Er rührt daher, daß wir wissen, wie närrisch wir waren - eingebildete, arrogante Kinder -, als wir uns für glücklich hielten.
Er entspringt dem Wissen, wie zerbrechlich und dem Untergang geweiht die alten Traditionen waren, gerade als wir sie und uns in Sicherheit wähnten.
Der Schmerz kommt von dem Wissen, daß wir nie in Sicherheit waren und nie in Sicherheit sein werden. Er entspringt dem Wissen, daß wir nie wieder so unwissend sein können. Er stammt daher, daß wir nie wieder Kinder sein können.
Verlorene Unschuld. Erinnerung an den Himmel.
Das ist wirkliche Hölle.
Das Signalhorn des Dampfers ertönte. Die Decksmannschaft eilte in verschiedene Richtungen auseinander. George spürte, wie die Maschine auf volle Kraft zurückschaltete. Ein weißgekleideter Steward erzählte ihm, die beiden kleinen Kinder eines italienischen Olivenmillionärs seien vom Heck ins Meer gespült worden. Die Suche wurde bis zum Einbruch der Dunkelheit unter großen Schwierigkeiten fortgesetzt; zwei Rettungsboote des Schiffes kenterten. Die Kinder wurden nicht gefunden. Irgend-wann in der Nacht hörte George, der seltsam wach und angespannt neben der schlafenden Gräfin lag, wie sich das Geräusch der Maschinen veränderte. Die >Persia< nahm wieder Fahrt auf und setzte die Reise fort, weil keine andere Möglichkeit mehr blieb.
68
Äm Samstag erhielt Jupiter Smith in seinem Haus in Lehigh Station Charles' telegraphische Nachricht. Er sagte seiner Frau, sie solle das Abendessen warmhalten, und ging schnell den Hügel hinunter zum Amt. Der Telegraphist machte gerade seinen Schalter dicht. »Schick das noch los, bevor du gehst, Hiram«, sagte Smith und griff nach einem leeren Formular. Eilig schrieb er in Blockschrift:
MR. HAZARD AUF HEIMWEG MIT CUNARD-LINIE.
UNMÖGLICH ZU ERREICHEN, ABER SICHER
MRS. MAIN HERZLICH WILLKOMMEN FÜR
UNBEGRENZTEN AUFENTHALT.
BEDAURE UMSTÄNDE, DIE DIES ERFORDERLICH MACHEN.
J. SMITH, ESQ.
Charles hatte in seiner Nachricht die Situation auf Mont Royal kurz zusammengefaßt. Jupe Smith konnte nicht begreifen, wieso Madeline Mains Schwägerin so hart gegen eine Verwandte vorging. Er war Ashton Main niemals begegnet, nur Constance hatte mehrmals - in nicht gerader netter Form - von ihr gesprochen.
Hirams Telegraph begann zu klicken. Smith stand schweigend in dem staubigen Wartezimmer; ein vertrautes Gefühl der Enttäuschung über das Verhalten menschlicher Wesen stieg in ihm auf. Es gab einfach keine Erklärung dafür.
Als er die Tür öffnete, um hinauszugehen, fiel ihm ein, daß vielleicht noch jemand von der Familie informiert werden sollte, für den Fall, daß Hilfe und Ermutigung von mehr als einer Person benötigt wurden. Von dem egoistischen Stanley war kein Mitgefühl zu erwarten, doch auf ein anderes Familienmitglied konnte man zählen, nun, da sie sich mit ihrem Bruder ausgesöhnt hatte und wesentlich sanfter geworden war.
»Hiram, bevor du Schluß machst, kannst du noch ein Telegramm abschicken? Das hier geht nach Washington.«
In der Stille des frühen Sonntagmorgens sperrte Sam Stout sein Senatsbüro auf. Es war ein herrlicher Sommertag; im Büro war es bereits warm.
An seinem Schreibtisch begann Stout Briefe seiner Wähler zu beantworten, die meisten von dämlichen Farmern, die er verachtete. Ein Paar aus seinem alten Bezirk in Muncie hatte acht eng beschriebene Seiten geschickt, auf denen sie die Eignung ihres Sohnes für die Militärakademie schilderten. Stout hatte keine Ahnung davon, schrieb aber >Kein Platz verfügbar< darüber und warf den Brief in einen Drahtkorb, damit sein Angestellter die Antwort erledigen konnte.
