»Freitag, Mrs. Fenway. Den ganzen Tag. Jawohl, Ma'am.«
»Sagen wir, bis nächsten Freitag um die gleiche Zeit? Ich erwarte, daß du mitsamt deinen, äh, Pensionsgästen bis dahin alles gepackt hast. Natürlich kannst du auch bleiben und für mich wie jeder andere Nigger arbeiten.«
Madeline senkte grimmig den Kopf. Charles trat auf sie zu, um sie zurückzuhalten. Ashtons makelloses Lächeln verblüffte ihn erneut. Er fragte sich, warum das Böse seine besten Jünger so ungezeichnet ließ.
»Freitag«, sagte Ashton.
Sie wollte gerade zu dem Landauer zurückkehren, da bemerkte sie Gus, der den Hang hochkam, um die Besucher näher in Augenschein zu nehmen. Der Junge blieb neben einer großen Eiche stehen, die einen dunklen Schatten über seine vernarbte Wange warf.
»Meine Güte, was für ein häßlicher kleiner Junge. Deiner, Cousin Charles?«
Eine Antwort wartete sie nicht ab.
Madeline schaute zu dem unfertigen Haus hinüber. Tränen der Niederlage glänzten in ihren Augen. »Orry, es tut mir so leid. Es tut mir leid, daß ich alles zerstört habe.«
Lange Zeit blieb sie so stehen, verloren in Schmerz und Selbstvorwürfen. Charles rief ihren Namen. Sie schien es nicht zu hören. Wieder sprach er sie an. Keine Reaktion. Er hob die Stimme an und schaffte es so, durch die tränenreiche Mauer ihres Schocks zu dringen.
Als sie dann seinen Vorschlag hörte, fragte sie, warum. »Wir wissen nicht mal, wo er ist. Und wenn, wie könnte er uns helfen? Die Dokumente sind vollkommen legal. Der Verkauf kann nicht rückgängig gemacht werden.«
Rauh sagte er: »Madeline, ich glaube nicht, daß du verstehst. Heute in einer Woche wirst du hier rausgejagt. Wieviel hast du auf deinem Konto?«
»Nur ein paar Dollar. Ich mußte den Bauarbeitern und Mr. Lee, dem Architekten, jeden Monat eine beträchtliche Summe zahlen. Das hat fast mein gesamtes Einkommen aufgezehrt.«
»Und jetzt kommt nichts mehr herein, nachdem Ashton die Besitzerin der Plantage ist. Ich werde die Nachricht abschicken. Es geht doch nur um einen Ort, wo du bleiben kannst, bis du dich erholt hast. Ich habe dir nichts zu bieten. Coopers Haus ist dir verschlossen.«
»Mein Gott, glaubst du, ich würde ihn um irgendwas bitten, nach allem, was er uns angetan hat?«
»Zugegeben. Zugegeben. Ich sage ja nur, daß man in solchen Zeiten keine andere Wahl hat, als sich an seine Freunde zu wenden.«
»Charles, ich werde nicht betteln!«
»Doch. Genau das müssen wir jetzt tun. Ich habe so das Gefühl, wenn du das schon vor langer Zeit getan hättest, dann würde jetzt alles anders aussehen. Jetzt bleibt keine andere Wahl.«
Sie hielt seine Idee für unerträglich demütigend. Aber sie war zu erschöpft und machte keine weiteren Einwände. Eine Stunde später ritt Charles auf einem Maultier los, eine Staubfahne hinter sich herziehend. In seinen zerrissenen Hosen steckte Geld und eine telegraphische Botschaft, adressiert an George Hazard in Lehigh Station, Pennsylvania.
67
Es kam der Tag, an dem alles anders war. Er wußte es in dem Moment, in dem er erwachte.
Das gewaltige Schlafzimmer hatte sich nicht verändert. Die Nymphen und Cherube, die sich miteinander an der Zimmerdecke vergnügten, hatten sich nicht verändert, ebensowenig wie die ganze Villa oder der Duft des Morgenkaffees. George selbst hatte sich verändert. Er fühlte sich nicht wirklich gut. Rein kör-perlich gesehen war alles wie immer; die leichten morgendlichen Magenbeschwerden, die von dem Rotwein herrührten, den er so liebte und auf den er nicht verzichten wollte. Nein, die Sache war subtiler, aber nichtsdestoweniger real. Er fühlte sich geheilt.
Er betätigte den Klingelzug und blieb im Bett liegen, bis sein Diener an die Tür klopfte und mit einem silbernen Kaffeeservice und einem Brioche eintrat. Er lag bequem und entspannt da; Erinnerungen an seine beiden Kinder, die er seit letztem Sommer nicht mehr gesehen hatte, überwältigten ihn. In seiner Phantasie tauchten Bilder der großen Berge hinter Lehigh Station auf, an deren Hängen der Lorbeer blühte. Er sehnte sich danach, über diese grünen Höhen zu spazieren und auf die Stadt, auf Belvedere und Hazards hinabzublicken: die stolze Summe dessen, was sein Leben ausgemacht hatte.
