Marie-Louise nickte. »Am Samstag mittag hatte sich die Neuigkeit schon in Charleston herumgesprochen. Mama sagte, Papa habe es beim Abendessen erwähnt.«
»Und was sagte er?«
Sie antwortete nur widerstrebend. »Daß er seiner Schwester so viel Sympathie entgegenbringe wie allen anderen in der Familie auch, also .« Mit rotem Gesicht platzte sie heraus: »Also praktisch gar keine.«
Charles kaute so heftig auf seiner Zigarre herum, daß er sie beinahe zerbissen hätte. »Fein. Großartig.«
»Mama war so wütend, als sie es mir erzählte, daß sie fluchte. Ich habe noch nie gehört, daß sie Papa verflucht hat. Sie sagte, er verdiene jetzt mit seiner Firma so viel Geld, daß er nicht mehr auf Mont Royal angewiesen sei, und er habe auch für die Plantage nichts übrig. Deshalb hat er sie auch verkauft.« Madeline und Charles wechselten einen Blick, den Marie-Louise nicht bemerkte. »Mama ist wegen der ganzen Angelegenheit todunglücklich. Ich auch. Oh, Madeline, was wirst du jetzt machen?«
»Packen. Bis Freitag warten. Abreisen, wenn Ashton kommt. Was könnten wir sonst tun?«
Willa nahm Charles' Hand. Niemand beantwortete die Frage.
Am frühen Mittwochabend kam Willa vom Rasen hereingerannt, wo sie Gus ein Kartenspiel beigebracht hatte. »Eine Kutsche kommt. Eine Frau, die ich noch nie gesehen habe.«
»Verdammt.« Madeline warf eine Untertasse in die Kiste und brach dabei eine Kante ab. »Ich brauche hier keine Fremden, die sich noch über unser Unglück lustig machen.«
Sie hörte, wie die Kutsche knirschend anhielt. Einige Augenblicke später tauchte eine Frau in grauem Reisekleid mit dazu passendem Hut und Handschuhen im Türrahmen auf. Madelines erschöpftes Gesicht wurde blaß.
»Mein Gott, Virgilia.«
»Hallo, Madeline.« Die beiden Frauen starrten einander an. Charles kam vom Schlafzimmer herein, wo er eine gerahmte Lithographie von West Point abgehängt hatte. Beinahe hätte er sie fallenlassen, als er die Besucherin sah. Natürlich erinnerte er sich an sie, vor allem von ihrem Besuch auf Mont Royal mit George und anderen Familienmitgliedern her.
Damals war sie eine feuerspeiende Abolitionistin gewesen. Sie trug eine überlegene Moral zur Schau und haßte alles, was nach Südstaaten roch. Er erinnerte sich, wie Virgilia ihren Gastgeber Tillet Main gekränkt hatte, als James Huntoon sie beschuldigt hatte, bei der Flucht seines Sklaven Grady behilflich gewesen zu sein. Später hatte sie mit dem Flüchtling im Norden zusammengelebt.
Vor allem erinnerte sich Charles an ihr stolzes, beleidigendes Geständnis an jenem Tag. Er hatte Schwierigkeiten, diese Virgi-lia in der Frau, die nun vor ihm stand, wiederzufinden. Er erinnerte sich an ihre spitze, böse Zunge; jetzt gab sie sich sanft und nachsichtig. Früher war sie ein schlankes Mädchen gewesen; jetzt war sie recht kräftig. Er erinnerte sich an ihre vernachlässigte Garderobe; jetzt war sie konservativ modisch gekleidet und machte trotz der langen Reise einen gepflegten Eindruck.
Er erinnerte sich an sie mit einem Kinn, nicht mit zwei, eine deutliche Erinnerung daran, wie die Zeit verging. In ihrem Fall war die Zeit glimpflich mit ihr umgesprungen.
»Wie ist es dir ergangen, Charles?« sagte sie. »Als wir uns das letzte Mal sahen, warst du noch ein sehr junger Mann.«
Madeline, immer noch verwirrt, erinnerte sich an ihre Manieren. »Möchtest du dich nicht setzen, Virgilia?«
»Ja, danke. Ich bin ziemlich müde. Ich habe den ganzen Weg von Washington im Zuge gesessen.«
Madeline räumte einen Bücherstapel von einem alten Stuhl und bot ihn ihrer Besucherin an. Charles zündete eine Lampe an und stellte Willa vor. Madeline schien nervös zu sein und die Tränen kaum zurückhalten zu können. Er vermutete, daß Virgilias Ankunft ein erwartetes Ereignis zuviel gewesen war. In dem weißgetünchten Haus schlugen die Emotionen hohe Wellen. In den vergangenen Tagen war es mehrfach zu sinnlosen Streitereien gekommen.