Er begann einen weiteren Brief zu lesen, gab aber sofort wieder auf. Er warf seine Feder beiseite und überließ sich dem Elend, gegen das er eine lange, schlaflose Nacht hindurch angekämpft hatte. Als er sich von Emily hatte scheiden lassen, um Jeannie zu heiraten, waren er und die junge Frau übereingekommen, daß er zu alt und mit seiner Karriere zu sehr beschäftigt war, um eine neue Familie zu gründen. Er hatte sich darauf verlassen, daß sich das kleine Miststück an die Abmachung halten würde. Gestern abend hatte sie nach einem Champagneressen verkündet, daß sie in sieben Monaten ein Kind zur Welt bringen würde. Stout verbrachte die Nacht in einem getrennten Schlafzimmer.
Nicht nur sein Privatleben, sondern auch alles andere schien schiefzulaufen. Während er bei seiner letzten Tour durch Indiana seine Reden hielt, hatte er deutlich gespürt, daß das Publikum ihn und Republikaner wie ihn, die ständig nach Blut schrien, satt hatte. Obwohl Appomattox erst vier Jahre zurücklag, war die Öffentlichkeit der entzweienden Politik der radikalen Sozialprogramme überdrüssig. Es gab Anzeichen von Unzufriedenheit mit der Grant-Regierung, die gerade erst ihr Amt angetreten hatte. Grant war ein populärer, aber geradezu mitleiderregender naiver Mann.
Das beunruhigte Stout. Er hatte Grant unterstützt, wenn auch mehr aus Zweckmäßigkeit als aus Prinzip. Jetzt fürchtete er, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben.
Seine eigenen lauwarmen Überzeugungen ließen ihn an Virgi-lia Hazards stärkere, ehrlichere Absichten denken. Das wiederum erinnerte ihn an die physische Seite ihrer Beziehung. Jetzt erschien sie ihm verführerischer als früher. Vielleicht war es falsch gewesen, sie so hastig abzuschieben.
Er nahm einen Bogen Papier und begann zu schreiben. Wenn er das hier in Ordnung bringen konnte, dann würde auch alles andere gut werden, das spürte er und ließ Leidenschaft und Einsamkeit in seine Sätze einfließen - selbst das schwierige Eingeständnis, in ihrer Beziehung einen Fehler begangen zu haben.
Er fühlte sich so aufgekratzt wie ein zwanzigjähriger Junggeselle, als er den Brief am frühen Nachmittag aufgab.
Am Montag zog Virgilia ihren grauen Handschuh über den Diamantring ihrer linken Hand und griff nach ihrem Lederkoffer. Vor ihrem Häuschen in der Thirteenth Street wartete eine Droschke, um sie zum Bahnhof zu bringen. Mit einem Blick vergewisserte sich sich, daß alles in Ordnung war. Sie bemerkte den beleidigenden Brief von Sam Stout auf dem Schreibtisch.
In der Aufregung über Smiths Nachricht und den anschließenden Reisevorbereitungen hatte sie ihn ganz vergessen.
Virgilia preßte die Lippen zusammen. Sie stellte den Koffer ab und arbeitete schnell mit Streichholz und Wachs, um Stouts Brief wieder zu versiegeln. Sie strich ihre Adresse durch und schrieb seine darüber. Dann drehte sie den Umschlag um und schrieb auf die leere Seite ein großes Nein.
Sie gab den Brief auf, bevor sie den Nachtexpress nach Rich-mond und Charleston bestieg.
Am Dienstag bot Willa erneut ihre Hilfe beim Packen an. Madeline hatte es bis jetzt hinausgeschoben, als warte sie auf ein Wunder. Es würde keine Wunder geben.
»Also gut, packen wir«, sagte sie niedergeschlagen. »Es gibt nicht viel, was sich mitzunehmen lohnt, aber wenn wir es nicht wegschaffen, wirft sie es bloß weg.«
Sie wickelte gerade Porzellan in Zeitungsblätter, als eine Kutsche ankam. Es waren Theo und seine Frau. Der junge Nord-staatler drückte Madeline die Hand und sagte, daß es ihm leid tue. Marie-Louise, die in ihrem dritten Schwangerschaftsmonat gesund und rosig aussah, ließ ihren Emotionen freieren Lauf.
Sie weinte in Madelines Armen und stieß schluchzend Verwünschungen gegen ihren Vater aus. Madeline tätschelte sie besänftigend. Es schien, als müßte sie stets jemanden trösten. Sie wünschte, jemand würde einmal sie trösten.
Charles kam mit einer Holzkiste herein, die er zusammengenagelt hatte. Er hatte Marie-Louise seit Jahren nicht mehr gesehen, und sie mußten sich erst wieder kurz miteinander bekannt machen.
»Weiß dein Vater, wer in Wirklichkeit die Plantage gekauft hat?«