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»Schön«, sagte George, »fahren Sie bitte fort.«

»Mein Freund, der Professor, glaubt ebenso wie ich, daß Amerika und Frankreich Schwestern der Freiheit sind. General Lafa-yette half Ihnen bei der Erringung Ihrer Unabhängigkeit. Jetzt steht Amerika als wichtiger Leuchtturm der Freiheit und der Menschenrechte da«, Levie ließ seine Blicke wie ein Verschwörer über die Terrasse schweifen, »während Frankreich ernste Probleme hat.«

Endlich hatte George einen politischen Anhaltspunkt. Sein Besucher war ein Liberaler und höchstwahrscheinlich kein Anhänger von Kaiser Napoleon III.

Levie sprach weiter: »Was mein Freund und damit unsere Gruppe vorschlägt, ist ein symbolisches Geschenk an Ihr Land. Ein Monument oder eine Statue in irgendeiner Form, die gegenseitige Freundschaft und den Glauben an die Freiheit repräsentiert.«

»Ah«, sagte George. »Und wer würde ein solches Geschenk finanzieren?«

»Das französische Volk. Vielleicht durch einen öffentlichen Beitrag. Die Einzelheiten sind bis jetzt noch recht verschwommen. Doch unser Ziel ist klar. Wir möchten das Monument rechtzeitig zum hundertsten Jahrestag ihres Landes präsentieren. Ich gebe zu, das hat noch einige Jahre Zeit, aber ein Projekt dieser Größe läßt sich nicht von heute auf morgen vollenden.«

»Sprechen Sie von einer Art Statue für einen Park, Monsieur Levie?«

»Oh, größer, viel größer. In der Nacht, in der dieser Plan entstand, war aus ganz anderem Grund ein junger Bildhauer anwesend. Ein Elsässer, Bartholdi. Talentierter Bursche. Er wird das Monument entwerfen.«

»Und was wünschen Sie dann von mir?«

»Das gleiche, um das wir jeden bedeutenden Amerikaner bitten, den wir auf dem alten Kontinent kontaktieren können. Unterstützung für unsere Idee. Das Versprechen, auch in Zukunft für sie einzutreten.«

Der bisherige Verlauf des Tages hatte George in solch gute Stimmung versetzt, daß er sagte: »Ich glaube, das kann ich Ihnen ohne Einschränkung zusagen.«

»Großartig! Das wäre ein gelungener Coup für uns. Außerdem versuchen wir noch, bis jetzt weniger erfolgreich, abzuschätzen, ob eine solche Gabe von der amerikanischen Regierung und dem amerikanischen Volk willkommen geheißen würde.«

George zündete sich eine Zigarre an und schlenderte an die Balustrade. »Es ist sehr klug von Ihnen, diese Frage zu stellen, Monsieur Levie. Auf Anhieb sollte man erwarten, daß so ein Geschenk willkommen ist, doch die Amerikaner können ein widerspruchsvolles Völkchen sein. Ich bekomme regelmäßig Zeitungen aus der Heimat geschickt. Was ich ihnen entnehme, ist folgendes: Alles, was aus dem Ausland kommt, ist verdächtig.« Nachdenklich rollte er die Zigarre zwischen seinen Fingern. »Das würde vor allem auf das Geschenk eines Landes zutreffen, das zwischen der Rechten und der Linken zerrissen und bereit ist, sich in einen Krieg gegen Preußen zu stürzen.« Er zog an seiner Zigarre. »Das vermute ich jedenfalls.«

Niedergeschlagen sagte der Journalist: »Das bestätigt, was Edouard von den Mitgliedern der Philadelphia Union League erklärt wurde.«

George deutete mit seiner Zigarre. »Da hab' ich den Namen schon mal gehört. Er steht in unserem Register.«

»Das stimmt, obwohl es ihm nie vergönnt war, ihr Land zu besuchen.«

Sie diskutierten eine Weile über das politische Klima in Europa. Levie äußerte sich abwertend über den preußischen Kanzler, Otto von Bismarck, und seinen Generalstabschef Moltke. »Sie sind deutlich darauf aus, die Spannungen bis zum Kriegsausbruch voranzutreiben. Bismarck träumt von einer Vereinigung der deutschen Staaten - einem neuen Imperium, wenn Sie so wollen. Unglücklicherweise läßt sich unser eigener sogenannter Imperator von seinen Täuschungsmanövern einlullen. Er glaubt, er hätte eine unbesiegbare Armee aufgebaut. Das hat er nicht. Außerdem verfügt Moltke über mächtige Kanonen, ein hervorragendes Spionagesystem und Bismarck, der ihn antreibt. Die Sache wird einen schlimmen Ausgang für Frankreich nehmen. Ich hoffe, sie wird sich nicht auch noch schlimm auf unseren Plan auswirken.«