Ein plötzliches Schuldgefühl quälte ihn. Er wollte nicht sorgenfrei sein und damit Constances Andenken untreu werden. Die telegraphische Nachricht von Bents Hinrichtung, die Wo-therspoon an ihn weitergesandt hatte, enthob ihn nicht seiner Verpflichtung, um sie zu trauern. Und doch war dieser Morgen - nun ja, irgendwie hatten sich die Schwerpunkte verschoben. Er wollte nicht ewig isoliert in der Schweiz leben. Das war ein ganz klarer, neuer Gedanke.
Sein Diener sagte in elegantem Französisch: »Mr. Hazard, ich darf Sie daran erinnern, daß heute morgen der Gentleman ankommt, der seine Karte letzte Woche geschickt hat. Um zehn Uhr.«
»Danke«, sagte George. Der schwarze Kaffee in der feinen Porzellantasse schmeckte wunderbar; der Koch machte ihn stets stark. Er war neugierig auf diesen Mann, der seine Karte geschickt hatte, ein Journalist aus Paris, dem er nie zuvor begegnet war. Was wollte der Mann von ihm? Er war begierig darauf, es herauszufinden.
Er kletterte aus dem Bett und ging barfuß zu dem kleinen Schreibtisch. Vor ihm lag in einem kleinen Fach ein dünnes, gelbliches Blatt mit Charles' Nachricht aus Leavenworth. Er kannte den Text auswendig. Beim ersten Lesen war Dankbarkeit in ihm aufgestiegen, sogar eine gewisse bösartige Erregung, als er sich Bents letzte Stunde vorstellte. Darüber war er nun hinweg. Er ging zu dem kleinen, grünen Marmorkamin, in dem sein Diener an kühlen Morgen wie dem heutigen stets ein Feuer entzündete, und ließ das gelbe Blättchen in die Flammen fallen. Alles war anders.
Sein Besucher, ein Mann um die Sechzig, machte aufgrund seines schlampigen Äußeren einen schlechten Eindruck. Getrockneter Schlamm bedeckte seine Kavalleriestiefel. Er trug einen Militärmantel mit hochgestelltem Kragen, von dem die Insignien abgerissen worden waren. Die Finger seiner Handschuhe hatte er abgeschnitten. Sein Haar war lang, verbarg die Ohren und ging vorn gleich in einen brustlangen Bart über. Er hatte einen Lederhandkoffer dabei, voll mit Büchern und Papieren, die an Ecken und Rändern kreuz und quer beschrieben waren. Laut seiner Visitenkarte handelte es sich bei dem Mann um M. Marcel Levie, Paris, politischer Korrespondent von >La Libertés
George erkannte schnell, daß das äußere Erscheinungsbild seines Gastes nur eine Pose war, wahrscheinlich, um sich eine Aura liberaler Intelligenz zu geben. Er reagierte schnell, als George ihn fragte, ob er eine Erfrischung wünsche. Obwohl es erst zehn Uhr fünf war, bestellte Levie einen Cognac.
Sie saßen auf der sonnigen Terrasse über dem See. George nippte an seinem zweiten und letzten Kaffee. M. Levie sagte: »Unsere Gruppe in Paris hat erfahren, daß der reiche amerikanische Stahlproduzent George Hazard Urlaub in der Schweiz macht.«
»Nicht gerade Urlaub«, sagte George, ohne eine weitere Erklärung abzugeben.
»Man hat mich ausgewählt, Kontakt mit Ihnen aufzunehmen und, wenn möglich, Sie für einen Plan zu begeistern.«
»Monsieur Levie, im Augenblick leite ich meine Gesellschaft nicht aktiv. Deshalb bin ich auch nicht in der Lage, Investitionen zu tätigen. Es tut mir leid, daß Sie die Reise umsonst gemacht haben.«
»Aber keineswegs. Die Sache hat nur im weitesten Sinne etwas mit dem Geschäft zu tun. Ich bin hier im Auftrage unseres Vorsitzenden, Professor Edouard-René Lefèbre de Laboulaye.« George runzelte die Stirn, was den Journalisten veranlaßte, den Namen zu wiederholen. Er kam George irgendwie bekannt vor, obwohl er nicht hätte sagen können, woher.
»Neben seinen anderen Verpflichtungen hatte der Professor jahrelang den Vorsitz der französischen Anti-Sklaven-Gesell-schaft inne. Er ist ein großer Bewunderer der amerikanischen Freiheit. Ich erinnere mich an seine Begeisterung an jenem Abend vor einigen Jahren in seinem Haus in Glatingly, als wir gerade erfahren hatten, daß Lee besiegt war.«