Virgilia sagte: »Ich würde gern ein paar Tage bleiben, wenn du erlaubst. Ich bin hier, weil Georges Anwalt mir wegen Ashton telegraphiert hat. Wir müssen einen Weg finden, um das ungeschehen zu machen, was sie getan hat.«
Madeline zerknüllte ihre Schürze zwischen ihren Händen mit den geröteten Knöcheln. »Wir haben hier kein Zimmer frei, Virgilia. Ich fürchte, wir können dir gerade einen Strohsack im Haus eines ehemaligen Sklaven anbieten.«
»Reicht vollkommen«, sagte Virgilia. Sie strahlte eine forsche Herzlichkeit aus. Charles konnte die Wandlung nicht fassen.
»Bitte halte mich nicht für unhöflich«, Madeline räusperte sich, »aber ich begreife es einfach nicht.«
Virgilia rettete sie vor dem peinlichen Schweigen. »Weshalb ich nach allem, was vor Jahren geschehen ist, hier bin? Sehr einfach. Früher waren mir die Gefühle meiner Familie oder meines Bruders egal. Jetzt lege ich großen Wert darauf. Ich weiß, wie sehr George dich und Orry schätzt und wieviel ihm dieser Ort hier bedeutet. Meine frühere Einstellung ließ nicht zu, daß ich die Zeit auf Mont Royal genießen konnte. Ich will mich deswegen nicht entschuldigen. Ich glaube, meine Ansichten waren korrekt, aber das ist längst Vergangenheit. Ich weiß, daß George dir finanziell helfen würde, wenn das die Angelegenheit zu deinen Gunsten regelte. Da dies nicht der Fall ist und er sich immer noch irgendwo auf dem Atlantik befindet, möchte ich mich in irgendeiner anderen Weise nützlich machen. Ich habe viele meiner Meinungen geändert, aber nicht meine Meinung über Ashton. Ich hatte von ihr stets den Eindruck eines oberflächlichen, gehässigen Wesens. Vor allem den schwarzen Männern und Frauen, die ihrem Vater gehörten, trat sie sehr unfreundlich gegenüber.«
»Sie hat sich nicht groß verändert«, sagte Charles. Er riß ein Streichholz an und paffte an seiner Zigarre. »Aber ich fürchte, es ist verdammt egal, was wir denken. Die Plantage gehört ihr. Am Freitag müssen wir hier raus, sonst hetzt sie uns das Gesetz auf den Hals.«
Virgilias alte Kämpfernatur machte sich bemerkbar. »Das ist eine defätistische Haltung.«
»Nun, wenn du eine Grundlage für eine andere Haltung weißt, dann sag sie mir«, schnarrte er.
Madeline flüsterte: »Charles.«
Virgilias sanfte Handbewegung besagte, daß sie sich nicht gekränkt fühlte. Willa meinte: »Es ist noch ein Schluck Bordeaux da. Vielleicht möchte unser Gast ein Glas, während ich das Abendessen richte.«
Niemand schien zu wissen, was er sagen sollte. Das unbehagliche Schweigen hielt an, bis Charles hinausging. Sie hörten ihn draußen nach seinem Sohn rufen.
Virgilia bat Charles am Donnerstag mit ihr einen Spaziergang zum Fluß hinunter zu machen. Es war ein trüber Tag ohne Sonne. Charles wollte nicht gehen, aber Willa drängte ihn.
Die Sägemühle hatte die Arbeit am Dienstag eingestellt. Die Angestellten warteten auf die Befehle der neuen Besitzerin. Neben dem glatten, friedlichen Ashley schlenderte Virgilia zwischen Stößen frischgeschnittenen Zypressenholzes dahin.
»Charles, ich weiß, daß ich viele Jahre lang mit den Mains nicht gut ausgekommen bin, und das aus gutem Grund. Ich hoffe, du glaubst, daß ich mich verändert habe.«
Die Hände in die Hüften gestemmt, schaute er über den Fluß. Er zuckte mit den Schultern, um anzudeuten, daß es immerhin möglich wäre, mehr nicht.
»Also gut. Glaubst du, wir könnten eine Allianz eingehen?«
Er musterte sie. »Wir geben ein ziemlich ungleiches Pärchen ab.«
»Zugegeben.«
»Was für eine Art Allianz?«
»Eine Allianz mit dem Ziel, diese bösartige Frau zu besiegen.«
»Es gibt keine Möglichkeit.«
»Ich weigere mich, das zu glauben, Charles.«
Plötzlich lachte er und entspannte sich. »Vor Jahren habe ich eine Menge Geschichten gehört, Miss Hazard.«
Sie berührte ihn am Ärmel. Er bemerkte ihre von der Arbeit rauhe Hand. »Virgilia«, sagte sie.
»Also gut, Virgilia. Wenn man die Gehässigkeit in diesen Geschichten unberücksichtigt läßt, dann trifft der Rest, glaub' ich, zu. Du bist ungefähr so zäh wie einer meiner Kavallerieser-geants.« Hastig fügte er hinzu: »Das ist als Kompliment gemeint.«