten und besänftigten die Schimmel. Charles musterte aufmerksam die Frau, die regungslos auf dem Rücksitz saß. Sie trug burgunderfarbenen Samt und einen schweren, schwarzen Schleier.
Etwas Bedrohliches ging von ihr aus; etwas, das ihn an - ja, woran erinnerte?
Mit starrem Gesichtsausdruck nahm Madeline das Dokument entgegen, das Herrington ihr zuletzt gereicht hatte. »Dies ist ein Räumungsbefehl«, sagte der Anwalt. »Gestern wurde bei der Pal-metto-Bank die Hypothek der Mont-Royal-Plantage gelöscht und der Besitz an meine Klientin verkauft.« Er deutete auf die verschleierte Frau.
Madeline warf Charles einen verwirrten Blick zu. Sie blätterte Seite um Seite mit eng beschriebenen Klauseln um. Dann entdeckte sie einen Namen. »Mrs. W.P. Fenway. Ich kenne keine Mrs. Fenway.«
»Aber gewiß doch, meine Liebe«, sagte die Frau in der Kutsche. Sie trug malvenfarbene Handschuhe. Ihre Hände wirkten so graziös wie flatternde Vögelchen, als sie den Schleier hob.
»Ich hätte nie gedacht, dich wiederzusehen, Cousin Charles.« Ashton stand in dem Gras neben dem weißgetünchten Haus. Gehässigkeit funkelte in ihren dunklen Augen. »Wo hast du nur gesteckt all die Jahre? Du siehst ja furchtbar alt aus.«
Er hätte das gleiche von ihr sagen können. Doch ihre Schönheit war unverändert, war fast perfekt. Es überraschte ihn nicht. Er konnte sich erinnern, wie sie früher jedem Sonnenstrahl ausgewichen war und stundenlang an sich herumgeputzt hatte, bis sie in einem neuen Partykleid erschienen war. Ihr Aussehen hatte ihr immer sehr viel bedeutet. Anscheinend hatte sich da nichts geändert. Es waren ihre Augen, die verrieten, was die Zeit ihr angetan hatte. Diese hochmütigen, harten Augen. Wo war sie gewesen? Was hatte sie gesehen und getan?
»Was willst du hier?« fragte Madeline; sie kämpfte immer noch um ihre Fassung, nachdem die Besucherin ihren Schleier gelüftet hatte.
»Mont Royal«, sagte Ashton mit einem bösartigen Flirren ihrer Augen, »ist das Land meiner Familie. Das Land der Mains. Es gehört nicht dir. Dein Mann, mein Bruder, hat mich von diesem Land vertrieben. Ich habe mir stets geschworen, ich komme zurück und mache das gleiche. Oder Schlimmeres.«
»Ashton, um Himmels willen - Orry ist seit über vier Jahren tot.«
»Das berichtete man mir. Ein Jammer.« Sie trat auf die Veranda, spähte ins Haus. »Wie primitiv. Als erstes werde ich gleich ein neues Fenway-Piano in das neue Haus stellen lassen. Man findet sie in den besten Salons.«
Willa hielt den Atem an. »Das war es, was mir nicht einfallen wollte. Fenway-Pianos. Sam kaufte letzte Weihnacht ein Fenway für das Theater.«
»Ja, das ist die Firma meines Mannes. Und sie expandiert so wahnsinnig schnell. Der Erfolg zieht den Erfolg nach sich, findet ihr nicht auch?«
Madeline schaute benommen drein. Als Charles ihr das Dokument aus der Hand nahm, sagte sie: »Mein Gott, was geht hier vor?«
»Aber simpler geht's doch gar nicht mehr, Liebste«, trällerte Ashton. »Ich habe die gesamte Plantage gekauft.«
»Von Cooper?« fragte Madeline ungläubig.