»General von Moltke ist mir durchaus vertraut«, sagte George. »Zwei seiner Stabsoffiziere haben mich letzten Monat besucht. Sie wollten mit meiner Firma wegen der Herstellung gewisser Geschütze verhandeln. Daheim in Pennsylvania arbeitet mein Geschäftsführer an der Kalkulation. Bis jetzt bin ich noch zu keiner Entscheidung gelangt.«

Levies Freundlichkeit schwand dahin. »Wollen Sie damit sagen, die Möglichkeit existiert, daß Sie mit der einen Hand für und mit der anderen gegen Frankreich arbeiten?«

»Die Eisenbranche ist unseligerweise nun mal so. Männer in meiner Branche sind gezwungenermaßen auf beiden Seiten der Schlacht präsent.«

Levies Feindseligkeit schmolz dahin. Er schaute seinen Gastgeber mit zusammengekniffenen Augen an. »Zumindest sind Sie aufrichtig.«

»Genauso aufrichtig sage ich Ihnen, daß ich entschlossen bin, Ihren Plan zu unterstützen, wenn er sich in dem Rahmen hält, den Sie mir angedeutet haben. Wenn Sie es wünschen, können Sie mich zu Ihrer Gruppe zählen.«

Nach einem Moment des Nachdenkens sagte der Journalist: »Gewiß. Sie könnten ein wichtiger Mittelsmann werden. Professor Laboulaye wird überglücklich sein.«

Er sagte nicht, daß er selbst überglücklich war, aber sie schüttelten sich nichtsdestoweniger die Hände. An diesem Abend erkannte George bei einem leichten Abendessen, bestehend aus Kalbsmedaillons und frischen Bohnen - abends gab es keine Süßigkeiten oder schweren Weine mehr; sein Gewicht wurde allmählich zu einem deutlich sichtbaren Problem, vor allem an der Taille -, daß er sich einer neuen Sache verschrieben hatte. Etwas, was nicht mit der Vergangenheit, sondern mit der Zukunft, mit der großen, für 1876 geplanten Feier verbunden war.

Er aß schnell zu Ende, rief sein Personal zusammen und erklärte ihnen, daß er heimfahren werde.

George schickte Jupiter Smith über das Transatlantikkabel eine Nachricht und bestieg in Liverpool die >Persia< der Cunard-Ree-derei. Sie war größer und luxuriöser als Mr. Cunards frühere Schiffe, über deren nüchterne Kabinen sich Charles Dickens geärgert hatte. Die >Persia< versprach >orientalischen Luxus< und eine schnelle Atlantiküberquerung in zehn Tagen.

Am ersten Abend trank George zuviel Champagner, tanzte mit einer jungen polnischen Gräfin und verbrachte zu seiner eigenen Überraschung die Nacht mir ihr. Sie war eine bezaubernde, leidenschaftliche Gefährtin, nur am Augenblick und nicht an der Zukunft interessiert. Er stellte erneut fest, daß seine Männlichkeit nicht vertrocknet war. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der die junge Frau ihn in ihrer Kabine und in ihrem Bett willkommen hieß, erneuerte lediglich sein Gefühl der Liebe für Constance und den damit verbundenen Schmerz.

Am dritten Tag verschlechterte sich seine Stimmung weiter, als der gewaltige Dampfer auf ein Schlechtwettergebiet traf und wie ein Spielzeug zu rollen und zu tanzen begann. Trotz Warnung blieb George an Deck. Der Anblick der grauen Wogen mit den großen, weißen Schaumkronen zog ihn magisch an. Es war Mittag und fast schon stockfinster. Bilder von Constance, Orry und Bent flimmerten durch seinen Kopf.

Die vergangenen zehn Jahre schienen sich wie ein Gummiband durch seine Erinnerung zu ziehen. Er stürzte in den Abgrund.

Etwas in ihm rebellierte, und er versuchte der Düsternis zu entrinnen, indem er nach der Ursache fragte und sich bemühte, verschiedene Fragen zu beantworten, die ihn quälten. Woher rührten diese Schmerzen? Die Antworten ließen sich nicht greifen.

In der Finsternis des Sturms sah er wieder Constance vor sich. Er sah seinen besten Freund Orry. Sein Verstand lieferte eine Reihe von Schlußfolgerungen.

Der Schmerz rührt nicht nur von den Umständen oder den Taten anderer her. Er kommt von innen. Er entspringt dem Verständnis, was wir verloren haben.