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»Natürlich«, sagte sie mit schiefem Lächeln. Sie dachte kurz nach. »Uns bleiben vierundzwanzig Stunden.«

»Ich denke, ich könnte sie erschießen, aber ich will nicht ins Gefängnis, und eine echte Lösung wäre es auch nicht. Die Plantage würde in den Besitz dieses Pianohändlers übergehen, den sie sich anscheinend geangelt hat.« Er seufzte. »Ich wollte, ich könnte den Kalender eine Woche zurückstellen. Vor dem Verkauf hätte ich sie vielleicht noch abschrecken können. Im Indianerterritorium hatte ich einen Partner, der mir beibrachte, daß Angst eine mächtige Waffe ist.«

Virgilias Interesse war geweckt. »Warte. Vielleicht bist du da auf was gestoßen. Erzähl mir von deinem Partner.«

Er beschrieb Holzfuß Jackson und einige ihrer Erlebnisse. Dann fiel ihm der Vorfall mit den Spuren der falschen Schleppstangen ein, und er erzählte auch davon.

»Holzfuß meinte, Angst sei so mächtig, daß sie einen dazu bringen könnte, das zu sehen, was man erwartete, anstatt das, was wirklich da ist. Ich war der beste Beweis dafür. Ich erkannte ein ganzes Dorf in diesen Spuren.« Wieder zuckte er die Achseln. Aus dieser Geschichte ließen sich keine praktischen Schlüsse ziehen.

Überraschenderweise schien Virgilia leicht erregt zu sein. Am Ende des Piers wirbelte sie herum. »Was du erwartest, anstatt das, was wirklich ist - ich finde das sehr aufregend, Charles. Und jetzt erzähl mir von Ashton. Natürlich hast du sie öfter gesehen.«

Er nickte. »Sie ist älter geworden, wie wir alle. Kleidet sich immer noch wie ein Paradiesvogel. Ich weiß nicht, wie das Leben in Chicago aussieht, aber sie muß sehr auf sich achten. Sie ist immer noch eine Schönheit. Da hat sich nichts geändert.«

Virgilia starrte ihn mit einer Intensität an, die ihn verwirrte. Sie packte seinen Arm. »Fährst du heute nachmittag mit mir nach Charleston? Ich muß einen Apotheker finden.«

Er war erstaunt, stellte aber aus Höflichkeit keine Fragen. Eine halbe Stunde später, als er mit Willa allein war, sagte er: »Mein Gott, sie hat mich zum Narren gehalten. Sie sagte, sie sei hier, um uns zu helfen, statt dessen müssen wir für sie einen Apotheker auftreiben. Wahrscheinlich hat sie irgendwelche Frauenbeschwerden. Ich glaube, sie ist so verrückt wie eh und je.«

Auf der Fahrt nach Charleston erklärte Virgilia, was sie von dem Apotheker wollte und wozu sie es wollte. Zuerst war Charles sprachlos. Dann ging seine Verzweiflung langsam in Skepsis über und dann in eine fast euphorische Hoffnung. Der ganze Einsatz auf einen Würfel.

»Es könnte funktionieren«, sagte er, als sie aus der Apotheke herauskam.

»Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß es nicht funktionieren wird«, sagte sie. »Deshalb dürfen wir vorher niemandem etwas davon erzählen, um keine falschen Hoffnungen zu wecken. Warum lächelst du?«

»Ich habe an meinen Partner Holzfuß gedacht. Dein Mumm würde ihm gefallen.«

»Danke. Hoffentlich ist das alles nicht zur Zeitverschwendung.«

Sie zupfte ihren Rock über ihren Beinen zurecht und umklammerte den Beutel mit ihrem Einkauf. Charles klatschte mit den Zügeln, und die Maultiere vor dem Wagen machten sich auf den Heimweg. Er hatte keinen Grund, die kleine Melodie zu pfeifen, aber er tat es trotzdem.

Der Landauer raste viel zu schnell den Weg hoch. Das Verdeck war hochgezogen, um Ashton und Favor Herrington vor dem Staub der schnellen Fahrt zu schützen. Die beiden Schwarzen in Livree klammerten sich grinsend am Vordersitz fest; sie grinsten wie Jäger, die den Fuchs fast schon sicher hatten. Sie wußten nicht genau, was auf Mont Royal geschah, aber sie hatten schnell mitbekommen, daß die weiße Frau so hoheitsvoll wie eine Königin und so rauh und hart wie ein General war. Sie arbeiteten gern für sie.

Hinter dem Landauer ratterte eine zweite, weniger prächtige Kutsche. Darin saßen zwei Angestellte von Herrington und ein dickbackiger Gerichtsvollzieher, der bestochen worden war, damit er sie begleitete.