»Ja, natürlich, da brauchst du gar nicht so überrascht zu tun. Es stimmt, daß ich den Kauf anonym getätigt habe. Ich meine, ich trat zu keiner Zeit persönlich in Erscheinung, also weiß mein lieber Bruder nicht, daß Mrs. Fenway außerdem noch seine nicht gerade liebevolle Schwester ist. Ich könnte mir vorstellen, daß er ein bißchen in Erregung gerät, wenn er die Täuschung entdeckt. Aber ich glaube nicht, daß er den Verkauf bedauert. Er hat einen guten Preis bekommen; abgesehen davon ist er, soviel ich weiß, recht unglücklich über deine Leitung der Plantage. Du hast dich geweigert, dich wie eine anständige weiße Frau zu benehmen. Statt dessen machtest du mit deiner Niggerschule Reklame. Nun, für Cooper war der Verkauf die einzige Möglichkeit, aus dem Vertrag mit dir herauszukommen. Man hat mir erzählt, er habe dafür auch noch einen weiteren guten Grund. Du warst seiner Tochter behilflich, fortzulaufen und irgendeinen Nordstaatenausbeuter zu heiraten. Aber du und Orry, ihr wart ja schon immer ein verrücktes selbstgerechtes Pärchen. Mr. Dawkins sagt, Charleston könne es kaum erwarten, daß du verschwindest. Das gilt übrigens auch für mich.«
In dem anschließenden Schweigen konnte man den Haß fast mit Händen greifen. Asthon ließ ihren Blick über die nackten Balken des neuen Hauses schweifen. »Willard und ich haben über eine Winterresidenz in einem milderen Klima als dem von Chicago gesprochen. Das hier müßte ideal sein.«
Willa bohrte, ohne es zu merken, ihre Finger in Charles' Arm. Sie verstand nicht ganz, was alles hinter dieser Konfrontation steckte, aber der furchtbare Ernst der Lage war ihr durchaus klar. Von dem Hang, der hinunter zum Ashley führte, drangen Geräusche hoch; Gus jagte hinter einem halben Dutzend Gänsen her.
Madeline atmete tief ein. »Ashton, ich habe nur dieses Zuhause. Ich bitte dich ...«
»Bitten? Wie bezaubernd. Wie drollig. Das muß ja eine ganz neue Erfahrung für dich sein.«
Zornesröte schoß Madeline plötzlich ins Gesicht. »Du weißt ja gar nicht, was du mit dieser Plantage gekauft hast. Mont Royal ist nicht mehr das, was es zu deiner Zeit war - eine träge, geschützte Insel. Es ist ein kompliziertes Geschäft geworden. Teil einer harten, komplizierten Welt. Wir bauen nur noch soviel Reis an, wie wir für unseren eigenen Bedarf benötigen. Wir hängen völlig von der Sägemühle ab und der Ausbeutung der Phosphatfelder. Fast vierzig Männer leben hier. Freie Männer mit ihren Familien. Sie arbeiten, damit sie ein Zuhause und eine Schule für ihre Kinder haben. Du wirst nicht die Verantwortung für sie übernehmen wollen.«
»Madeline, Liebes, ich habe Mont Royal bereits gekauft. Deshalb ist das alles doch nur leeres Gerede.«
»Nein. Du mußt für diese Leute sorgen.«
»Einen Haufen Nigger? Oh, pfui«, sagte Ashton achselzuckend. »Die schwarzen Republikaner haben sie aufgehetzt, Dinge zu wollen, die ihnen nicht zustehen. Mein armer erster Mann James taugte zwar nicht viel, aber in bezug auf die Wertlosigkeit der Nigger hatte er recht. Von mir haben sie nichts zu erwarten. Sie können den ganzen Tag für einen Schluck Wasser und einen Kanten Brot arbeiten oder verschwinden und ihr ganzes Pack gleich mitnehmen.«
»Ashton - bitte! Zeig doch ein bißchen Menschlichkeit.«
»Menschlichkeit?« schrillte sie, jetzt nicht mehr lächelnd. »Oh nein. Meine Menschlichkeit hat sich an dem Tag aufgelöst, als dein verdammter Mann mich von meinem Geburtsort verjagte. Ich habe geschworen, ich käme zurück, und ich bin zurückgekommen. Jetzt bist du es, die verjagt wird - und gute Reise.«
Erneutes Schweigen. Madeline starrte Charles an, der auf dem Räumungsbescheid die entsprechenden Unterschriften der Gerichtsbeamten gesucht hatte. Sie waren alle vorhanden.
»Hier ist kein Datum angegeben«, sagte er. »Wie lange haben wir Zeit?«
Süßlich schnurrte Ashton: »Nun, wollen mal sehen. Ich möchte das hier alles in Besitz nehmen, bevor ich nach Chicago zurückkehre, was bald geschehen muß. Mein Ehemann Wil-lard ist ein älterer Herr, versteht ihr. Er braucht meine Gesellschaft. Natürlich möchte ich nicht ungastlich erscheinen. Ich halte mich für eine sensible Christin. Heute haben wir ...« Sie seufzte. »Mr. Herrington?«