Als der Landauer stoppte, spürte Ashton, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Sie hatte schlecht geschlafen und war noch im Dunkeln aus dem Bett gesprungen, um ihr Haar zu kämmen und zu richten. Sie war so nervös wie eine Jungfrau im Brautbett; zumindest vermutete sie, daß sich Jungfrauen so fühlten. Sie war schon seit vielen Jahren keine Jungfrau mehr, daß sie sich unmöglich an dieses Gefühl erinnern konnte.

Diesmal hatte Herrington eine große Reisetasche mitgebracht, deren Inhalt er emsig durchsuchte, während der Fahrer hinabsprang, um die Tür auf Ashtons Seite zu öffnen. Große, blitzende Sonnenlanzen stachen zwischen den gewaltigen Eichen hindurch; die Reste des Flußnebels wurden weggebrannt. Es war halb zehn und versprach ein sengender Junitag zu werden.

Auf Ashtons Oberlippe glänzte der Schweiß. Ihre Augen blickten lebhaft, und trotz ihrer nervlichen Verfassung konnte sie ein Lächeln kaum unterdrücken. Eine halbe Stunde hatte sie zur Auswahl ihres Kleides gebraucht und sich schließlich für ein Stück entschieden, das bei Worth in Paris dreitausend Dollar gekostet hatte. Es war pinkfarben, dezent und elegant. Ihre Handschuhe und ihr kleiner Strohhut waren schwarz. Schwarz und Rosa machten ihr gepudertes Gesicht sehr anziehend.

Cousin Charles hörte die Kutschen und kam in seiner lässigen Art um das Haus geschlendert. Er trug seine alten Kavalleriestiefel, ein Paar ehemals weiße, im Laufe der Zeit gelb gewordene Leinenhosen und ein Hemd mit bis über die Ellenbogen hochgerollten Ärmeln. Sein Haar war immer noch so lang wie das eines Zigeuners, und wie üblich steckte eine übelriechende Zigarre zwischen seinen Zähnen. Cousin Charles war nicht mehr jung, doch Wind und Wetter hatten seine Haut gegerbt und ließen ihn viel älter aussehen. Ashton war stets der Meinung gewesen, daß er ein gutaussehender Mann war. Das wäre auch heute noch so gewesen, wenn er ihr nicht wegen seiner Familienbande verhaßter als eine Schlange gewesen wäre.

»Guten Morgen, mein lieber Charles«, zwitscherte sie. Er lehnte sich gegen einen der Balken des neuen Hauses und starrte sie an. Wären seine Blicke Nägel gewesen, dann hätte er sie damit an die Kutsche genagelt.

Unverschämter Bastard, dachte sie. Herrington winkte seine Angestellten aus der zweiten Kutsche heran. Der Gerichtsvollzieher rülpste und kratzte sich am Bauch. Er schlenderte zur Ecke des weißgetünchten Hauses. Charles riß sich die Zigarre aus dem Mund.

»He, Sie, Moment mal!«

Favor Herrington trat ihm in den Weg. »Dieser Gentleman kann gehen, wohin er will, Mr. Main. Er ist Gerichtsbeamter und vertritt die Eigentümerin. Wir haben ihn mitgebracht, um jeden Ärger zu vermeiden. Uns ist durchaus klar, daß dies für Sie alle kein glücklicher Tag ist.«

Der Anwalt sonderte förmlich Mitgefühl ab. Charles hätte ihm die Faust ins Gesicht gesetzt, aber sie mußten einen größeren Fisch an den Haken kriegen. Niedergeschlagen sagte er: »Sie werden ihn nicht brauchen.«

»Gut. Sehr vernünftig«, sagte Herrington und nickte dem Gerichtsvollzieher zu. Der dicke Mann zerrte an seiner Hose und verschwand aus ihrem Blickfeld.

Ashton schenkte ihrem Anwalt ein strahlendes Lächeln. »Nun, Favor, Sie wissen, was jetzt zu tun ist. Diese beiden Gentlemen werden jedes Heim auf der Plantage aufsuchen und den Niggern mitteilen, daß alle früheren Absprachen, was ihr Land betrifft, null und nichtig sind, falls sie keinen schriftlichen Beweis vorzeigen und die Vertragsbedingungen laut vorlesen können.«

Herrington nickte knapp. Zu seinen beiden blassen Schreiberlingen sagte er: »Ab sofort schuldet jeder Heimstätter hier eine Monatsmiete von fünfundzwanzig Dollar, zahlbar heute um fünf Uhr für zwei Monate im voraus. Können sie nicht zahlen, dann dürfen sie einen dieser Arbeitsverträge unterschreiben, die ich aufgesetzt habe. Oder sie können verschwinden. Ich werde mich euch gleich anschließen. An die Arbeit.«